Ioannis sitzt im Laden und wartet. Spielt mit dem Rosenkranz in seiner Hand, guckt auf die Uhr, guckt zur Tür. Keiner kommt rein. Ioannis drückt Play, aus der Anlage klimpert die Bouzouki. So klingt das Griechenland, das Ioannis verkaufen will, Griechenland für Touristen.
Ioannis hat einen kleinen Souvenirshop in Athen. Er liegt an einer Gasse, die auf die Akropolis führt, weswegen links und rechts von Ioannis’ Laden noch viel mehr Läden sind. Alle klein und schmal, mit hellweißen Wänden und kalter Luft. Den Touristen ist es in Athen oft zu heiß, sie schwitzen viel und flüchten vor der Sonne gern in klimatisierte Räume. Ioannis hofft, dass sie zu ihm flüchten. Aber in letzter Zeit kommen nicht mehr viele.
Überzeugend finden die Urlauber vor allem Schnäppchen
Ioannis und die anderen Souvenirhändler stellen in ihren Läden das alte Griechenland aus. Götter und Tempel, Amphoren und Silber, Esel und weiße Häuschen und Olivenhaine. Die Händler verkaufen Abbilder davon, kleine Götterfiguren und Tempel in Schneekugeln, Mini-Amphoren und glitzernde Armbänder, Postkarten, bunt bedruckte Feuerzeuge und Magnete. In allen Shops die gleichen Sachen. Früher hat das funktioniert. Die Deutschen kamen, in großen Tüten trugen sie das Zeug davon. Aber inzwischen macht das neue Griechenland es dem alten schwer.
Das neue Griechenland, das ist die Krise. Die Deutschen haben von streikenden Taxifahrern gehört und von brennenden Deutschlandflaggen. Im Mai riet der Reiseveranstalter Tui ihnen, extra viel Bargeld in den Griechenlandurlaub mitzunehmen. Damit sie was in der Tasche haben, wenn das Land just während ihres Urlaubs aus dem Euro austritt. Ioannis ist in Sorge. Er hat jetzt viel weniger Kunden aus Deutschland als früher. Vierzig Prozent weniger als im vergangenen Jahr, schätzt er. Das vergangene Jahr war auch schon nicht gut. Und die Deutschen, die jetzt noch kommen, sind sparsamer, meint Ioannis.
Ioannis und alle anderen, die vom Tourismus leben, müssen kämpfen. Besonders in Athen. Denn da bleiben die Urlauber, anders als auf den Inseln, meist nicht lange. Sie stürmen von den Kreuzfahrtschiffen in die Straßen der Stadt, auf die Akropolis und wieder zurück. Oder sie kommen mit dem Flugzeug und bleiben eine Nacht, bevor sie mit dem Mietwagen oder der Fähre weiterfahren. Wer ihnen was verkaufen will, muss sie auf den ersten Blick überzeugen. Überzeugend finden die Urlauber vor allem Schnäppchen.
Ioannis hofft, dass weiter mit dem Euro bezahlt wird
Daher gibt es jetzt auch Restaurants nahe der Akropolis, die „Crisis Menus“ servieren und mit dem Spruch werben: „Because we respect your money“. Ein griechischer Salat, Brot, eine Pizza Margherita und ein Glas Wein kosten da zusammen 7,50 Euro. Ein Kollege von Ioannis hat sein Schaufenster mit Origami-Tierchen dekoriert, die seine Nichte gefaltet hat. Wer im Laden etwas kauft, bekommt eins geschenkt. Im Shop nebenan, der nur Schmuck verkauft, gibt es fünfzig Prozent Rabatt. Auf alles.
Ioannis hat sich nicht viele Gedanken über Politik gemacht, bis die Krise kam. Nun aber muss er Position beziehen. Ins Fenster seines Ladens hat er darum eine kleine Deutschlandflagge gehängt; niemand soll denken, dass er was gegen Urlauber von dort habe. Was deutsche Politiker machten, sei nicht die Schuld von deutschen Urlaubern, sagt Ioannis. „Where are you from?“, fragt er jeden, der den Laden betritt. Ist einer aus Deutschland, sagt er freundlich „Ah, Deutschland! Guten Tag.“ Dann zeigt er die Andenken an das alte Griechenland.
In letzter Zeit verkauft Ioannis vor allem Drachmen. Die haben die meisten Läden im Angebot: kleine Etuis mit einem Pappstück drin, auf das ein Satz Drachmen-Münzen aufgeklebt ist. „Bank of Greece“ steht oben auf der Pappe. Die Souvenirläden führen die Drachmen schon seit Jahren. Aber jetzt interessieren sich die Touristen besonders dafür. Ioannis hofft, dass in Griechenland weiter mit dem Euro bezahlt wird. Dass die Drachme auch in der Zukunft zur Vergangenheit gehören wird wie die Götter und Tempel. Aber sicher ist er nicht.
Er liebt Griechenland wirklich
Damit die Urlauber überhaupt noch was kaufen, hat auch Ioannis die Preise gesenkt. Eine Glaskugel mit dem Parthenon in Glitzerschnipselwasser kostet drei Euro statt fünf, Schlüsselanhänger mit kleinen traditionellen Filzpantoffeln kosten zwei Euro statt drei. Manchmal kommt ein Tourist und kauft etwas, dann wickelt Ioannis die Ware sorgfältig in Luftpolsterfolie und dann noch in alte Zeitungen ein, als verkaufte er etwas besonders Kostbares und nicht bloß Plastik und Ton made in China. Er macht das, weil die Urlauber das so wollen. Aber Ioannis trägt selbst auch einen Schlüsselanhänger mit Filzpantoffeln und eine I-love-Greece-Mütze auf dem Kopf, sogar, wenn er von der Arbeit nach Hause geht. Er liebt Griechenland wirklich.
Manchmal wird es Ioannis in seinem Laden zu kalt. Dann geht er raus und stellt sich vor die Tür, in die Sonne, manchmal raucht er auch. Zum Anzünden nimmt er dann ein Feuerzeug, wie er es verkauft. Es ist das einzige Souvenir im Laden, das nicht zum alten Griechenland passt. Vielleicht passt es zum neuen. Auf dem Feuerzeug sind zwei Esel abgebildet, die tanzen. Einer hat eine Ouzo-Flasche in der Hand, der andere eine griechische Flagge. Darüber steht: „Give Greeks a change“. Was das bedeuten soll, weiß Ioannis nicht.
