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Spanien unter Schock : Polizei greift in Katalonien brutal durch

  • Aktualisiert am

Ein Polizist geh in Barcelona auf Demonstranten los: „Ich habe den Hass in ihren Augen gesehen.“ Bild: dpa

Am Tag des Referendums über ein unabhängiges Katalonien berichten Augenzeugen von Ausbrüchen von Polizeigewalt gegen friedliche Bürger. Da platzt selbst einem spanischem Fußball-Star der Kragen.

          Es sind erschreckende Bilder, die am Sonntag aus Spanien in die Welt getragen werden. Polizeieinheiten mit schwerer Stoßtrupp-Ausrüstung sind auf den Straßen Kataloniens unterwegs. Um neun Uhr morgens beginnt schon der Einsatz der Guardia Civil. Vor mehreren Wahllokalen gehen die Beamten rabiat auf Bürger los, treten sie, reißen sie an den Haaren und schleifen sie über den Boden. Später sollen vereinzelt auch Gummigeschosse und Schlagstöcke eingesetzt worden sein - alles, um das von der Justiz und von der Zentralregierung in Madrid verbotene Unabhängigkeitsreferendum in der aufmüpfigen Region zu blockieren.

          „Einen Krankenwagen! Einen Krankenwagen!“, ruft eine junge Frau vor einem Wahllokal und hält eine ältere Frau in den Armen, die heftig am Kopf blutet. „Als die Menschen deutlich machten, dass sie sich nicht vom Wahllokal wegbewegen würden, haben sie uns mit Schlagstöcken attackiert“, zitierte die Zeitung „La Vanguardia“ einen Katalanen vor der Schule „Ramon Llull“ in Barcelona. „Den Hass in ihren Augen werde ich nicht vergessen. Sie haben auch Alte und Kinder angegriffen, es war ihnen egal.“ Die Bilanz bis zum späten Abend: Mindestens 761 verletzte Bürger, einige davon schwer, wie das katalanische Gesundheitsministerium mitteilte.

          Videos mit Aufnahmen der Polizeigewalt machen schnell auch außerhalb Spaniens die Runde und sorgten den ganzen Tag über für erhitzte Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern der Volksbefragung. Die Bilder von blutüberströmten Gesichtern, schreienden Kindern und prügelnden Sicherheitskräften könnten Ministerpräsident Mariano Rajoy nun zum Verhängnis werden, denn seine konservative Minderheitsregierung hatte die Sicherheitskräfte entsandt - und offenbar zum harten Durchgreifen aufgefordert.

          Sogar entschiedene Gegner des Referendums und der Unabhängigkeit schüttelten angesichts des brutalen Vorgehens entsetzt den Kopf. Einer der angesehensten TV-Journalisten Spaniens, Jordi Évole, der die illegale Abstimmung bisher scharf kritisiert hatte, postete auf Twitter: „Diejenigen, die sich diesen Plan zur Verhinderung des Referendums ausgedacht haben, wissen womöglich nicht, dass sie vielleicht den endgültigen Weggang Kataloniens eingeleitet haben.“

          Der einflussreiche Chef der katalanischen Sozialisten (PSC), Miquel Iceta, ebenfalls ein Gegner der Separatisten, rief Rajoy und Kataloniens regionalen Regierungschef Carles Puigdemont wegen der Ereignisse am Sonntag zum Rücktritt auf, „wenn sie es nicht schaffen, die Normalität wiederherzustellen“. Der „inakzeptable“ und „unverhältnismäßige“ Polizeieinsatz müsse sofort eingestellt werden, forderte er. Auch dem früheren Barcelona-Star Xavi platzte der Kragen. „Was heute in Katalonien passiert, ist eine Schande“, erklärte der sonst zurückhaltende Fußball-Weltmeister von 2010 in einer Videobotschaft empört.

          Katalonien : Rangelei mit Polizei wegen Referendum

          Rajoy, der bis zuletzt jeden Dialog mit den Separatisten abgelehnt hatte und am Sonntag sich lange nicht öffentlich blicken ließ, wurde sogar von der regierungsnahen konservativen Zeitung „ABC“ gewarnt: Der Ministerpräsident werde den Kopf hinhalten müssen, falls es in Katalonien schief laufen sollte, so das Blatt.

          Der konservative Politiker trat am Abend nach 20.00 Uhr vor die Presse. Kein Wort des Mitgefühls für die Verletzten aber. Der 62-Jährige gab der Regionalregierung und den Wählern die Schuld an den Zwischenfällen. „Die Verantwortlichen sind die, die das Gesetz gebrochen haben“, sagte er trocken, und versicherte: „Wir haben nur unsere Pflicht erfüllt und das Gesetz befolgt.“

          Der Alarm schrillt inzwischen auch außerhalb Spaniens. Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok sprach sich dafür aus, dabei zu helfen, „Druck aus dem Konflikt zu nehmen“. Man könne sich aber auch nicht auf die Seite Kataloniens schlagen. „Sonst fliegt uns der Laden um den Kopf“, sagte Brok der „Frankfurter Rundschau“. Der Fraktionschef der Liberalen im Europaparlament, Guy Verhofstadt, schrieb auf Facebook: „Ich will mich nicht in innenpolitische Angelegenheiten in Spanien einmischen, aber ich verurteile scharf, was heute in Katalonien passiert ist.“

          Katalonien : Verletzte am Rande des Referendums

          Die Katalanen reagierten unterdessen geschockt, aber gewaltlos. Immer wieder stimmten sie Lieder und Sprechchöre an, hoben ihre Hände über den Kopf und umarmten sich. Der Tenor: „Votarem!“ - „Wir werden wählen“ auf Katalanisch, so oder so. Denn schon lange hatte sich ein Großteil der Bevölkerung eine Volksbefragung über die Abspaltung der wirtschaftsstarken Region gewünscht - und das, obwohl nicht einmal die Hälfte der Bürger wirklich für die Trennung ist. Es geht vor allem um das Recht, selbst und ohne Einmischung aus dem vermeintlich „korrupten“ Madrid über die Frage abzustimmen.

          Vor einem anderen Wahllokal in der sonst so weltoffenen Metropole Barcelona kommt ein junger Mann weinend und mit zerrissenem Hemd auf Journalisten zu. Er hat überall blaue Flecken am Körper, wurde von der Polizei niedergeknüppelt. „Dabei wollte ich bei dem Referendum mit „Nein“ stimmen. Wir wünschen uns nur Demokratie“, sagt er erschüttert. „Mich haben sie gestoßen und auf den Boden gerissen. Das Niveau der Aggressivität ist noch höher, als wir erwartet hatten“, erklärt auch die 54-jährige Katalanin María.

          Andernorts blieb es hingegen friedlich, so etwa im Örtchen Arenys de Munt nordöstlich von Barcelona. Insgesamt hätten 59 Prozent der knapp 6500 Wahlberechtigten abgestimmt, sagte Bürgermeister Joan Rabasseda am Abend. Vor dem Wahllokal im Rathaus hätten sich lange Schlangen gebildet, die Menschen freuten sich und feierten - Polizei war nicht in Sicht.

          Quelle: dpa

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