Home
http://www.faz.net/-gpf-704v0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Spanien Krisenkinder

In Spanien sind so viele junge Leute arbeitslos wie nirgendwo sonst in der Eurozone. Das verändert das Land - aber nicht nur dieses. Ein Blick auf Barcelona.

© Polaris/laif Die Empörten: Am Jahrestag der „Bewegung 15. Mai“ demonstrieren Jugendliche in Barcelona gegen Arbeitslosigkeit, die Banken („Diebe“) und die Sparpolitik

Es gibt Dinge, die ändert auch die Krise nicht. In Barcelona heißt das: Diese Stadt ist ein Ort der Sehnsucht. Die Ramblas, die Promenade vom Plaça de Catalunya zum Hafen, ist voller Flaneure. Schüler, Studenten, Touristen schlendern in der Mittagssonne durch Gaudís Park Güell. Schöne junge Leute bevölkern schöne Plätze. Am Horizont schimmert das Meer.

Friedrich Schmidt Folgen:

Doch die Sehnsucht ist nicht mehr ganz die alte. Wer sich den jungen Leuten nähert, kann Gesprächsfetzen hören wie: „Haben sie dich schon angerufen?“ - „Nur so wenig?“ - „Kannst es ja mal versuchen.“ Und er kann hören, wie ein Mittzwanziger seinen Eltern erzählt, er habe sich bei McDonald’s beworben, ohne Erfolg, trotz Diploms. Oder er hört von der Akademikerin, die sich um einen Job im Callcenter bewarb - und dafür ein Empfehlungsschreiben ihres Professors vorlegen musste.

Oder er trifft am Abend nahe dem Alten Hafen Marcelino. Kräftige Arme, kurze blonde Haare, blaue Augen. Er sitzt im Licht einer Laterne auf den Stufen der Basilika der Gnade. Hin und wieder nimmt er einen Schluck Fleischbrühe aus dem Pappbecher, den ihm zwei Freiwillige gereicht haben, die sich um Obdachlose kümmern. In den Bars ringsum lärmen betrunkene Touristen. Marcelino stammt aus Pontevedra in Galicien an der Grenze zu Portugal. Erst vor zwei Tagen sei er in Barcelona angekommen, erzählt er. Auf dem Bau, wo er fünfzehn seiner dreißig Lebensjahre arbeitete, fand er keinen Job mehr. Dann lief das Arbeitslosengeld aus, das Ersparte war weg, die Baufirma des Vaters pleite.

19822612 © AFP Vergrößern Das Symbol der Proteste ist die Schere. Hier steckt sie in einer Plastikfigur von Mariano Rajoy, dem Ministerpräsidenten. Darunter: „Ui, da ist Mariano die Schere ausgerutscht“

„Ich dachte, hier finde ich leichter Arbeit“, sagt Marcelino. Mehr als 900 Kilometer ist er nun von zu Hause weg, auch von seinem kleinen Sohn, dessen Mutter er keinen Unterhalt mehr zahlen kann. Tagsüber stellt er sich an Baustellen vor, ohne Erfolg. Für zwei Nächte konnte Marcelino sich noch eine Herberge leisten. Nun muss er auf der Straße schlafen. Alleine wäre das zu gefährlich. Deshalb hat er sich mit Walid zusammengetan, dem wirr blickenden Tunesier, der neben ihm auf den Stufen sitzt. Wenn Marcelino in Barcelona nichts findet, will er weiterziehen, nach Ibiza. Doch für die Fähre müsste er erst einmal wieder an etwas Geld kommen.

„Gehen und bleiben und im Bleiben scheiden/scheiden ohne Seele und gehen mit fremder Seele/hören die süße Stimme einer Sirene...“, dichtete Lope de Vega vor 400 Jahren. Es passt auf die Generation von heute, die Krisenkinder, die nicht wissen, was sie tun sollen. Da sind diejenigen, die wie Marcelino im Bauboom das schnelle Geld einer Ausbildung vorzogen und nun keine Arbeit mehr finden. Die noch Glück haben, wenn sie nach Hab und Gut nicht auch noch die Familie verlieren. Und diejenigen, die sich trotz Studiums und Diplom mit schlecht bezahlten Kurzzeitverträgen über Wasser halten müssen.

