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Dienstag, 14. Februar 2012
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Spiel mit deutschen Medien Die perfide Taktik der Taliban

26.07.2007 ·  Die Meldungen überschlugen sich: Wieder sei ein Deutscher in Afghanistan entführt worden, ein „Stern“-Reporter gar, und wieder seien es die Rebellen gewesen. Schließlich stimmte nichts davon. Wulf Schmiese über den Erfolg der Taliban im gezielten Kampf mit falschen Nachrichten.

Von Wulf Schmiese
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Den Mittwoch über herrschte große Verwirrung um einen weiteren mutmaßlichen Entführungsfall in Afghanistan. Wieder, so hieß es bis zum Nachmittag in den Medien, sei ein Deutscher verschwunden. Wieder steckten die Taliban dahinter. Am Ende des Tages kam jedoch ans Licht: Beide Angaben stimmten nicht. Der Verschwundene, der unversehrt wieder auftauchte, ist Däne und die vermeintlichen Entführer waren wahrscheinlich keine Taliban.

Das jedenfalls ergaben die Erkenntnisse des Auswärtigen Amts, die dort erleichtert mitgeteilt wurden. Wer Opfer war, wer Täter - darüber gab es stundenlang keine Klarheit. Doch afghanische Gouverneure gaben munter Auskunft, dass der Entführte sich leichtsinnigerweise in gefährliche Regionen aufgemacht habe.

Urlaubsgrüße eines Verschwundenen per SMS

Die Zeitschrift „Stern“ hatte mitgeteilt, es sorge sich um seinen Auslandsreporter Christoph Reuter, der in Afghanistan Urlaub mache und nicht erreichbar sei. Am Nachmittag wurde die schon weithin verbreitete Meldung widerrufen. Reuter hatte sich per SMS bei seinem Arbeitgeber in Hamburg gemeldet, nicht betroffen zu sein und ungestörte Ferien zu verbringen.

Für die deutschen Sicherheitsbehörden und den Krisenstab im Auswärtigen Amt hat sich an diesem Fall beispielhaft gezeigt, wie Taliban in jüngster Zeit stets versuchen, politischen Nutzen aus solchen Vorfällen zu ziehen: Um die vermeintliche „Allmacht der Taliban“ darzustellen, wie es von deutscher Seite heißt, spürten die Islamisten am Hindukusch Informationen über Verschleppungen auf und bezichtigen sich umgehend selbst die Drahtzieher zu sein. (Siehe dazu: Deutsche Geiseln: Berlins medialer Kampf mit den Taliban)

Lösegeld als Ziel

Tatsächlich aber seien sie es in den meisten Fällen nicht. So waren nach deutscher Erkenntnis sowohl die beiden Bautechniker, von denen einer umkam und der andere noch verschleppt ist, als auch der dänische Journalist Opfer aus anderen Gründen. So ist es in den meisten Fällen der der jüngsten Vergangenheit gewesen: Mal ging es um Stammesfehden, mal um Dorfstreitigkeiten.

Bei den entführten deutschen Bauleuten soll es sich gar um eine Verwechselung gehandelt haben. Dem Dänen wiederum sollen die Anhänger des früheren afghanischen Machthabers Hekmatyar als ihr Opfer beansprucht haben. Genaues weiß niemand. Doch meist ist das tatsächliche Ziel wohl, Lösegeld erpressen zu wollen.

Islamisten verfolgen deutsche Berichterstattung

Im Auswärtigen Amt ist man empört über die Darstellung der vergangenen Entführungsfälle in vielen Medien. Denn die Berichterstattung darüber kann als weitgehender Erfolg der Taliban gesehen werden, die nun hierzulande als zunehmend schlagkräftig gelten. In der Kampagne sind diese Islamisten unbestreitbar stark, so sieht es auch das Auswärtige Amt. In ihrer Anzahl jedoch gelten sie dort nicht als so schlagkräftig, wie sie sich darstellen und dargestellt werden.

Die deutschen Sicherheitsdienste fanden nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heraus, dass eine Gruppe von Islamisten im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet die Berichterstattung deutscher Medien über das Internet genau verfolgt. Diese Beobachter verstünden deutsch.

Absurde Forderungen

Immer wieder wenden sich nach Entführungen dieselben drei bis vier Männer an deutsche Nachrichtenagenturen, die sich namentlich vorstellen und als Sprecher der Taliban bezeichnen. Die Deutsche Presse-Agentur sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass ihre Mitarbeiter im Fall der entführten Bautechniker in Kabul angerufen worden seien. Ein „Talibansprecher“ habe auf der Landessprache Paschtu mitgeteilt, die Entführten seien in Hand der Taliban.

Absurde Forderungen an die Bundesregierung zur Auslösung werden von den Taliban jedesmal gestellt: Der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan müsse binnen der nächsten Tage, gar Stunden, vollzogen werden. Schon logistisch eine unlösbare Aufgabe bei 3000 stationierten Soldaten, was zeigt, dass es den Erpressern gar nicht darum geht.

Auch andere Staaten werden auf diese Weise bedroht. Zuletzt traf es Südkorea. Eine Gruppe entführter Südkoreaner diente den Taliban, bei der afghanischen Regierung gefangene Mitkämpfer freizupressen. Den Tod eines der insgesamt 23 Koreaner - ein Pastor, der angeblich erschossen wurde - soll einem „Count-Down“ dienen für die Erpressung.

Ungefilterte Desinformation

Deutsche Sicherheitsbehörden sehen in den Ultimaten und Drohungen an die deutsche Regierung den Versuch der Islamisten, direkt über deutsche Medien die Haltung der Deutschen gegen den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu beeinflussen. Anhand der Mobilfunknummern konnte nachgewiesen, dass die Anrufer von der pakistanischen Provinzhauptstadt Quetta aus handeln, die knapp 100 Kilometer von der afghanischen Grenze zur Provinz Kandahar liegt, einer Hochburg der Taliban.

Das Streuen falscher Informationen - etwa, dass der noch entführte Deutsche wie sein verstorbener Begleiter schwer an Diabetes leide - erschwerten die Arbeit auf deutscher Seite sehr, heißt es. Denn diese Desinformation würde häufig ungefiltert an die Öffentlichkeit weitergereicht.

Kritische Stunden

Die Bundesregierung fühlt sich daraufhin verpflichtet, Falschmeldungen über verschleppte Landsleute klarzustellen und werde so in die direkte Auseinandersetzung mit Taliban verwickelt. „Für das operative Geschäft ist das nicht hilfreich“, heißt es. Als besonders kritisch gelten die ersten zwölf bis 15 Stunden einer Entführung, während derer die tatsächliche Lage über Ortskräfte deutscher Nachrichtendienste geprüft werden muss. In dieser frühen Phase nehmen die Taliban Gerüchte über deutsche Medien auf und bringen sie als Tatsachen in Umlauf.

So meldete auch im Fall des entführten Journalisten der deutsche Dienst der Nachrichtenagentur Associated Press am Nachmittag: „Die Serie von Geiselnahmen Deutscher in Afghanistan geht weiter: Eine Woche nach der Entführung zweier Ingenieure brachten Taliban in der ostafghanischen Unruheprovinz Kunar einen deutschen Journalisten und zwei afghanische Kollegen in ihre Gewalt.“ (Siehe dazu: In Afghanistan entführter Journalist wieder frei)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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