28.07.2010 · Angeblich aus Gründen des Tierschutzes hat das katalanische Parlament die Corrida verboten - den Stierkampf. Alles deutet aber darauf hin, dass die Abgeordneten mit ihrem Votum vor allem Madrid treffen wollten - um zu demonstrieren, dass Katalonien nicht Spanien ist.
Von Leo Wieland, MadridDer Tod am Nachmittag starb am Mittwochvormittag im katalanischen Parlament zu Barcelona. Dort votierten 68 Abgeordnete für ein Verbot des Stierkampfs in der Autonomen Region, bei 55 Gegenstimmen und neun Enthaltungen. Noch haben die „aficionados“ eineinhalb Jahre Gnadenfrist, um in der Monumental-Arena der Hauptstadt vielleicht noch einmal José Tomás zu sehen, den furchtlosesten und wagemutigsten aller zeitgenössischen Toreros. Zum 1. Januar 2012 soll Schluss sein mit dem blutigen Spektakel, dem Ernest Hemingway in seinem Essay „Death in the Afternoon“ 1932 ein literarisches Denkmal setzte.
Wäre es bei der Entscheidung im spanischen Nordosten vorwiegend um den Tierschutz gegangen, dann wären jetzt die Debatten darüber vorwiegend moralischer, philosophischer oder umweltlicher Natur. Er ging aber in Wahrheit darum, „Spanien“ eins auszuwischen - und damit um krude Politik. Die Strategie der Nationalisten, die im Gewand der Ökologie und angewandten Tierliebe daherkam, ist aufgegangen. Nach den Kanarischen Inseln, wo schon seit einigen Jahren, ohne dass es darob größeres Aufsehen gegeben hätte, keine Corridas mehr stattfinden, ist Katalonien nun die zweite Region, die - aus politischem Kalkül - gefolgt ist.
Die katalanischen Wahlen im Herbst schüren das Feuer
Seit das spanische Verfassungsgericht vor einigen Wochen der katalanischen „Nation“ eine Absage erteilte und den Begriff in dem neuen Autonomiestatut für „rechtlich bedeutungslos“ erklärte, köchelt es bei den katalanischen Nationalisten. Dass im Herbst in Katalonien gewählt wird und die Parteien sich dafür in Stellung bringen wollen, schürt das Feuer. Das Stierkampfverbot ist daher sowohl eine Retourkutsche nach dem Verdikt der vermeintlichen „Españolistas“ am Madrider Gerichtshof und Vorbote eines sich ankündigenden Wahlkampfs mit starken separatistischen Unterströmungen.
Todesstoß für den Stierkampf in Katalonien: In einer historischen Abstimmung hat das Parlament von Spaniens wirtschaftsstärkster Region am Mittwoch die Abschaffung des blutigen Brauchs ab 2012 beschlossen. Es ist das erste Verbot des umstrittenen Spektakels auf dem spanischen Festland. 68 Abgeordnete votierten in Barcelona für den Bann, 55 dagegen. Neun enthielten sich. Ausschlaggebend waren die Stimmen der katalanischen Nationalisten und Separatisten. Sie betrachten die Stierkämpfe als Ausdruck eines „spanischen Imperialismus“.
Wer stimmte nun im katalanischen Parlament wofür? Die harten Nationalisten der Partei Esquerra Republicana (ERC) und der grünen Kommunisten (ICV) votierten geschlossen für das Verbot, die konservative Volkspartei (PP) und die liberale Gruppierung Ciutatans geschlossen dagegen. So lag das Resultat in Händen der Abgeordneten der beiden größten Parteien: der mit den Grünen und Esquerra in einer Dreierkoalition regierenden Sozialisten (PSC) und der gemäßigt nationalistischen Convergència i Unió (CiU). Die beiden Fraktionsführungen gaben mit der Begründung, es handle sich hier um einen „Gewissensentscheid“ jedes einzelnen Parlamentariers, die Abstimmung frei. Das führte dazu, dass sich das Gros von CiU für ein Verbot aussprach, während ihre Abgeordneten aus dem Ebrodelta, wo der Stierkampf unverändert populär ist, sich enthielten. Den Ausschlag gab schließlich eine Minderheit der Sozialisten, die weder ihrem Ministerpräsidenten José Montilla, noch den diskreten Empfehlungen der Mutterpartei in Madrid folgten. Sie zeigten ihr katalanistisches Profil und schlossen sich den „antitaurinos“ an.
