10.04.2007 · In Somalias Hauptstadt herrscht ein brutaler Krieg. Binnen vier Tagen sollen dort mehr als tausend Menschen getötet worden sein. An den brutalen Kämpfen ist wohl auch Al Qaida beteiligt. F.A.Z.-Afrika-Korrespondent Thomas Scheen berichtet.
Von Thomas Scheen, JohannesburgDie Szene erinnerte an „Black Hawk Down“, den Film über das katastrophale Ende des Engagements der amerikanischen Armee in Somalia 1993. Damals schossen somalische Freischärler zwei amerikanische Hubschrauber (“Black Hawk“) ab, als die Amerikaner versucht hatten, den Warlord Mohammed Farah Aidid festzunehmen.
Diesmal war es ein äthiopischer Kampfhubschrauber, der mit einer Panzerfaust vom Himmel über Mogadischu geholt wurde. Und wie damals die Leichen der amerikanischen Piloten zerrte ein aufgebrachter Mob in der vergangenen Woche die Leichen äthiopischer Soldaten durch die Straßen, um sie schließlich in Brand zu setzen. Die Amerikaner verloren 18 Soldaten an diesem 3. Oktober 1993 im Häuserkampf. Die äthiopischen Verluste von jetzt sind hingegen wohl ein Vielfaches davon.
Islamisten, Clan-Kämpfer oder Freelance-Gunmen?
Seit die äthiopische Armee vor vierzehn Tagen eine Offensive mit dem Ziel startete, die in der Stadt verbliebenen Islamisten „auszumerzen“, herrscht Krieg in Mogadischu. Es sollen die schlimmsten Gefechte seit dem Zusammenbruch jeder staatlichen Ordnung vor 16 Jahren sein, erzählen diejenigen, die dem Inferno entkommen konnten. Das will in der gefährlichsten Stadt der Welt, in denen skrupellose Warlords über Jahre den Ton angaben, wirklich etwas heißen.
In den Straßen stehen sich seither äthiopische Soldaten und somalische Kämpfer gegenüber, von denen keiner so genau weiß, ob es sich um Islamisten, Clan-Kämpfer oder Freelance-Gunmen handelt, die man mieten kann wie anderswo ein Auto. Die Äthiopier schießen mit allem, was sie haben: Mörser, Panzer, Kampfhubschrauber, Haubitzen. Einige Stadtteile im Norden von Mogadischu sollen dem Erdboden gleichgemacht worden sein.
Mehr als tausend Tote
Ein Sprecher des dominierenden Hawije-Klans sprach am Dienstag von 1086 Toten und gab die Zahl der Verletzten mit 4334 an. Zudem seien 1,4 Millionen der 2,4 Millionen Einwohner in den Gefechten Ende März geflohen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR meldete zuletzt 124.000 Vertriebene. Lokale Hilfsorganisationen hatten schon zuvor von Hunderten Toten berichte, wobei diese Zahl nur jene Leichen umfasse, die auf offener Straße zu sehen seien.
Anführer der Hawiye und Vertreter der äthiopischen Armee wollten am Dienstag in Mogadischu ihre Gespräche über eine Stabilisierung der Waffenruhe wieder aufnehmen, die seit mehreren Tagen weitgehend eingehalten wird. Zwar hatten die Konfliktparteien vor Wochenfrist einen Waffenstillstand vereinbart und versprochen, sich nicht länger gegenseitig zu provozieren. Doch das Abkommen wird wohl nur so lange halten, wie beide Seiten brauchen, um sich neu zu organisieren.
Dabei sind die beiden Krankenhäuser der Stadt dem Ansturm der verletzten Zivilisten längst nicht mehr gewachsen. Auch die äthiopische Armee scheint mit der Zahl ihrer Verletzten mittlerweile überfordert zu sein. In der vergangenen Woche stürmten Soldaten eines der Krankenhäuser, traten die Tür zur Ambulanz ein und nahmen so viel Verbandszeug und Desinfektionsmittel mit, wie sie tragen konnten. Den Äthiopiern droht ein ähnliches Fiasko wie damals den Amerikanern.
