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Somalia : Amerikas Kriegsherren

Bild: F.A.Z.

In Mogadischu liefern sich Milizen der Scharia-Gerichtshöfe und einer Allianz somalischer Kriegsherren blutige Gefechte. Die Allianz wird aus Amerika mit Waffen und Geld unterstützt, um die „galoppierende Talibanisierung“ Somalias zu stoppen.

          Sieben Tage nach Ausbruch der blutigen Kämpfe zwischen einer Allianz somalischer Kriegsherren und Milizen der Scharia-Gerichtshöfe hat sich am Montag die Lage in der somalischen Hauptstadt Mogadischu wieder beruhigt. Bewohner berichteten, die Artillerieduelle hätten aufgehört. Nur noch vereinzelt seien Schußwechsel zu hören. Nach unbestätigten und unüberprüfbaren Angaben wurden bei den Kämpfen mehr als 100 Menschen getötet, die meisten davon Zivilisten. Es waren die schwersten Kämpfe in der Stadt seit 15 Jahren.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Als Hintergrund der Auseinandersetzungen gilt der Versuch der Amerikaner, den Kampf gegen die zunehmend an Einfluß gewinnenden Scharia-Gerichtshöfe in Mogadischu zu nutzen, um mutmaßliche Al-Qaida-Mitglieder zu liquidieren. Wie amerikanische Quellen bestätigen, waren die Vereinigten Staaten maßgeblich an der Gründung der Warlord-Allianz „Alliance for the Restoration of Peace and Counter-Terrorism“ (ARPCT) im Februar dieses Jahres beteiligt und unterstützen sie mit Waffen und Geld.

          „Talibanisierung“ Somalias stoppen

          Das Ziel sei, die „galoppierende Talibanisierung“ Somalias zu stoppen, hieß es aus Washington. Westliche Geheimdienste vermuten mindestens vier der Attentäter von Nairobi und Daressalam in Mogadischu. Bei zwei gleichzeitigen Anschlägen auf die amerikanischen Vertretungen in Kenia und Tansania waren im Jahr 1998 mehr als 200 Menschen getötet worden. Die amerikanische Armee unterhält einen Militärstützpunkt im benachbarten Djibouti.

          Trotz der amerikanischen Unterstützung unterlag die Allianz der Kriegsherren vergangene Woche den Milizen der Scharia-Gerichtshöfe. Vor Ausbruch der Kämpfe kontrollierten die Scharia-Milizen höchstens 40 Prozent der Stadt, nach Informationen aus Mogadischu sind es nun 80 Prozent. Am Wochenende hatten sowohl die Vereinten Nationen als auch die Vereinigten Staaten zu einem Waffenstillstand aufgerufen, der am Sonntag nach Vermittlung von Clanführern zustande kam.

          Angeblich von Al-Qaida-Gefolgsleuten unterwandert

          Zuvor hatte der Präsident der somalischen Übergangsregierung, Abdullahi Yusuf Ahmed, mehreren seiner Minister mit Entlassung gedroht, falls ihre Milizen sich weiter an den Kämpfen in Mogadischu beteiligen sollten. Die somalische Übergangsregierung war Ende 2005 in Kenia gebildet worden. Damals wurden die diversen Kriegsherren mit Geld zur Mitarbeit überredet. Zur Zeit tagt die Übergangsregierung in Baidoa, einem Ort im Südwesten Somalias, weil die Mogadischu kontrollierenden Kriegsherren - darunter Minister der Übergangsregierung - Präsident Abdullahi Yusuf Ahmed mit dem Tod gedroht haben, sollte er sich in die Hauptstadt begeben.

          In Mogadischu haben die Scharia-Gerichte bei vielen Menschen, die seit dem Zusammenbruch des somalischen Staates vor 15 Jahren unter der Willkür und den Plünderungen der Kriegsherren leiden, einen guten Ruf. Ob sie tatsächlich in dem Maße von Al-Qaida-Gefolgsleuten unterwandert sind, wie die Amerikaner behaupten, gilt als umstritten. Scheich Hassan Dahir Aweys, einer der prominentesten Scharia-Richter und Gründer der somalischen Terrorgruppe Al-Itihad-Al-Islamia, wollte dies gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor anderthalb Jahren in Mogadischu weder bestätigen noch dementieren. Er sprach aber von „nützlichen Kontakten“.

          Ähnliche Attentate in Addis Abeba

          Al-Itihad-Al-Islamia war zu Beginn der neunziger Jahre an mehreren Bombenanschlägen in Äthiopien beteiligt. Hassan Dahir Aweys, der bei den jüngsten Kämpfen als Sprecher der Scharia-Milizen auftrat, gilt indes weniger als fundamentalistischer Muslim denn als Nationalist. Die Rückkehr der zur Äthiopien gehörenden und von Somalis bewohnten Region Ogaden erklärte er zu seinem obersten politischen Ziel. Entsprechend gespannt ist das Verhältnis der Milizen zu Äthiopien, das als wichtigster Lieferant von Geheimdienstinformationen für die Amerikaner gilt. Diese verfügen zwar über elektronische Aufklärung in dem Gebiet, offenbar aber nicht über Agenten vor Ort.

          Als ein Indiz dafür, daß die Allianz der Warlords gegen die Scharia-Milizen mit maßgeblicher Unterstützung Äthiopiens zustande kam, gelten die Bombenattentate der vergangenen Woche in Addis Abeba. Bei fünf nahezu gleichzeitigen Anschlägen auf ein Café sowie mehrere Busse und einen Busbahnhof wurden vier Menschen getötet und mehr als 40 verletzt. Es fiel auf, daß die Attentate jenen glichen, die Al-Itihad-Al-Islamia einst in Äthiopien verübte.

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