Gehen oder bleiben? Viele gehen. Manche nur widerwillig. Wer bleibt, sieht das Leben anders als die Eltern, als Spaniens Aufsteigergeneration mit ihrem Traum von Eigenheim, Autos, Fernreisen, vom Versprechen, dass es den Kindern noch besser gehen sollte. Vom Scheitern des Traums künden vielerorts die Grundmauern von Wohnsiedlungen, die nicht weiter wachsen werden.

Freiheit und Rechte neben Muscheln und Garnelen

Damit wollen sich nicht alle abfinden. Mitglieder der Gewerkschaft Comisiones Obreras haben zu einer Maidemonstration eine Plastikfigur mitgebracht, die Ministerpräsident Mariano Rajoy darstellen soll. Eine Schere, Symbol der Proteste gegen den Sparkurs der Regierung, steckt in der linken Schläfe, darunter ein Zettel: „Ui, da ist Mariano die Schere ausgerutscht.“ Es sieht aus, als tanzte die Figur über den Köpfen der Menge, die durch das Zentrum von Barcelona zieht. Von einem Wagen dröhnt Revolutionsrock: „Bella, ciao, bella, ciao, bella, ciao, ciao, ciao...“

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Podemos in Spanien Streit im Zentralkomitee

Podemos verliert in Spanien an Zustimmung. Generalsekretär Pablo Iglesias will trotzdem kein linkes Wahlbündnis eingehen. Warum? Mehr Von David Klaubert

24.08.2015, 15:27 Uhr | Politik
Mit Hollande und Rajoy Merkel besucht Absturzstelle

Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Francois Hollande und Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy sind mit einem Hubschrauber im französischen Seyne-les-Alpes eingetroffen, um sich ein Bild von der Absturzstelle der Germanwings-Maschine zu machen. Mehr

27.03.2015, 14:19 Uhr | Gesellschaft
Spanien Expansion der Separatisten

Die Separatisten in Katalonien haben die Regionalwahlen Ende September zu einem Plebiszit über die Unabhängigkeit erklärt - und den Nachbarprovinzen angeboten, in einem Groß-Katalonien dabei zu sein. Die Pläne rufen in Spanien Empörung hervor. Mehr Von Leo Wieland, Lissabon

27.08.2015, 07:53 Uhr | Politik
20- bis 30-Jährige Generation Y verändert die Arbeitswelt

Die Arbeitswelt ihrer Eltern halten sie für überholt. Feste Arbeitszeiten, starre Hierarchien, arbeiten bis zum Umfallen - für die Generation Y ist das nicht reizvoll. Die 20- bis 30-Jährigen heute wollen sich im Job selbst verwirklichen, flexibel arbeiten, Freizeit genießen und trotzdem erfolgreich sein. Auf ihre Vorstellung von Arbeit soll sich die Wirtschaft einstellen. Mehr

06.04.2015, 09:18 Uhr | Wirtschaft
Revolution Essen aus dem 3D-Drucker

Science-Fiction zum Essen: Lebensmittel aus dem Drucker sind eine Revolution – auch wenn es sich für zu Hause noch nicht lohnt, eine Anschaffung ist für Restaurants oder Altersheime attraktiv. Mehr Von Jörg Oberwittler

24.08.2015, 10:48 Uhr | Stil

Veröffentlicht: 25.05.2012, 14:55 Uhr

Osteuropa darf sich nicht verkriechen

Von Thomas Gutschker

Der Flüchtlingsstrom zieht in eine Richtung – in den Norden. Der Osten Europas hat bisher nur wenige Menschen aufgenommen. Es wird Zeit für mehr Solidarität und ein faires Quotensystem für Flüchtlinge in der EU. Mehr 21