Der Ratsvorsitzende des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Israel Singer, ist aller seiner Ämter enthoben worden. Wie am Freitag bekannt wurde, hat der Präsident des Dachverbandes, Edgar Bronfmann, auch den Leiter der israelischen Niederlassung, Bobby Brown, entlassen. Dem international aktiven WJC, der mit Spendenrückgängen und Unregelmäßigkeiten bei den Finanzen zu kämpfen hat, droht jetzt die Spaltung.
Bronfman hatte am Mittwoch dem Führungsgremium in einer Telefonkonferenz seine Entscheidung mitgeteilt und eine Erklärung herausgegeben. Der WJC ist eine kleine, bisher effizient arbeitende Wohltätigkeitsorganisation, die unter anderem europäische Banken dazu gebracht hatte, mehrere Milliarden Dollar an Schoa-Opfer zu zahlen.
Gestörte Telefonkonferenz
Aus unklaren Gründen soll während der Telefonkonferenz die Verbindung zum europäischen Präsidenten Pierre Besnainou und zum Büro in Jerusalem gestört gewesen sein. Besnainou forderte Bronfman daher in einem Brief dazu auf, die sofortige Kündigung Singers bis zu einem Treffen des Führungsgremiums zu suspendieren. Anderenfalls könnte sich die europäische Sektion fürs Erste aus dem Dachverband zurückziehen.
Offenbar wollte sich Besnainou für Singer einsetzen. Er konnte nur Bronfmans Stimme hören, ihm aber nicht antworten. Besnainou stimmte allerdings in seinem Brief einer Kontrolle der Finanzen des Jerusalemer Büros zu. Ähnlich reagierte die israelische Führung der Organisation unter dem Kadima-Abgeordneten Shai Hermesh. Singer wird offenbar vorgeworfen, Bronfman nicht genügend zu unterstützen. Zudem werden ihm finanzielle Unregelmäßigkeiten zur Last gelegt.
„Archaisches Finanzgebaren“
Im Juni war bekanntgeworden, dass etwa 3,8 Millionen Dollar des WJC in der Schweiz „mehr oder weniger verschwunden“ seien. Dabei geriet auch das Büro in Jerusalem ins Gerede. Später hieß es, dabei habe es sich aber eher um „archaisches Finanzgebaren“ gehandelt. Auch in New York wurde ein ähnlicher Vorfall aufgedeckt.
Bronfman nutzt offenbar diese Unregelmäßigkeiten, um den Kongress vor seinem eigenen Ausscheiden stärker zu zentralisieren. Dabei stieß er offenbar auf Schwierigkeiten, den bisherigen israelischen EU-Botschafter Oded Eran zum Chef des israelischen Zweiges zu machen. Der amerikanische Milliardär Ron Lauder kündigte zudem für 2009 seine Kandidatur für das Spitzenamt an. Zugleich kritisierte er, dass Bronfman offenbar seinen Sohn Matthew zu seinem Nachfolger machen möchte.
Dreißig Jahre lang hatte der aus Österreich stammende Politikwissenschaftler und Rabbiner Singer dem WJC angehört. Er hatte sich von New York aus für die Juden in der früheren Sowjetunion eingesetzt und die Nazi-Vergangenheit des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Waldheim offengelegt; seit 2002 war er der Präsident der Claims-Konferenz gegen Deutschland. Schon 2006 musste er die Verantwortung für die Finanzen der Organisation abgeben.
