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Spanien Krisenkinder

 ·  In Spanien sind so viele junge Leute arbeitslos wie nirgendwo sonst in der Eurozone. Das verändert das Land - aber nicht nur dieses. Ein Blick auf Barcelona.

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© Polaris/laif Vergrößern Die Empörten: Am Jahrestag der „Bewegung 15. Mai“ demonstrieren Jugendliche in Barcelona gegen Arbeitslosigkeit, die Banken („Diebe“) und die Sparpolitik

Es gibt Dinge, die ändert auch die Krise nicht. In Barcelona heißt das: Diese Stadt ist ein Ort der Sehnsucht. Die Ramblas, die Promenade vom Plaça de Catalunya zum Hafen, ist voller Flaneure. Schüler, Studenten, Touristen schlendern in der Mittagssonne durch Gaudís Park Güell. Schöne junge Leute bevölkern schöne Plätze. Am Horizont schimmert das Meer.

Doch die Sehnsucht ist nicht mehr ganz die alte. Wer sich den jungen Leuten nähert, kann Gesprächsfetzen hören wie: „Haben sie dich schon angerufen?“ - „Nur so wenig?“ - „Kannst es ja mal versuchen.“ Und er kann hören, wie ein Mittzwanziger seinen Eltern erzählt, er habe sich bei McDonald’s beworben, ohne Erfolg, trotz Diploms. Oder er hört von der Akademikerin, die sich um einen Job im Callcenter bewarb - und dafür ein Empfehlungsschreiben ihres Professors vorlegen musste.

Oder er trifft am Abend nahe dem Alten Hafen Marcelino. Kräftige Arme, kurze blonde Haare, blaue Augen. Er sitzt im Licht einer Laterne auf den Stufen der Basilika der Gnade. Hin und wieder nimmt er einen Schluck Fleischbrühe aus dem Pappbecher, den ihm zwei Freiwillige gereicht haben, die sich um Obdachlose kümmern. In den Bars ringsum lärmen betrunkene Touristen. Marcelino stammt aus Pontevedra in Galicien an der Grenze zu Portugal. Erst vor zwei Tagen sei er in Barcelona angekommen, erzählt er. Auf dem Bau, wo er fünfzehn seiner dreißig Lebensjahre arbeitete, fand er keinen Job mehr. Dann lief das Arbeitslosengeld aus, das Ersparte war weg, die Baufirma des Vaters pleite.

„Ich dachte, hier finde ich leichter Arbeit“, sagt Marcelino. Mehr als 900 Kilometer ist er nun von zu Hause weg, auch von seinem kleinen Sohn, dessen Mutter er keinen Unterhalt mehr zahlen kann. Tagsüber stellt er sich an Baustellen vor, ohne Erfolg. Für zwei Nächte konnte Marcelino sich noch eine Herberge leisten. Nun muss er auf der Straße schlafen. Alleine wäre das zu gefährlich. Deshalb hat er sich mit Walid zusammengetan, dem wirr blickenden Tunesier, der neben ihm auf den Stufen sitzt. Wenn Marcelino in Barcelona nichts findet, will er weiterziehen, nach Ibiza. Doch für die Fähre müsste er erst einmal wieder an etwas Geld kommen.

„Gehen und bleiben und im Bleiben scheiden/scheiden ohne Seele und gehen mit fremder Seele/hören die süße Stimme einer Sirene...“, dichtete Lope de Vega vor 400 Jahren. Es passt auf die Generation von heute, die Krisenkinder, die nicht wissen, was sie tun sollen. Da sind diejenigen, die wie Marcelino im Bauboom das schnelle Geld einer Ausbildung vorzogen und nun keine Arbeit mehr finden. Die noch Glück haben, wenn sie nach Hab und Gut nicht auch noch die Familie verlieren. Und diejenigen, die sich trotz Studiums und Diplom mit schlecht bezahlten Kurzzeitverträgen über Wasser halten müssen.

Gehen oder bleiben? Viele gehen. Manche nur widerwillig. Wer bleibt, sieht das Leben anders als die Eltern, als Spaniens Aufsteigergeneration mit ihrem Traum von Eigenheim, Autos, Fernreisen, vom Versprechen, dass es den Kindern noch besser gehen sollte. Vom Scheitern des Traums künden vielerorts die Grundmauern von Wohnsiedlungen, die nicht weiter wachsen werden.

Freiheit und Rechte neben Muscheln und Garnelen

Damit wollen sich nicht alle abfinden. Mitglieder der Gewerkschaft Comisiones Obreras haben zu einer Maidemonstration eine Plastikfigur mitgebracht, die Ministerpräsident Mariano Rajoy darstellen soll. Eine Schere, Symbol der Proteste gegen den Sparkurs der Regierung, steckt in der linken Schläfe, darunter ein Zettel: „Ui, da ist Mariano die Schere ausgerutscht.“ Es sieht aus, als tanzte die Figur über den Köpfen der Menge, die durch das Zentrum von Barcelona zieht. Von einem Wagen dröhnt Revolutionsrock: „Bella, ciao, bella, ciao, bella, ciao, ciao, ciao...“

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