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Somalia : Kopfüber ins Haifischbecken

Morgenluft in Mogadischu: Händler öffnen ihre Stände vor einem zerstörten Gebäude in der somalischen Hauptstadt. Bild: REUTERS

Noch vor einem Jahr war Mogadischu eine Stadt der Apokalypse. Heute gibt es dort improvisierte Cafés und Immobilienmakler. Nach 21 Jahren Krieg atmet Somalia auf.

          Mit Mohamed Abdi ein Gespräch zu führen, ist ein Geduldsspiel. Kaum hat er zu einem Satz angehoben, klingelt wieder eines seiner vier Handys. „Ein Kunde aus Stockholm“, entschuldigt er sich. Mohamed Abdi, 46 Jahre alt, Nickelbrille und munter wie eine Sprungfeder, ist der erste Immobilienmakler Mogadischus.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Er vermittelt Baugrundstücke, heruntergekommene Wohnhäuser, Hotelruinen und zerbombte Fabrikhallen. „Alles geht“, sagt er. „Dhul & Guri“ heißt sein Unternehmen, was so viel heißt wie „Stein für Stein“, und das ist wörtlich zu verstehen. Kaum eine andere Stadt der Welt wurde so gründlich zerstört wie Mogadischu, und keine andere hat es so eilig, wieder aufgebaut zu werden. „Die Leute reißen mir die Grundstücke regelrecht aus den Händen“, sagt Mohamed.

          Seine Kunden sind ehemalige somalische Flüchtlinge, die in Amerika, Großbritannien oder Schweden zu Geld gekommen sind und die es zurück in die alte Heimat drängt, weil dort so etwas wie ein dauerhafter Frieden am Horizont dämmert. Es sind Leute wie Mohamed selbst: Nach dem Sturz des Diktators Siad Barre und dem Zusammenbruch der Zentralregierung 1991 verschlug es ihn zuerst nach London, von dort aus nach Georgia, Alabama, wo er bei einem Immobilienmakler anheuerte. Seit zwei Jahren ist er zurück in Mogadischu. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt er.

          Genau ein Jahr ist es her, als die Eingreiftruppe der Afrikanischen Union (Amisom) die radikale islamistische Miliz Al Shabaab nach schweren Kämpfen aus Mogadischu vertreiben konnte. Damals konnten sich Besucher nur in gepanzerten Fahrzeugen durch die Stadt bewegen, die mit Hungerflüchtlingen regelrecht geflutet war. Wenn es ein Bild vom Weltuntergang gäbe, es sähe aus wie Mogadischu in jenem August 2011. Heute säumen improvisierte Straßencafés die staubigen Straßen, und an nahezu jeder Ecke wird gehämmert und gezimmert. An der Kreuzung K 4, einst heftig umkämpfte Frontlinie, staut sich inzwischen der Verkehr. Es gibt neue Straßenlaternen und eine Müllabfuhr, die von der türkischen Regierung finanziert wird. Der Hafen von Mogadischu ist wieder geöffnet, und der Flughafen brummt. „Diese Stadt atmet durch“, sagt Mohamed Abdi.

          „Wir haben keine Ausrede mehr“

          Die nächste Etappe auf dem Weg zur Genesung dieses von 21 Jahren Bürgerkrieg geschundenen Landes ist eine grundlegende politische Reform. Am Montag ist das Parlament zur Wahl eines neuen Präsidenten zusammengetreten, nachdem das Mandat der international anerkannten, aber weitgehend machtlosen Übergangsregierung am 20. August ausgelaufen war. Eine verfassungsgebende Versammlung hatte zuvor eine neue Verfassung verabschiedet, die unter anderem die Umwandlung Somalias in einen Bundesstaat vorsieht. Ob eine neue Regierung bessere Arbeit als die Übergangsregierung leisten wird, bleibt abzuwarten. Mohamed glaubt fest daran: „Wir haben alles erlebt: Kommunismus, Anarchie und zum Schluss religiös verbrämte Mörderbanden. Wir haben keine Ausrede mehr“, sagt er.

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