Der Casspir rumpelt langsam über die unbefestigte Straße, kurvt um Panzersperren herum, schaukelt bedrohlich. Die drei schweren Maschinenwaffen auf dem Dach des aus Südafrika stammenden gepanzerten Truppentransporters sind alle bemannt. Die Schützen, Soldaten der ugandischen Armee, haben die Finger am Abzug. Immer tiefer dringt das Fahrzeug in die ehedem von der radikalislamischen Shabaab-Miliz besetzten Stadtteile Mogadischus vor. Die Besatzung ist sichtlich angespannt, aus dem Funkgerät schnarren unablässig nervöse Befehle. Nur der Fahrer hat die Ruhe weg; er trägt weder Schutzweste noch Helm und sein Armaturenbrett hat er mit einem Plastikgesteck dekoriert. Sonnenblumen gegen Kalaschnikows.
Es ist Samstag, 6. August, 14.30 Uhr und der Casspir ist unterwegs, um eine sensationelle Information auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Al Shabaab, die somalischen Islamisten mit den guten Verbindungen zu Al Qaida, sollen in der Nacht zum Samstag nach schweren Kämpfen mit der Friedenstruppe der Afrikanischen Union für Somalia (Amisom) alle ihre Stellungen in Mogadischu aufgegeben haben, darunter das strategisch wichtige Stadion im Stadtteil Yaadshiid und den Baraka-Markt im Stadtteil Hawl Wadaag. Wenn das stimmt, steht die Lage in Somalia vor einer entscheidenden Wende.
Ausmaß der Zerstörung spottet jeder Beschreibung
Ein befreites Mogadischu kann theoretisch zu einem sicheren Hafen für die von Hunger bedrohte Bevölkerung werden, die somalische Übergangsregierung hätte politisch endlich ein wenig Luft, weil sie nicht mehr belagert wird, und es wäre der Beweis, dass sich das vom Westen gerne belächelte militärische Engagement der Afrikanischen Union mit den 9000 Soldaten aus Uganda und Burundi gelohnt hat.
Der Casspir rollt nach Yaadshiid hinein. Noch zwei Kilometer bis zum Stadion. Seit drei Jahren hat hierhin keiner den Fuß gesetzt, der der Shabaab-Miliz nicht genehm war. Das Ausmaß der Zerstörung, die wie ein schlechter Film an den dicken Panzerscheiben vorbeizieht, spottet jeder Beschreibung. Bilder aus dem kroatischen Vukovar und dem tschetschenischen Grosnyj kommen einen in den Sinn. Haus um Haus ist zerstört, über die Straßen und durch die Gassen verlaufen Schützengräben, grotesk verdrehte Stahlträger zeugen von der tödlichen Wucht panzerbrechender Waffen und schwerer Artillerie. Auf der Zufahrtsstraße zum Stadion steht ein alter T-55-Panzer der ugandischen Armee. Der Motor läuft, die Kanone ist geladen und schussbereit. Hinter dem Fahrzeug ist Infanterie in Deckung gegangen. Vereinzelt knallen noch Schüsse, Einzelfeuer aus Kalaschnikows, kein Dauerfeuer mehr. „Das sind Rückzugsgefechte, nichts ernsthaftes“, sagt Major Paul Lokesh, der jungenhafte Kommandeur der ugandischen „Battle Group“, die zusammen mit Soldaten der somalischen Übergangsregierung in der Nacht zum Samstag das Gebiet um das Stadium eingenommen hatte, nachdem die Shabaab-Miliz zuvor mit einem Angriff auf die Ugander in Yaadshiid als auch auf Stellungen des burundischen Amisom-Kontingents in Hawl Wadaag gescheitert war.
Auftakt für „neue militärische Strategie“
Es war mutmaßlich ein Entlastungsangriff, um den eigenen Rückzug zu decken. Mit Lastwagen hatten die Kämpfer der Shabaab-Miliz noch in der Nacht ihre schweren Waffen abtransportiert. Ihr Sprecher Ali Mohamed Rage verkündete, der Rückzug aus Mogadischu sei der Auftakt für eine „neue militärische Strategie“ und versprach den „Feinden Allahs“ alsbald eine „besondere Überraschung“. Tatsächlich aber ist der Rückzug der Shabaab-Miliz aus Mogadischu das Eingeständnis, militärisch gescheitert zu sein. Vom Stadion aus überblickt man die Industrial Road, die 30th Road, die Upper Juba Road und die National Road und damit alle wichtigen Straßen der Stadt. Hier hatte die Shabaab-Miliz ihre Artilleriestellungen, aus denen heraus sie die ganze Stadt terrorisierten. Hier trainierte die Miliz ihre Kämpfer und köpfte ihre Gegner. Eine Woche lang haben die Ugander das Viertel belagert, hatten einen Kilometer weiter südlich Stellungen bezogen, hatten sich über die Dächer vorgearbeitet, Gräben ausgehoben und den Shabaab keine Minute Kampfpause gegönnt.
