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Spanien nach dem WM-Titel Einheit und Vielfalt statt Einfalt in Zwietracht

13.07.2010 ·  Der Sieg bei der Fußball-WM war ein Geschenk des Sports an eine Nation voller Selbstzweifel, selbst die Separatisten üben sich nun in scheinbarer Solidarität. Ob das Zapatero zu neuer Zuversicht verhilft? Der Regierungschef legt dem Parlament am Mittwoch seinen Bericht zur Lage der Nation vor.

Von Leo Wieland, Madrid
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Spanien ist am Montag mit dem erfrischenden Gefühl der Einheit in Vielfalt aufgewacht. Es war ein Geschenk des Sports an eine Nation voller Selbstzweifel, von dem sich die Politiker bis an die separatistischen Ränder ruhig eine Scheibe abschneiden könnten. Der Fußball als harmloses kollektives Delirium ließ über Wochen hinweg das fatalistische, verwirrte, von Wirtschaftskrise und Nationalitätenkonflikten gebeutelte andere Spanien fast vergessen.

Wenn der Regierungschef und oberste Krisenmanager José Luis Rodríguez Zapatero nun dem Parlament an diesem Mittwoch seinen Bericht zur Lage der Nation vortragen muss, mag er das mit von einer vorbildlichen Fußballmannschaft geliehenen neuen Zuversicht tun. Denn der Gewinn der Weltmeisterschaft besteht für die Spanier unter anderem in der Erkenntnis, dass gebündelte Begabung und entschlossener Einsatz von Leuten aus La Mancha, Katalonien, Asturien und anderen Gegenden des Landes große Erfolge versprechen und auch halten.

Nicht die lokale Nabelschau und die Einfalt in Zwietracht lassen das Land auf der internationalen Karte glänzen. Gerade weil die Wettbewerbsfähigkeit Spaniens wirtschaftliche Achillesferse ist, ist die anerkannte Wettbewerbsfähigkeit seiner Sportler - neben dem Fußball außerdem beim Tennis, Basketball, dem Motorsport oder der Tour de France - seinem Ruf über die Pyrenäen hinaus so zuträglich.

Dass zum Beispiel spanische und katalanische Fahnen ohne Bitterkeit nebeneinander geschwenkt werden können, ist auch eine Erfahrung vom Fußballfeld, wo die gleichen Farben nicht als Kampf- und Kontrastmittel dienten. Es gehört zu der Ironie der Zeitgeschichte, dass dem erstmaligen Triumph vom Sonntag in Südafrika jene spalterische Kundgebung in Barcelona vorausging, bei welcher auf ein Urteil des Verfassungsgerichts über das reformierte Autonomiestatut mit Unabhängigkeitsparolen geantwortet wurde.

WM-Sieg sorgt anscheinend für Solidarität

Parteien, die sonst zerstritten sind, und Politiker, die vom Schüren regionaler Auseinandersetzungen leben, präsentierten sich nun aus Anlass des Sieges im Endspiel in scheinbarer Solidarität. Das alles wurde von den Bildern aus Südafrika auf wohltuende Weise konterkariert.

Im spanischen Vielvölkerstaat hoffte die große Mehrheit nach dem überraschend glatten Übergang von der Franco-Diktatur zu einer parlamentarischen Monarchie, dass die demokratische Verfassung aus dem Jahr 1978 die inneren Ungleichgewichte austarieren würde. Obwohl kein Föderalstaat, wuchs Spanien zu einem - was verschiedene Nationalitäten, Sprachen und Regionalinteressen angeht - soliden und prosperierenden europäischen Partner heran.

Geschäfte mit den Nationalisten

Jede Madrider Regierung - ob sozialistisch oder konservativ geführt - konzedierte den „Ländern“ mehr politische, finanzielle und kulturelle Autonomierechte, weil sie die nationalistischen Parteien im Baskenland, in Katalonien und in Galicien als Mehrheitsbeschaffer brauchten. In dieser Lage fand sich auch Zapatero mit seiner Minderheitsregierung vom ersten Tag an. Bis ihm die Wirtschaftskrise zum Verhängnis wurde, gingen die Geschäfte mit den Nationalisten leidlich gut. Aber nun hat er materiell nicht mehr viel zu bieten, und die obersten Richter korrigierten dazu seine Innenpolitik der zweifelhaften Zugeständnisse.

