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Veröffentlicht: 12.05.2017, 10:51 Uhr

Hungerkrise in Somalia „Unsere Politiker sollten sofort festgenommen werden“

Der somalische Politologe Abdirizak Sheikh zweifelt daran, dass der jüngste Somalia-Gipfel dem zerrissenen Land helfen kann.

von Johanna Dürrholz
© dpa Soldaten der Afrikanischen Union sichern ein Flüchtlingslager in Hilac, Somalia

Herr Sheikh, Sie sagen, dass die Dürre nicht das Hauptproblem in Somalia ist.

Die Dürre ist natürlich eine Katastrophe für die Menschen in Somalia. Aber das Hauptproblem ist, dass es in Somalia seit 27 Jahren Bürgerkrieg gibt. Seit einigen Monaten gibt es einen neuen Präsidenten, der vom Parlament gewählt wurde. Im Parlament sitzen aber nur die seit jeher zerstrittenen Clans und der neue Präsident stammt aus einem anderen Clan als die vorherige Regierung. Das passt den anderen Parlamentsmitgliedern natürlich nicht und sie versuchen, dass Regime zu schwächen. Auch mithilfe von Terror. Zusätzlich gibt es die Dürre und die Hungersnot.

Und kann die Geberkonferenz in London nichts gegen eine drohende Hungersnot ausrichten?

Somalia ist ein Land, das auf Importe angewiesen ist. Wenn die Geberländer Somalia helfen wollen und Hilfsgüter einführen wollen, dann verhindern das in der Regel die Terrormilizen, allen voran Al Shabaab. Aber es liegt auch daran, dass die so genannten Politiker in Somalias Parlament den herrschenden Clans angehören und größtenteils ehemalige Terroristen sind. Sie haben zwar ihre Milizen-Uniform ausgezogen, sind aber untereinander immer noch tief zerstritten. Sie wollen sich nur untereinander schwächen, schwächen dadurch die innere Sicherheit – und die Aussicht auf Hilfe aus dem Ausland bei einer Hungersnot. Unsere Politiker, die nach London reisen, sollten meiner Meinung nach sofort festgenommen werden. Sie haben alle Blut an ihren Händen.

In den vergangenen Jahren war Somalia eigentlich auf dem Wege der Besserung: Es gab kaum noch Piraten-Angriffe, die Terrormiliz Al Shabaab wurde aus den großen Städten verdrängt. Droht diese Stabilität nun einzubrechen?

Es handelt sich nur um eine Scheinstabilität. Mit dem Regierungswechsel hat ein anderer Clan mit dem neuen Präsidenten die Regierung übernommen. Der vorher herrschende Clan will die neue Regierung schwächen und wird dies auch mithilfe von Terrormilizen wie Al Shabaab versuchen. Al Shabaab verübt nach wie vor schreckliche Anschläge in Somalia. Die Ursache des Bürgerkriegs wurde bisher nicht bekämpft – und das sind die Clans. Solange es keine Friedenskonferenz gibt, kann eine Geberkonferenz nicht viel ausrichten. Die Helfer werden von Al Shabaab beeinträchtigt oder können aus Sicherheitsgründen gar nicht mehr nach Somalia einreisen.

46342468 © AFP Vergrößern Der somalische Präsident während der Somalia-Konferenz in London

Also hat sich die sicherheitspolitische Lage gar nicht verbessert?

Kaum. Als Sigmar Gabriel vor einigen Tagen Somalia besuchte, konnte er seine Gespräche nur am stark gesicherten Flughafen führen und nicht nach Mogadischu reisen, weil es einfach zu gefährlich ist.

Gibt es denn Hoffnung auf Hilfe während der Dürre?

Das ist nicht die erste Dürre in Ostafrika und wird auch nicht die letzte sein. Der Klimawandel trägt maßgeblich zu diesen Katastrophen bei. Natürlich hoffe ich, dass die Geberkonferenz humanitäre Hilfe in der Hungerkrise organisieren kann. Bei der aktuellen sicherheitspolitischen Lage ist das aber sehr schwer.

Glauben Sie daran, dass das Land jemals stabilisiert werden kann?

Solange es keine verantwortungsvollen Politiker in Somalia gibt, sehe ich keine Chance. Humanitäre Hilfe ist den herrschenden Clans völlig gleich. Wenn Hilfsgüter nach Somalia gelangen, dann verkauft der Staat sie in der Regel selbst.

Aufgrund der Dürre haben sich bereits eine Millionen Flüchtlinge auf den Weg gemacht. Wo gehen die Menschen hin?

Die meisten machen sich auf nach Kenia und landen in den Flüchtlingslagern der UNHCR, um nicht in Ostafrika zu verhungern. Es geht ihnen nicht darum, nach Europa zu kommen, sondern um schieres Überleben. Allerdings ist die Dürre nur ein Fluchtgrund. Der Regierungswechsel hat dazu geführt, dass Mitglieder anderer Clans sich nicht mehr sicher oder noch unsicherer als vorher fühlen. Die drohende Terrorgefahr kommt noch dazu. Darum werden sich noch mehr Flüchtlinge auf den Weg machen.

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