Nun sind sie verschwunden, mutmaßlich in Richtung Lower Shabelle, der Hungerregion im Süden Somalias, die sie nach wie vor fest im Griff haben. Man darf davon ausgehen, dass Amisom genau weiß, wo sich die auf 9000 Mann geschätzten Kämpfer von al Shabaab gegenwärtig aufhalten. Schließlich kreisen Tag und Nacht amerikanische Drohnen über Mogadischu, um jede Bewegung der Radikalen zu dokumentieren. „Es wäre uns ein Leichtes, ihnen nachzusetzen und sie zu schlagen“, sagt Major Lokesh. Wenn Amisom nur mehr Truppen hätte.
„Somalia ist nicht allein ein afrikanisches Problem“
6000 Ugander und 3000 Burundier haben in Mogadischu unter Inkaufnahme von mitunter schweren Verlusten eine Wende zum Besseren erzwungen. Der ugandische Präsident Yoweri Museveni hat der Afrikanischen Union weitere 20.000 Soldaten angeboten, um den Kampf gegen die Terroristen auf das ganze Land auszudehnen. Vorausgesetzt, der Westen, sprich Amerika und die Europäische Union, übernehmen die Kosten für die Ausrüstung, den Unterhalt und vor allem den Transport der zusätzlichen Truppen. Doch von dieser Seite sei nicht viel zu hören, beschweren sich durch die Bank alle Amisom-Offiziere. „Somalia ist nicht allein ein afrikanisches Problem. Wir kämpfen hier gegen al Qaida und es wäre hilfreich, wenn die freie Welt uns dabei stärker unterstützen würde“, sagt Major Lokesh. Der Oberkommandierende von Amisom, der ugandische General Nathan Mughisa, war zwei Tage zuvor ebenfalls deutlich geworden: „Ich wünsche mir, ich hätte einen Bruchteil der Summe zur Verfügung, die jeden Monat für die Anti-Piraten-Mission vor der somalischen Küste ausgegeben wird“.
Der Ministerpräsident der somalischen Übergangsregierung beeilte sich natürlich am Samstag, den Sieg über die Shabaab-Miliz als Verdienst der rund 10.000 somalischen Soldaten zu verkaufen. Der Präsident dieser ebenso zerstrittenen wie unfähigen Regierung sah schon „ganz Somalia“ befreit und der neue Verteidigungsminister, der sein Geld bislang in Kalifornien mit dem Verkauf von Computersoftware verdient hat, wurde in seiner nagelneuen amerikanischen Wüstenuniform an die Front geschickt, um die Truppen zu inspizieren, wobei er sich als Feldherr aus Hollywood gerierte. Die ugandischen Offiziere, verschwitzt, verdreckt und erschöpft von den nächtlichen Gefechten, machen böse Miene zum guten Spiel und bestätigen brav die angeblich entscheidende Rolle der somalischen Soldaten bei der Einnahme von Yaadshiid. Der Minister hüpft vor Freude auf und ab.
„Keine Frage des Ob, sondern nur eine des Wann“
Dabei hüten sich sowohl die Burundier als auch die Ugander vor den Truppen der somalischen Übergangsregierung. Vor zehn Tagen hatten zwei Selbstmordattentäter in Uniformen der somalischen Armee auf einem Amisom-Stützpunkt ein Blutbad angerichtet. Die Truppe gilt als undiszipliniert und wenig vertrauenswürdig. Der somalische Ministerpräsident kündigt an, er wolle die nunmehr von der Shabaab-Miliz befreiten Stadtgebiete mit 300 „Special Forces“ unter Kontrolle bringen. 300 Mann für eine halbe Stadt. „Womit wieder alles an uns hängenbleibt“, zischt ein ugandischer Hauptmann. Vorläufig heißt das jedenfalls, dass keine Hilfe im großen Stil zu den mehr als 100.000 vom Hunger bedrohten Menschen nach Mogadischu gelangen wird, weil die allgemeine Sicherheitslage dies einfach nicht zulässt.