Hier geht es weniger um die Fiesta als das „Nationale“
Wie schon so oft, machte Montilla auch bei dieser Gelegenheit eine unglückliche Figur. Der Regierungschef, der aus dem andalusischen Córdoba stammt und früher ein begeisterter Stierkampfgänger war, mutierte im Zug seiner politischen Karriere zu einem katalanischen Nationalisten, der - obschon noch immer etwas gebrochen - auch nur noch katalanisch sprechen mag. Montilla ließ zwar wissen, dass er eigentlich gegen ein Verbot sei. In der Debatte am Mittwoch sagte er aber nicht nur kein Wort, sondern kam erst Sekunden vor der Abstimmung in den Plenarsaal, um den Fernsehkameras kein Motiv zu bieten. Dort votierte er dann erst gegen ein Verbot und rief danach zu „Mäßigung und Verantwortungsbewusstsein“ auf.
Dass es hier weniger um die Fiesta als das „Nationale“ ging, fiel auch dem peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa auf, einem der unbestechlichsten Beobachter spanischer Eigentümlichkeiten. Er sagte: „Hinter diesen Versuchen, die Stierkämpfe zu verbieten, steckt eine politische Operation mit dem Ziel, zu demonstrieren, dass Katalonien nicht Spanien ist.“ Seine Stimme war eine in dem dissonanten Konzert der Gegner und Befürworter. Vertreter beider Gruppen - die einen jubelnd, die anderen wütend - versammelten sich am Mittwoch auch vor den Türen des Parlaments. Der Tag gehörte aber den Siegern, die im Überschwang schon eine landesweite Kampagne für ein Verbot ankündigten.
Explodierende Böller zwischen den Hörnern bleiben erlaubt
In Katalonien hatte diese bereits im Jahr 1988 begonnen, als sich regionale Nationalisten und Umweltschützer verbündeten und eine Reform des Tierschutzgesetzes verlangten. Lange passierte nichts, bis dann im Jahr 2003 als erster Schritt Minderjährigen unter 14 Jahren der Zugang zur Arena verwehrt wurde. Ein Jahr später erklärte sich Barcelona symbolisch und ohne unmittelbare Folgen zu einer „Anti-Stierkampf-Stadt“. Im Jahr 2007 feierte allerdings eben dort José Tomás an einem denkwürdigen Nachmittag - allein gegen sechs Toros - ein triumphales Comeback vor ausverkauftem Hause. Im Jahr darauf begann eine Bürgerinitiative namens „Plattform Prou“ (Es reicht) dann aber Stimmen für ein Volksbegehren zu sammeln. Mehr als 180 000 Unterschriften präsentierte sie als Anstoß für eine Gesetzesvorlage. Nun war das Parlament gefordert. Im vergangenen Dezember stimmten 67 Abgeordnete bei 59 Gegenstimmen und fünf Enthaltungen - einem ähnlichen Ergebnis wie jetzt - dafür, die Vorlage zu behandeln.
Als das katalanische Parlament den Schlusspunkt setzte, geschah das mit einer Einschränkung. Eine regionale Tradition, die „carrebous“, wurde bei dem neuen Tierschutzgesetz ausdrücklich ausgenommen. Dabei handelt es sich um nicht sonderlich stierfreundliche Bräuche, bei denen die Tiere an Festtagen mit explodierenden Böllern zwischen ihren Hörnern durch die Straßen gejagt werden. Aber diese Sitten haben eben keine „spanischen“ Wurzeln.
Der Verbotsentscheid dürfte Katalonien noch teuer zu stehen kommen, denn der Stierkampf ist ein einträgliches, weitgehend von Touristen getragenes Geschäft. Die Verluste durch direkte und indirekte Einnahmeausfälle werden auf bis zu 400 Millionen Euro geschätzt. Die Betreiber der Monumental-Arena in Barcelona müssen außerdem entschädigt werden. Doch dem Gesetzgeber scheint das nicht zu kostspielig. Die „protaurinos“ haben bereits angekündigt, beim Verfassungsgericht in Madrid gegen den Verbotsentscheid zu klagen. In der Frage der katalanischen „Nation“ hatten sich die dortigen Richter volle vier Jahre Zeit gelassen - sollte sich Ähnliches in Sachen Corrida wiederholen, dürfte das politische Personal in Katalonien - Montilla eingeschlossen - schon längst ganz anders aussehen.
Leo Wieland Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.
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