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Silvio Berlusconi Ciao, Cavaliere

Als Erlöser, der aus dem Nichts ein viele Milliarden schweres Unternehmen schuf, stieg Silvio Berlusconi in die Politik ein. Nun ist er als italienischer Ministerpräsident gescheitert - vor allem, weil er stets mehr versprach, als er einlösen konnte.

© Gamma-Rapho via Getty Images Berlusconi am Dienstag im Abgeordnetenhaus neben Lega-Nord-Chef Umberto Bossi

Bis zum Schluss hat Silvio Berlusconi versucht, den Italienern und seinen Gefolgsleuten im italienischen Parlament leuchtende Visionen zu verkaufen, die Perspektiven vom Ruck der Reformen für das Land, von einer großen Zukunft Italiens nach Überwindung der Euro-Krise. Doch zuletzt konnte Berlusconi, das beflissene Verkaufstalent, nicht mehr überzeugen. Selbst Abgeordnete, die nichts sehnlicher wünschten als die Vollendung ihrer Amtsperiode im Parlament und das Erreichen der Pensionsberechtigung im Jahr 2013, haben die Hoffnung verloren. Unter den Abgeordneten im Regierungslager heißt das Motto stattdessen "Rette sich, wer kann", und das bedeutet für manche auch den Wechsel der Partei gegen das vage Versprechen eines guten Listenplatzes.

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Berlusconi zeigt sich nun doppelt getroffen, nicht nur wegen des Verlusts seiner Regierungsmehrheit im Abgeordnetenhaus, sondern ganz persönlich, über die "traditori", die Verräter auch unter den besonders Getreuen. Berlusconi war immer großzügig gegenüber seinen Gefolgsleuten, er verschenkte Uhren an alle Abgeordneten, bedachte manche Gattin von Führungspersonen mit teurem Schmuck. Vor allem aber hatten viele Abgeordnete ihre politische Karriere mit dem Eintritt Berlusconis in die Politik begonnen. Roberto Antonione etwa war ein unbekannter Regionalabgeordneter gewesen, er wurde mit Berlusconis Partei Regionalpräsident im Friaul, Parteigeschäftsführer in Rom, Staatssekretär im Außenministerium. Doch nun hat er sich verabschiedet, ebenso wie die langhaarige Blonde Gabriella Carlucci, Fernsehmoderatorin in Berlusconis Sender "Mediaset", dreimal mit Berlusconi ins Parlament gewählt und seit einem Jahr auch noch Bürgermeisterin einer Kleinstadt in Apulien.

Maßloses Ego

Wenn sich nun alte Bewunderer abwenden, dann trifft das nicht nur den ausgeprägten Sinn für Loyalität bei Berlusconi, der so gut wie nie einen Mitarbeiter in die Wüste schickte, sondern noch mehr das, was Kenner immer wieder als sein "maßloses Ego" beschrieben haben. Wer aus dem Nichts einen Milliardenkonzern geschaffen hat, dann 1994 im Januar eine Partei gründete und damit im Mai desselben Jahres als strahlender Sieger die Wahlen gewann, konnte leicht versucht sein, sich nahezu allmächtig und unwiderstehlich zu fühlen.

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Doch hinter der glänzenden Fassade steckten von vorneherein mehr Probleme, als Berlusconi wohl selbst wahrhaben wollte. 1994 präsentierte er sich zum ersten Mal als Politiker, im Auslandspresseclub von Rom, zunächst mit strahlender Miene, in der Pose des Retters Italiens, der nach Jahren der "Filzokratie", der Währungskrisen und der wackeligen Regierungen - mit durchschnittlich elf Monaten Lebenszeit - die Probleme des Landes mit dem zupackenden Geist des Unternehmers lösen wollte. Schon in jener ersten Pressekonferenz bekam dieses Bild Risse: Dreimal war Berlusconi von einem spanischen Journalisten gefragt worden, ob er denn ein "neuer Mussolini" sein wolle; bei der dritten Antwort fiel der sonst lächelnde Berlusconi aus der Rolle, und Bilder seines zornigen, zur Fratze verzerrten Gesichts gingen um die Welt.

Der „Wilde Westen“

Hinter Berlusconi, dem Unternehmer, sahen die Gegner zudem gleich viele Fragezeichen und konstruierten dunkle Theorien. Er selbst präsentierte sich immer als Inbegriff italienischen Unternehmertums. In den sechziger Jahren, einer Zeit, als in Italien viele Bauträger mit dem Bau seelenloser Trabantenstädte reich geworden waren, machte sich Berlusconi als Anbieter von Qualitätsprodukten einen Namen. Sein Stadtviertel "Milano Due", mit hohen Häusern, dazwischen viel Grün, Parkplätzen, einer Fußgängerzone und darunter liegenden Parkplätzen, ist noch heute eine gute Wohngegend.

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