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Sinai-Halbinsel Im Niemandsland der Dschihadisten

19.08.2011 ·  In Israel ist man seit Monaten über die Lage auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel beunruhigt. Militär und Behörden verlieren zunehmend die Kontrolle. Auch die Urheber der Terroranschläge vom Donnerstag könnten über die ägyptische Grenze gekommen sein.

Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem
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Besorgte Blicke gehen schon länger aus Israel über die ägyptische Grenze in Richtung Sinai. Erst am Mittwoch meldete die ägyptische Armee, dass dort Soldaten ein Ausbildungslager einer bewaffneten Gruppe ausgehoben hätten, die Verbindungen zu Al Qaida habe. Dort seien Sprengstoffgürtel und automatische Waffen gefunden worden. In Israel verdichten sich am Donnerstag die Hinweise darauf, dass die Urheber der Serie von Terroranschlägen über die viele Kilometer lang ungesicherte ägyptische Grenze gekommen sein könnten. Zudem war in unbestätigten Presseberichten die Rede davon, dass die Angreifer auch Raketen oder Granaten von ägyptischem Gebiet aus abfeuerten.

Seit dem Sturz von Präsident Mubarak verlieren die ägyptischen Sicherheitskräfte immer mehr die Kontrolle über die Sinai-Halbinsel. Fünf Mal verübten Bewaffnete seit Februar auf dem Sinai Anschläge auf die Gasleitung von Ägypten nach Israel und Jordanien. Wochenlang waren die Gaslieferungen unterbrochen. Zudem griffen Beduinen, die mit Panzerabwehrraketen ausgerüstet waren, mehrmals Einrichtungen von Polizei und Armee sowie den Hafen von Nuweiba an. Israelische Fachleute befürchten, dass in den unwegsamen Wüsten des Sinai ein „Niemandsland“ für die staatlichen Sicherheitskräfte entstehe.

Diese hatten sich schon unter Mubarak schwer getan, ihre Autorität gegenüber den Beduinen durchzusetzen, von denen viele mit Waffen- und Menschenschmuggel ihr Geld verdienen. Nach Einschätzung von Geheimdiensten arbeiten sie dabei auch mit Terrorgruppen zusammen, die mehrmals Israelis in den Badeorten am Roten Meer angegriffen und Raketen auf die israelische Hafenstadt Eilat abgefeuert haben.

Auf israelisches Gebiet sind Terroristen aber nicht vorgedrungen und eine derart aufwendig geplante Serie von Anschlägen wie am Donnerstag hatte es bisher nicht gegeben: Nachdem sie den Linienbus beschossen hatten, griffen die Täter an der Grenze eine israelische Militärpatrouille an. Kurz darauf kam es an einer mehrere Kilometer entfernten Stelle zu einem dritten Attentat. „Es wirkt wie ein koordinierter Anschlag“, sagt ein Offizier. Israelische Militärs schlossen nicht aus, dass mehr als eine Terrorzelle beteiligt gewesen sein könnte.

Barak: Die Attentate haben in Gaza ihren Ursprung

Nach den Worten des israelischen Verteidigungsministers Barak führt eine erste Spur über den ägyptischen Sinai in den von der Hamas beherrschten Gazastreifen. Die Attentate hätten dort ihren Ursprung, sagte er am Donnerstag, um anschließend zu versichern: „Wir werden mit aller Entschiedenheit vorgehen.“ Nur einige Stunden später fliegt die Luftwaffe Angriffe auf Ziele in Gaza. (Siehe Luftangriffe nach Anschlägen: Tote im Süden Israels) In israelischen Sicherheitskreisen weist man seit Monaten darauf hin, dass der Waffenschmuggel in den Gazastreifen wegen des politischen Umsturzes in Kairo und des Sicherheitsvakuums auf dem Sinai deutlich zugenommen habe.

Die Hamas und kleinere Terrorgruppen verfügten nun über mehr als 10.000 Raketen. Zudem hat Ägypten den Personenverkehr über seine Grenze in Rafah zum Teil wieder freigegeben – auch wenn Terroristen wahrscheinlich eher die Schmuggeltunnel für ihren Weg auf die Sinai-Halbinsel nutzen, von denen es Hunderte gibt.

Konkrete Hinweise auf Entführungsgefahr für Israelis

Nach den Anschlägen auf die Gasleitung nach Israel waren in Ägypten kleinere Terrorgruppen wie „Al Tawhid wa al Dschihad“ und „Dschaisch al Islam“ als mögliche Urheber genannt worden. Es sind Gruppen aus dem Gazastreifen. Aber auch der bewaffnete Arm der in Gaza regierenden Hamas hat offenbar im vergangenen Jahr den Sinai und auf diesem Umweg verstärkt Israelis ins Visier genommen, wie führende Geheimdienstmitarbeiter beobachteten.

Zwei Mal riefen israelische Sicherheitsbehörden im Jahr 2010 israelische Staatsangehörige auf, umgehend von der ägyptischen Halbinsel nach Israel zurückzukehren. Es gebe konkrete Hinweise darauf, dass palästinensische Terroristen versuchen könnten, dort Israelis zu entführen, hieß es. Der israelische Ministerpräsident Netanjahu hat die Hamas bezichtigt, hinter dem Raketenangriff auf Eilat und das jordanische Akaba im August 2010 zu stecken.

Mehr Soldaten an der Grenze

Warnungen vor einer drohenden Eskalation an der Sinai-Grenze hatte es seit dem Ende des Mubarak-Regimes in Israel immer wieder gegeben. Die israelische Armee brachte mehr Soldaten an die Grenze; die Regierung erlaubte im Februar dem ägyptischen Militär, 800 Soldaten auf der Sinai-Halbinsel zu stationieren, die eigentlich seit dem Friedensvertrag von 1979 entmilitarisiert ist.

Die ägyptischen Truppen sollten helfen, den Waffenschmuggel nach Gaza zu unterbinden. Doch diese Maßnahmen reichten offenbar genauso wenig aus, wie der neue Sicherheitszaun, der an der ägyptischen Grenze ursprünglich vor allem illegale Einwanderer stoppen sollte. Nur gut zehn Prozent sind bislang davon fertig gestellt, obwohl der Kabinettsbeschluss schon anderthalb Jahre alt ist.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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