10.04.2010 · Der polnische Präsident Lech Kaczynski ist bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Kaczynskis Maschine verunglückte beim Anflug auf den russischen Flughafen Smolensk. Alle Insassen kamen ums Leben, darunter auch Kaczynskis Frau und zahlreiche andere Politiker.
Der polnische Staatspräsident Lech Kaczynski sowie zahlreiche weitere hochrangige Vertreter des Landes sind am Samstag bei einem Flugzeugabsturz in Russland ums Leben gekommen. Nach Angaben des polnischen Außenministeriums starben alle 96 Insassen an Bord der Maschine des Typs TU-154, darunter führende Persönlichkeiten aus Politik, Militär und Kirche. Das Flugzeug der polnischen Regierung stürzte kurz vor der geplanten Landung auf dem Flughafen der westrussischen Stadt Smolensk ab. Kaczynski wollte mit seiner Frau und einer polnischen Delegation an einer Gedenkfeier für die Opfer des Kriegsmassakers von Katyn teilnehmen. Unter den Toten sind auch der polnische katholische Militärbischof Tadeusz Ploski (54) und der Vizekanzler des Militärordinariats, Jan Osinski, wie ein Kirchensprecher in Warschau mitteilte. An Bord der Maschine waren insgesamt acht Geistliche, darunter auch der orthodoxe Militär-Erzbischof Miron Chodakowski und der evangelische Militärpfarrer Adam Pilch.
Der russische Regierungschef Wladimir Putin kündigte eine rasche Aufklärung des Flugzeugabsturzes an. „Wir müssen alles tun, um den Familien, um den Angehörigen der Opfer zu helfen.“ Das sagte Putin im russischen Staatsfernsehen nach einer Besichtigung des Absturzorts südlich der westrussischen Stadt Smolensk. Dort hielt er auch eine Gedenkminute für die Opfer ab. Präsident Dmitri Medwedew hatte den früheren Kremlchef zuvor zum Chef der Untersuchungskommission ernannt.
Alle Opfer seien mittlerweile geborgen worden, sagte der russische Zivilschutzminister Sergej Schoigu. Ihre Leichen würden nach Moskau übergeführt. Transportminister Igor Lewitin warf dem polnischen Piloten vor, „eigenmächtig“ gehandelt zu haben. Die Sichtweite zum Unglückszeitpunkt habe nur 400 Meter betragen. Vorgeschrieben seien Landungen ab 1000 Metern Sicht, sagte Lewitin. Es seien zwei Flugschreiber gefunden worden. Die Geräte sollen nach Moskau gebracht und dort von russischen und polnischen Spezialisten gemeinsam ausgewertet werden.
Nach russischen Militär- und Behördenangaben missachtete der Pilot Empfehlungen, die Landung wegen der schlechten Sichtverhältnisse nicht zu wagen. Demnach versuchte er viermal in Smolensk zu landen und wich nicht auf einen von den Russen angebotenen Ausweichflughafen aus.
Am Samstagabend trafen der polnische Regierungschef Donald Tusk und der Zwillingsbruder Lech Kaczynskis, Jaroslaw, in Weißrussland ein. Sie landeten in Witebsk nahe der russischen Grenze, um von dort aus zur Absturzstelle bei Smolensk zu fahren. An Bord der beiden in Witebsk gelandeten Maschinen waren auch Angehörige der anderen Opfer. Sie wurden in Bussen über die Grenze gefahren. Tusk sollte sich auch mit Russlands Regierungschef Wladimir Putin an der Absturzstelle treffen.
Tusk rief alle Polen für Sonntag, zwölf Uhr, zu einer zweiminütigen Schweigeminute auf. Es handele sich um eine der „größten Tragödien der neuesten Geschichte Polens“. Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski ordnete eine einwöchige Staatstrauer an. Gemäß der Verfassung übernahm der rechtsliberale Politiker kommissarisch die Amtsgeschäfte des Staatsoberhaupts bis zur Wahl eines neuen Präsidenten, die spätestens in 60 Tagen erfolgen muss.