Neuer Spielraum für somalische Übergangsregierung
Dabei hatte die Geschichte eigentlich gut angefangen. Zu Weihnachten vergangenen Jahres hatte die äthiopische Armee nahezu handstreichartig die zuvor in Mogadischu tonangebenden Milizen der Scharia-Gerichtshöfe, denen man Verbindungen zu Al Qaida nachsagt, vertrieben und der weitgehend machtlosen somalischen Übergangsregierung neuen politischen Spielraum verschafft.
Die Islamisten unter ihrem charismatischen Führer Sheik Hassan Darweys setzten sich nach Süden ab, wo sie unter anderem von der amerikanischen Luftwaffe beschossen wurden. Sie schienen erledigt. Zwar kündigte Darweys einen Guerrilla-Krieg an, der sich in den vergangenen drei Monaten mit nahezu täglichen Panzerfaust-Überfällen in Mogadischu manifestierte. Wirklich in Bedrängnis aber kamen die Äthiopier nie.
Ein notorisch auf Krawall gebürsteter Clan
Das aber hat sich seit einigen Wochen geändert. Die Freischärler sind dazu übergegangen, mit Selbstmordattentaten und lichtschrankengesteuerten Sprengfallen zu operieren. Das ist in der langen Geschichte der somalischen Clan-Kämpfe eine völlig neue Entwicklung und scheint die Befürchtungen der Amerikaner zu bestätigen, Al Qaida habe längst Fuß gefasst in Somalia.
Nach Angaben der Regierung in Addis Abeba haben die äthiopische Truppen inzwischen 41 mutmaßliche Terroristen festgenommen. Einige Festgenommene, die aus ingesamt 17 Ländern stammten, seien nach Äthiopien gebracht worden, teilte das äthiopische Außenministerium mit. „Fast alle“ Herkunftsstaaten der Terrorverdächtigen seien informiert worden. Die Festnahmen verdeutlichten, dass „der internationale Terrorismus eine klare Gefahr für die nationale Sicherheit Äthiopien“ sei, hieß es in der Erklärung des Ministeriums.
Die Offensive der äthiopischen Armee sollte diesem Spuk ein Ende machen, damit die geplante Friedenstruppe der Afrikanischen Union (AU), von der bislang lediglich 1500 Soldaten aus Uganda eingetroffen sind, nicht ins offene Messer läuft. Doch genau das Gegenteil trat ein, denn mit ihrem brachialen Vorgehen brachten die Äthiopier die gesamte Stadt gegen sich auf.
Ohnehin sind Äthiopier nicht sonderlich beliebt in Somalia, in Mogadischu aber sind sie regelrecht verhasst. Das hat mit dem Selbstverständnis des dort tonangebenden Clans der Hawiye zu tun, dem zudem die wichtigsten Islamistenführer angehören. Die Hawiye sind ein notorisch auf Krawall gebürsteter Clan, der jeden bekämpft, der versucht, seine Vormachtstellung in Frage zu stellen, egal ob ausländische Armee oder ein anderer Clan.
Geplante Versöhnungskonferenz bereits abgesagt
Dass Mogadischu seit 16 Jahren einer Ruinenlandschaft gleicht, ist den Auseinandersetzungen zwischen den diversen Subclans der Hawiye zu verdanken. Mit den Bombardierungen ganzer Wohnviertel hatten die Äthiopier indes nicht nur den Islamisten den Krieg erklärt, sondern der ganzen Bevölkerung. Zu Beginn der Kämpfe waren junge Männer mit Megafonen durch die Straßen gelaufen und hatten die Menschen aufgefordert, sich „mit allem zu wehren, was ihr habt“.
Das Ergebnis ist, dass die äthiopische Armee nicht mehr gegen eine Gruppe von Islamisten und ihre Handlanger kämpft, sondern gegen den gesamten Hawiye-Clan. Der aber hatte schon den Amerikanern einen blutigen Empfang bereitet. Die somalische Regierung hat inzwischen die geplante Versöhnungskonferenz mit Vertretern aller Konfliktparteien abgesagt. Sie solle erst stattfinden, wenn sich die Lage in Mogadischu verbessert habe. Dies könne Mitte Mai sein. Wirklich?
Selbsterkenntnis...
Oliver Müller (olivk)
- 09.04.2007, 16:55 Uhr
Keine "westliche" Welt mehr?
jörg sutter (jsutter)
- 10.04.2007, 14:28 Uhr
kein europäisches Problem!
Marcel Meier (MarcelMeier)
- 10.04.2007, 14:49 Uhr
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
Jüngste Beiträge