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Spanien Empörung über Empörte

 ·  Der Protest an der Puerta del Sol geht dem Ende zu. Die „Bewegung 15. Mai“, die sich in Madrid niedersetzte und dann in die Kapitalen der Provinzen ausbreitete, stößt an die Grenzen der Hygiene.

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Die „spanische Revolution“ frisst die kleinen Leute. Das gilt zumindest für das Epizentrum der Bewegung „Wahre Demokratie jetzt“, deren schon etwas geschrumpftes Feldlager an der Madrider Puerta del Sol mit spürbaren Kollateralschäden für die umliegenden Geschäfte in die zweite Woche bebt.

Die Ladenbesitzer, deren Fassaden mit allerlei Aufforderungen zu direkter Volksherrschaft verklebt wurden, verlieren allmählich die Geduld und rufen nach dem Staat, der Stadtregierung und der Polizei. Mit Mühe konnte inzwischen ein Streifen zwischen ihren Etablissements und den Zelten der Protestierer freigemacht werden, damit die Kundschaft wieder Zugang hat und auch die Touristen einigermaßen flanieren können.

Die „Bewegung 15. Mai“, die sich eine Woche vor den Kommunal- und Regionalwahlen in der spanischen Hauptstadt niedersetzte und dann in die Kapitalen der Provinzen ausbreitete, stößt außerdem an die Grenzen der Hygiene. Der Mangel an öffentlichen Toiletten und anderen sanitären Einrichtungen lässt die bunte Medienattraktion, die das gesellschaftspolitische Erwachen einer jungen und weithin arbeitslosen „verlorenen Generation“ signalisierte, weniger malerisch erscheinen. Auch geht die Präsenz der Kameras in dem Maß zurück, in dem der politische Alltag Einzug hält. Und der Teil der Bewegung, der nicht zwischendurch bei Eltern, Verwandten oder Freunden in der Nähe duschen kann, riecht bei Tagestemperaturen um die 30 Grad schon etwas streng.

Vor dem Wahlsonntag wollten die lokalen wie die nationalen Politiker alle hässlichen Szenen vermeiden. Sogar Innenminister Alfredo Pérez Rubalcaba, der sich gerade als Nachfolgekandidat für den ramponierten sozialistischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero profiliert, entschied um des lieben Friedens willen, die eigenen Gesetze zu missachten. Diese sahen am „Tag des Nachdenkens“, also am vorigen Samstag und erst recht am Wahltag, ein striktes Verbot öffentlicher Kundgebungen vor. Der „Polizeiminister“ vermied indes jede Konfrontation und die Demonstranten dankten es mit uneingeschränkt manierlichem Verhalten.

Warnung vor einem „Drittwelt“-Eindruck

Nun ist die Wahl aber vorbei, und auch an der Puerta del Sol fordern die mit ihren Jobs und Einkünften betroffenen Bürger ihre Rechte ein. Denn es sind nicht die Großbanken und die Konzerne - sie stehen im Mittelpunkt der Kritik der Jungen -, die unter der Belagerung leiden, sondern die Verkäufer von Parfüms, T-Shirts, Eiscreme und Tapas. Zudem geht es für das Urlaubsland Spanien ums Image. Handelskammern und Fremdenverkehrsvereinigungen warnen vor einem „Drittwelt“-Eindruck, wenn man die Großstädte noch lange einer zunehmend ungepflegten außerparlamentarischen Opposition überlasse.

Weil die meisten Demonstranten keine Radikalen sind, sondern die um ihre eigene Zukunft besorgten Kinder der Mittelschicht, war bislang tatsächlich kein unmittelbarer Anlass, sie mit Gewalt zum Nachhausegehen zu veranlassen. Doch die Rufe nach Räumung werden auch am Madrider „Nullpunkt“ - von dort aus werden alle Kilometerdistanzen des Landes gemessen - lauter. Während die Behörden noch zögern und die Aktivisten ihre eigene „Auslagerung“ in andere Stadtviertel diskutieren, klagen die Lotterieverkäufer, Schuster und Konditoreibesitzer über ihren bevorstehenden Ruin durch Verkaufseinbußen von bis zu 80 Prozent.

So wächst die Empörung über die „Empörten“ und ihr Lager, in das auch schon allerlei spanische und ausländische Vagabunden eingesickert sind. Die Einzigen von denen, die auf dem „Platz der Gesetzlosen“ auch von Einnahmeverlusten betroffen sind, sich aber öffentlich noch nicht beklagt haben, sind die Madrider Taschendiebe: Die Puerta del Sol ist üblicherweise ihr Dorado. Doch seit gut zehn Tagen ist da so gut wie nichts zu holen.

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25.05.2011, 15:20 Uhr

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Von Berthold Kohler

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