Der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Jozef Michalik, erklärte, die Katastrophe habe eine „große Symbolik“. Bei Katyn habe Polen nun zwei Eliten verloren, die von 1940 und die gegenwärtige. Kaczynski und seine Delegation hätten ein „großes Opfer für die allerhöchsten nationalen Werte“ gebracht. Bei Katyn hatte der sowjetische Geheimdienst im Zweiten Weltkrieg Tausende gefangene polnische Offiziere und Intellektuelle erschossen. Warschaus Erzbischof Kazimierz Nycz sagte bei einer Pressekonferenz: „Im Dienst für Polen ist die Blume des Landes umgekommen.“ Er rief alle Polen zur Solidarität und Zusammenhalt auf: „Das Leid möge uns versöhnen.“
Im ganzen Land werden an diesem Wochenende Gedenkgottesdienste für die Katastrophenopfer zelebriert (siehe auch: Nach Kaczynskis Tod: Polen im Schockzustand). Die zentrale Totenmesse wollte am Samstagabend der Apostolische Nuntius in Polen, Erzbischof Jozef Kowalczyk, in der Warschauer Militärkirche für die Opfer feiern. Am Samstagvormittag beteten bereits die Anwesenden der ursprünglichen Gedenkfeier für die Katyn-Opfer für die Passagiere der verunglückten Maschine. In Krakau läutete am Mittag auf Anordnung von Kardinal Stanislaw Dziwisz die zehn Tonnen schwere Sigismundglocke der Wawel-Kathedrale. Sie erklingt nur bei Tod eines Papstes oder an höchsten Feiertagen.
Bestürzung über den Tod Kaczynskis
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich bestürzt über den Tod Kaczynskis. „Deutschland trauert heute mit dem ganzen polnischen Volk“, sagte Merkel am Samstag in Berlin. Kaczynski sei ein wirklicher Vertreter der Interessen seines Landes gewesen, sagte Merkel. „Er hat sein Land geliebt, und er war ein streitbarer Europäer. Lech Kaczynski wird uns auch in Deutschland fehlen.“
Bundesaußenminister Guido Westerwelle erfuhr von der Nachricht bei seinem Besuch in Südafrika am Morgen. In Kapstadt sagte er: „Wir sind tief betroffen vom Tod des polnischen Präsidenten, seiner Frau, vielen Angehörigen der Regierung und weiteren polnischen Bürgern. Wir trauern mit dem polnischen Volk. Es verliert eine Persönlichkeit, auf die Europa bauen konnte, wenn es darauf ankam. Dies ist ein Moment für Deutschland, in dem wir alle innehalten.“ Westerwelle musste seine Worte kurzzeitig unterbrechen, weil ihn die Trauer überwältigte. Kurz darauf fügte er hinzu: „Das Ganze geht mir auch persönlich nah, weil ich ihn als klugen und energischen Gesprächspartner erlebt habe.“ Westerwelle hatte nach seinem Amtsantritt im Oktober 2009 seine erste Auslandreise nach Warschau gemacht und war dort sehr herzlich von Polens Präsident empfangen worden.
Auch Bundespräsident Horst Köhler brachte seine Bestürzung über den Tod Kaczynskis und dessen Frau zum Ausdruck. Er spreche seine „tief empfundene Anteilnahme“ aus, sagte Köhler am Samstag in seinem Amtssitz Schloss Bellevue in Berlin. „Polen hat einen furchtbaren Verlust erlitten“, sagte Köhler. „Deutschland trauert mit.“ Kaczynski habe sein Leben lang für ein freies Polen gekämpft. Köhler hob die „freundschaftlichen Beziehungen“ von ihm und seiner Frau mit dem Ehepaar Kaczynski hervor.