Home
http://www.faz.net/-gq5-x1ns
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Somalia Heftige Kämpfe in Mogadischu

21.04.2008 ·  In der somalischen Hauptstadt kommt es weiter zu Gewaltexzessen. In den heftigen Kämpfen mit Aufständischen setzen äthiopische Soldaten Panzer und Hubschrauber ein. Unterdessen wurde vor der Küste ein japanischer Supertanker beschossen, Piraten entführten ein Fischereischiff.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Aus Furcht vor neuer Gewalt ist es in der somalischen Hauptstadt Mogadischu am Montag nicht gelungen, die Leichen der während der heftigsten Kämpfen seit Monaten mehr als 50 getöteten Menschen zu bergen.

In Gefechten zwischen den „Al Shabaab“ genannten Aufständischen und äthiopischen Soldaten sowie Truppen der somalischen Übergangsregierung kamen am Wochenende in Mogadischu nach unterschiedlichen Angaben zwischen 55 und 90 Menschen um. Die meisten sollen Zivilisten sein. Alleine in einer Moschee im Stadtteil Madina wurden am Montag zehn Leichen gefunden. Somalische Piraten entführten unterdessen ein spanisches Fischereischiff und beschossen einen japanischen Tanker. (Siehe auch: Somalia: Piraten überfallen Fischerboot und Tanker)

Addis Abeba beschuldigt Qatar und Eritrea

Die Kämpfe hatten nach einem Überfall auf eine Gruppe Soldaten der Übergangsregierung am Samstag begonnen. Die äthiopische Armee setzte Kampfpanzer und -hubschrauber ein. Nach Augenzeugenberichten lagen am Montag immer noch zahlreiche Leichen in den Straßen, die aus Angst vor Heckenschützen nicht geborgen werden konnten.

Als Konsequenz aus den jüngsten Kämpfen kündigte die äthiopische Regierung am Montag an, ihre diplomatischen Beziehungen zu Qatar abzubrechen, dem sie „fortgesetzte Destabilisierung der Region und Unterstützung terroristischer Gruppen in Somalia“ vorwirft. Bislang hatte Addis Abeba vor allem Eritrea beschuldigt, die Islamisten in Somalia zu finanzieren und zu bewaffnen.

Verbindungen zu Al Qaida

Al Shabaab gibt vor, gegen die „äthiopische Besatzung“ Somalias zu kämpfen, nachdem die äthiopische Armee Ende 2006 die islamistische Union der Scharia-Richter aus Mogadischu vertrieben und die Übergangsregierung unter Präsident Abdullahi Yussuf Ahmed eingesetzt hatte.

Die Gruppe war unlängst von der amerikanischen Regierung als Terrororganisation eingestuft worden, der Verbindungen zu Al Qaida nachgesagt werden. Al Shabaab wird angeblich von Aden Hashi Ayro, angeführt, der zu den Hardlinern der Union der Scharia-Richter zählt. Nach Informationen westlicher Geheimdienste wurde Ayro in den neunziger Jahren in Afghanistan ausgebildet und war anschließend eine Art Quartiermeister für Al Qaida in Somalia.

Al Shabaab behauptet, sich von der Opposition um den Islamistenführer Scheich Hassan Darweys losgesagt zu haben, weil diese mittlerweile eine säkulare Politik verfolge. Das wird in Mogadischu jedoch bezweifelt, weil Ayro früher die rechte Hand von Darweys war.

Zudem rekrutiert sich vermutlich nur ein Teil von Al Shabaab tatsächlich aus ausländischen Islamisten. Der größere Teil der Gruppe besteht aus Kämpfern des in Mogadischu dominierenden Hawiye-Clans, dem es weniger um Religion als ums Geschäft geht. Die Hawiye verlangen zwar auch den Rückzug der Äthiopier. Wichtiger ist ihnen der Sturz des Präsidenten der Übergangsregierung, Abdullahi Yussuf Ahmed, weil der zum rivalisierenden Clan der Darood gehört, der den Hawiye die Kontrolle über Mogadischu streitig machen könnte.