Er hatte es geahnt. Er war sich sicher, dass es nicht mehr lange so weitergehen kann. „Al Shabaab ist so gut wie erledigt“, hatte Oberst Joseph Nybayemere aus Burundi gesagt, als er die Besucher an die Front eskortierte. Die verlief am vergangenen Freitag noch im „Africa Village“ im Norden Mogadischus, einem ehemaligen Tagungsort für panafrikanische Organisationen mit Wohnanlagen, Tennisplatz und Swimming-Pool. Vom Charme der Siedlung allerdings war nichts mehr übrig geblieben und als der Burundier aus dem gepanzerten Truppentransporter sprang, waren zur Begrüßung Kugeln über das Fahrzeug hinweggefegt. Auf einem der Dächer der Wohnanlage hatte sich das Spiel wiederholt: Sobald ein Stahlhelm auch nur zehn Zentimeter über die Sandsackbarrieren hinausragte, fegten Maschinengewehrgarben in die Stellung. Die Shabaab-Kämpfer waren nur 50 Meter entfernt gewesen, doch das hatte den Oberst kalt gelassen. „Die haben keine Offensivkraft mehr“, hatte Nybayemere gesagt und beteuert, dass mit mehr Amisom-Truppen die militärische Vernichtung der Shabaab-Miliz nicht nur in Mogadischu, sondern in ganz Somalia „keine Frage des Ob, sondern nur eine Frage des Wann“ sei. Warum? „Weil al Shabaab die Bevölkerung gegen sich aufgebracht hat. Die haben keinerlei Rückhalt mehr“.
Shabaab-Miliz bleibt gefährlicher Gegner
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass die Hungersnot in weiten Teilen Somalias dabei ist, ein politisches Problem zu lösen, an dem sich die Welt in den vergangenen Jahren die Zähne ausgebissen hat. Dabei hatte die Shabaab-Miliz alles versucht, die Notsituation der Menschen in Somalia zum eigenen Vorteil zu nutzen. Die wenigen Hilfslieferungen vor allem aus der islamischen Welt, die von den Bärtigen durchgelassen worden waren, hatte die Miliz benutzt, die ohnehin geknechtete Bevölkerung weiter zu quälen: Wer essen wollte, musste zahlen. Trotz der gegenteiligen Behauptungen der Hilfsorganisationen, die in Lower Shabelle, Bakool oder auf der Shabaab-Seite von Mogadischu arbeiten konnten, hatten diese nie die Kontrolle über die Verteilung der Hilfe. Die lag bei der Miliz, die im Austausch für Essen Geld verlangte oder Familien aufforderte, der Miliz einen Jungen als neuen Rekrut zur Verfügung zu stellen. Auffällig ist auch, dass an den wenigen öffentlichen Verteilungszentren für Essen im Süden Mogadischus nie Männer zu sehen sind, sondern immer nur Frauen und Kinder. Der Grund ist, dass die Shabaab-Miliz keinem Mann erlaubte, die von ihnen kontrollierten Gebiete zu verlassen. Die Krieger, die einst angetreten waren, Somalia zu einem besseren Land auf der Basis des Islam zu machen, haben sich fürchterlich an allem vergangen, was einen Menschen ausmacht. Die Konsequenz ist, dass der Miliz in den vergangenen Wochen scharenweise die Gefolgschaft aufgekündigt wurde.
Trotz der Niederlage in Mogadischu bleibt die Shabaab-Miliz ein extrem gefährlicher Gegner. In Ermangelung ausreichender Amisom-Truppen, um der Miliz nach Lower Shabelle nachzusetzen, hat diese nun ausreichend Zeit, sich neu zu organisieren. Nach Einschätzung von Amisom-Offizieren wird sich die Shabaab-Miliz nach dem Abzug aus Mogadischu künftig auf „asymetrische Kriegsführung“ verlegen. Übersetzt heißt das: Autobomben, Selbstmordattentäter und Schüsse aus dem Hinterhalt. Mogadischu droht zu einem afrikanischen Bagdad zu werden. „Wir haben nicht die Mittel, eine solche Bedrohung wirksam zu unterdrücken“, sagt Major Paul Lokesh, der Kommandeur der ugandischen „Battle Group“. Der hünenhafte Soldat sieht plötzlich sehr müde aus. „Ich fürchte, dass wird jetzt noch brutaler, als es ohnehin schon war“.
Hervoragender Augenschein!
Thomas Knemeyer (Knemeyer)
- 08.08.2011, 17:28 Uhr
Hungersnot als Chance für Somalia
Gerd Mannes (DeutscherBurger)
- 08.08.2011, 17:12 Uhr
