16.09.2005 · Die spanische Enklave Melilla hat immer mehr mit illegalen Einwanderern zu kämpfen. Viele von Ihnen sind „promarokkanisch“, von Integration halten sie wenig. Der islamische Fundamentalismus wird in den Enklaven zu einem besonderen „Risikofaktor“.
Von Leo Wieland, MadridDie Nachtaufnahmen der spanischen Polizei von den Wachtürmen der nordafrikanischen Enklave Melilla haben etwas Mittelalterliches. Sie zeigen, wie nahezu täglich vor dem Morgengrauen kleine Legionen von Schwarzafrikanern mit Leitern den unbewaffneten Sturmangriff von der Dritten in die Erste Welt proben.
Sie kommen aus Bürgerkriegen oder einfach aus der hoffnungslosen Armut, aus Mali, Kamerun, Benin oder Kongo. Sie haben irgendwie die Sahara durchquert und illegal - häufig aus Algerien kommend - die marokkanische Grenze überquert. Nun verstecken sich die Männer, Frauen mit Säuglingen, Halbwüchsigen und Kinder tagsüber in den Wäldern jenseits des Zauns der „autonomen Stadt“, der sie von Spanien und damit von ihrem europäischen Traum trennt.
„Schwarze Heuschrecken“
Die Zustände in jenen provisorischen Lagern sind verheerend. Die Menschen leiden an Krankheiten, haben wenig Essen und kaum Wasser. In den marokkanischen Medien wurden die unliebsamen Durchwanderer schon als „schwarze Heuschrecken“ apostrophiert.
Wenn die Sicherheitskräfte des Landes ihrer habhaft werden, was sie in den letzten Wochen auf spanische Bitte mit größerer Intensität versuchen, dann werden sie ohne großes juristisches Procedere zweihundert Kilometer weiter südlich über die algerische Grenze gebracht und dort unzeremoniell abgesetzt.
Doppelzaun mit Sicherheitsstreifen
Weil die meisten der illegalen Einwanderer wenig zu verlieren haben, setzen sie also alles daran, die letzte maghrebinische Barriere zu überwinden. Europas Südgrenze zu Afrika sind nicht nur die Küsten Andalusiens, die Kanarischen Inseln oder das italienische Lampedusa. In diesem Spätsommer sind es verstärkt Melilla und die spanische Schwesterstadt Ceuta.
Um Melilla hat die alte iberische Kolonialmacht schon zum Preis von mehr als einer Million Euro einen zehn Kilometer langen und drei Meter hohen Doppelzaun mit Sicherheitsstreifen gezogen. Bevor dieses Hindernis von diesem Samstag an auf ganzer Länge auf sechs Meter erhöht wird, versuchen die zumeist gewaltlosen Eindringlinge mit militärischen Taktiken und Mitteln aus grauer Vorzeit, doch noch durch eine Bresche zu schlüpfen.
Ungleiche Auseinandersetzung
In ihren Verstecken haben sie Holzleitern gebastelt und sich selbst für den nächtlichen Ansturm mit Pappkartons, dicken Pullovern und Fausthandschuhen gegen die Stacheldrahtspitzen gewappnet. Mehrere hundert Afrikaner haben sich in den vergangenen Tagen wiederholt nach Mitternacht in mehrere Gruppen geteilt: eine zur Ablenkung der spanischen Guardia Civil, eine zur Ablenkung der marokkanischen Polizei und eine zum Durchbruch an dritter Stelle.
Es ist eine ungleiche Auseinandersetzung. Auf der einen Seite sind spanische Grenzschützer mit Nachtsichtgeräten, Spürhunden, Sensoren, Allradfahrzeugen und Kameras, welche die Szenen aufzeichnen. Auf der anderen Seite sind die Afrikaner, die zum Sturm mit der Leiter - für einen Zaun werden im Durchschnitt fünfzehn Sekunden berechnet - in Signalhörner blasen, den Ruf des Muezzins nachahmen oder sich untereinander mit Mobiltelefonen Kommandos übermitteln.
Ein europäisches Problem
Wer nicht von den Marokkanern abgefangen wird, kommt auch auf der spanischen Seite selten weit. Blutige Hände, gebrochene Rippen und in dieser Woche sogar ein Todesfall durch einen Sturz sind oft die Bilanz. Zurück bleiben die Leitern, es sei denn, daß die Abgeschlagenen sie noch für einen neuen Anlauf zurück in das Unterholz schleifen konnten.
Neben der illegalen Einwanderung aus den Maghrebstaaten, vorneweg Marokko, sind die Schwarzafrikaner aus dem Hinterland nicht nur ein spanisches, sondern ein europäisches Problem. Bundesinnenminister Schily, der sich mit seinem Vorschlag von „Aufnahmeeinrichtungen“ in Nordafrika einst in die Nesseln der politischen Korrektheit gesetzt hat, findet inzwischen bei seinen Kollegen in der Europäischen Union, darunter den Spaniern, etwas mehr Verständnis.
Vermeidung der Todesfälle
So verhandelt die Region Andalusien, die in den vergangenen achtzehn Monaten Anlaufstelle für allein fast zwölftausend illegal eingewanderte Minderjährige war, seit Mittsommer mit Marokko genau über dieses Thema.
Dabei geht es nicht nur um Abwehr, sondern auch um die Vermeidung der auf Hunderte geschätzten Todesfälle bei der Überfahrt in kaum seetüchtigen Booten durch die Straße von Gibraltar und um Bekämpfung des florierenden Menschenhandels durch die einschlägigen Mafias, die die Nöte der Ärmsten ausnutzen und sich an ihrem Geld bereichern.
40 Prozent „klar promarokkanisch“
Die Spanier, deren koloniales Erbe nach der Besetzung der Westsahara durch Marokko vor dreißig Jahren auf die Hafenstädte Melilla und Ceuta geschrumpft ist, haben in der nordafrikanischen Gemengelage noch ihre eigenen Sorgen und Interessen. Der Geheimdienst hat die Regierung gerade in einer neuen demographischen Prognose darüber informiert, daß binnen eines Jahrzehnts die Mehrheit der Bevölkerung in beiden Enklaven muslimisch sein werde.
In Melilla sind von den gegenwärtig 66.000 Einwandern schon ein Drittel, in Ceuta von 71.000 Einwohnern etwa gleich viele marokkanische Muslime. Von ihnen seien, so heißt es, nur zehn Prozent „prospanisch“, aber vierzig Prozent „klar promarokkanisch“. Bei letzteren kann von „Integration“ offenbar nicht die Rede sein. Der Geheimdienst zählt daher nach dem Analphabetismus, der wachsenden Kriminalität und der Auflösung der Familienverbände vor allem den islamischen Fundamentalismus in den spanischen Außenposten zu den besonderen „Risikofaktoren“.
Leo Wieland Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.
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