Anzeichen für eine Annäherung

Die Heftigkeit der Kämpfe in Mogadischu überrascht auch deshalb, weil es in jüngster Zeit Anzeichen für eine Annäherung zwischen Übergangsregierung und den überwiegend im eritreischen Exil lebenden Scharia-Richtern gegeben hatte. Der neue Ministerpräsident der Übergangsregierung, Nur Hassan Hussein, hatte den Islamisten um Scheich Hassan Darweys Gespräche über eine Machtbeteiligung angeboten, was von diesen zunächst begrüßt worden war. Zudem hatte sich der Hawiye-Clan zuletzt ebenfalls kompromissbereit gezeigt.

So fordern die Clan-Ältesten zwar immer noch den Abzug der Äthiopier, machen diesen aber nicht mehr zur Vorbedingung für Gespräche mit der Übergangsregierung. Trotzdem hatten sich in den beiden vergangenen Monaten Überfälle durch Al Shabaab besonders in entlegenen Teilen Somalias gehäuft. Zuletzt waren vor einer Woche vier Menschen bei einem Angriff auf ein Kino in Merka umgekommen. In Beledweyne waren vier ausländische Lehrer getötet worden, darunter zwei Briten.

Nach Angaben der somalischen Hilfsorganisation „Elman Peace and Human Rights“ kamen während der Kämpfe in den vergangenen zwölf Monaten 6500 Menschen um. Von den etwa 1,5 Millionen Einwohnern Mogadischus soll mehr als die Hälfte mittlerweile geflohen sein.

Piraten entführen Fischereischiff

Mit Schüssen aus einer Panzerfaust hatten somalische Piraten am Wochenende offenbar in internationalen Gewässern rund 200 Kilometer von der somalischen Küste entfernt den Fischtrawler „Playa de Bakio“ aus dem baskischen Hafen Bermeo gestoppt. Nach Angaben der spanischen Regierung, die eine Fregatte aus dem Roten Meer in die Region beorderte, nahmen die Entführer Kurs auf ein Versteck in Somalia.

Der Kapitän des Thunfischfängers sagte am Montag in einem kurzen, von den Piraten bald abgebrochenen Telefongespräch mit dem spanischen Rundfunk, dass es ihm und der Besatzung, die aus 13 Spaniern und 13 Afrikanern besteht, gut gehe. Einer der Entführer bestätigte, dass es um Lösegeld gehe. Die Madrider Regierung nahm auch Kontakt zur Nato mit dem Ziel auf, eventuell Kriegsschiffe der Allianz zu Hilfe zu rufen. In der Region vor der somalischen Küste hat es allein im ersten Vierteljahr dieses Jahres fast fünfzig Angriffe auf ausländische Schiffe gegeben. Ein spanisches Unternehmen zahlte im vorigen Sommer für die Freilassung eines ihrer Fischerboote ein Lösegeld von 800.000 Euro.

Angriff auf japanischen Tanker

Ein japanischer Supertanker, der in der Nacht von Sonntag auf Montag im Golf von Aden angegriffen worden war, konnte derweil entkommen. Die „Takayama“ hatte sich auf dem Weg von Südkorea in den saudischen Hafen Yanbu befunden, als am Montagmorgen mehrere Schnellboote den Tanker angriffen. Auch in diesem Fall wurden Panzerfäuste abgefeuert. Der Tanker, der lediglich mit Ballast fuhr, erhöhte daraufhin seine Geschwindigkeit und konnte entkommen. Obwohl das Schiff beschädigt wurde, sei den 23 Besatzungsmitgliedern nichts passiert, teilte die Reederei Nippon Yusen Kaisha Line mit.

Der Ministerpräsident der somalischen Übergangsregierung hatte am Sonntag internationale Hilfe bei der Bekämpfung der Piraterie entlang der somalischen Küste gefordert und dabei ausdrücklich das „französische Modell“ gelobt. Die französische Marine hatte nach dem Ende der Geiselnahme auf dem Luxus-Dreimaster „Le Ponant“ den Piraten nachgesetzt, sechs von ihnen festgenommen und sie nach Frankreich gebracht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 2 3