Seitdem sind die Separatisten überall bereit, ihn bei nächster Gelegenheit - das wäre bei den Haushaltsberatungen für das Jahr 2011 im Herbst - fallenzulassen. Sie, das musste auch Zapatero schmerzlich erfahren, leben politisch davon, dass nichts sie zufriedenstellen kann. Sie spielen, wenn man sie gewähren lässt, ein Spiel, in dem es auch niemandem außer ihnen erlaubt ist, Tore zu schießen. Und das sprengt eben den Rahmen, den auch eine großzügige Verfassung setzen muss.

Nach außen projizieren, was innen fehlt

Es ist gut für Spanien, dass der Sport nicht nur eine patriotische Grundwelle bis an alle Küsten erzeugt hat, sondern auch eine Grundwertedebatte über Dinge wie Teamgeist, gemeinsamen Ehrgeiz und beherrschten Eigennutz angestoßen hat. Jenes Spanien, das durch sportliche Leistungen nach außen ein Bild anziehender Modernität zu projizieren vermochte, braucht von solchen Qualitäten nach innen so viel, wie es nur mobilisieren kann.

Dabei sind die Aussichten gar nicht so schlecht, weil die Separatisten bei den Wahlen der letzten Jahre schwächer geworden sind. Im Baskenland gab es einen Machtwechsel. Die Terrororganisation Eta hat in einem zupackenden Rechtsstaat einen immer wirkungsvolleren Gegner gefunden. Das Hauptproblem stellt gegenwärtig Katalonien dar, wo der Drang, sich von Spanien abzugrenzen, eine nahezu irrationale Intensität angenommen hat.

Als der nationale Konsens aus der Zeit des „Übergangs“ noch funktionierte, waren sich die beiden an der Regierungsmacht alternierenden großen Parteien zumindest in den existentiellen Fragen Spaniens einig. Eigentlich sind sie das noch immer. Aus machtpolitischen und parteitaktischen Gründen wurde jener Vorrat an Gemeinsamkeiten aber in den letzten Jahren arg strapaziert.

Das ist letztlich zum Nachteil der Sozialisten wie der Konservativen. Eine Art großer Koalition, wie sie im Baskenland wider Erwarten respektabel funktioniert, wäre angesichts der ökonomischen Schwierigkeiten ein kleineres Übel, als sich ständig von denen ausspielen zu lassen, die ein ganz anderes Spanien wollen - oder gar keines.

Die Unbefangenheit des Sportpatriotismus

Der Explosion des Sportpatriotismus, der am Montag bei Empfängen durch König Juan Carlos und Ministerpräsident Zapatero gleichsam institutionalisiert wurde, haftete nichts von dem ranzigen spanischen Nationalismus aus den Zeiten der Diktatur an. Die Unbefangenheit, mit der sich eine neue Generation junger Spanier in ihre Nationalfarben hüllte, erinnerte an ähnlich unbeschwerte Bilder in Deutschland - während des „Sommermärchens“ von 2006, doch auch während des jüngsten Turniers in Südafrika. Für die Monarchie, die als Hüterin der Einheit des Landes ihre von der Verfassung vorgegebene wichtigste Bestimmung hat, fiel dabei ebenfalls ein Bonus aus.

Der noch von einer Operation genesende König hatte seine Frau und den Thronfolger zum Endspiel entsandt, wo sie mit Worten und Gesten auszudrücken verstanden, was auch ihre Landsleute bewegte. Sofía wahrte geradezu königliche Contenance, als sie bei einem Besuch in der Umkleidekabine einem nur mit einem Handtuch bekleideten Spieler begegnete. Mehr Volkstümlichkeit war da schwerlich denkbar.

Die aus Griechenland stammende Prinzessin mit ihrer deutschen Erziehung - in Salem - passte aus der Sicht nicht nur spanischer Monarchisten sogar trefflich zu dem neuen Selbstbild, wonach Spanien vom Fußball bis zur Volkswirtschaft eigentlich im besten Sinne auf dem Weg zu einer „Germanisierung“ sei, obschon mit eigener Grazie und mediterranem Stil.

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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