Die Gras- und Humusdecke rund um das Haus, die nun im Winterregen glänzt, ist nur zentimeterdünn. Wenn die Familie Resnik im Sommer verreist, müssen Nachbarn den Garten täglich bewässern. Der gesamte Siedlungsblock von Gush Kativ im Herzen des Gaza-Streifens ist auf Sand gebaut. Auf diesen Dünen würde ohne die Farmer und ihr Wasser nichts gedeihen. Bevor Kativ 1985 gegründet wurde, lebten dort nur Beduinen. Dann kamen Siedler wie die Resniks, die andere aus Yamit und Ophira auf dem Sinai mit sich brachten, als Israel nach seinem Friedensschluß mit Ägypten jene Orte verlassen mußte. "Natürlich gab es in Yamit Widerstand", sagt Randy Resnik. "Aber die meisten von uns waren bald mit der Aussicht versöhnt, daß der Staat Israel ihnen hier ihr Land verdoppeln würde." Sieht das jetzt ähnlich aus, da der israelische Ministerpräsident Scharon die jüdischen Siedlungen im Gaza-Streifen räumen lassen will? Oder wird die israelische Rechte die Evakuierung verhindern?
Kativ mit seinen 65 Familien ist eine von etwa 12 kleinen Siedlungen im Block auf diesen Dünen am Mittelmeer. Es hat ein Zentrum mit einigen Läden, der Synagoge und dem viel zu groß erscheinenden Gemeindehaus. Im Flur hängen Fotos von kahlen Dünen, die zeigen sollen, daß dieser Siedlungsblock den Arabern kein Land stahl. "Früher brachten wir ihnen vielmehr die Arbeit. Aus Khan Yunis und Deir al Balah kamen Palästinenser, setzten und ernteten Tomaten." Das ist mittlerweile anders. Ostasiatische Fremdarbeiter wurden angeheuert. Der alte Zaun um den Siedlungsblock ist verstärkt worden. Leere Plastiktüten flattern an den Gittern.
Auf Entschädigung gebaut
Die säkularen Siedler haben nie mit einem langen Bleiben gerechnet. Außerdem soll die Entschädigung nach den Plänen ähnlich günstig ausfallen wie einst in Yamit nach dem Friedensschluß mit Ägypten. Das Wirtschaftsland, das die Familie Resnik im Negev bekommen könnte, soll doppelt so groß ausfallen wie nun im Gush Kativ. Darauf haben viele Familien im Gaza-Streifen stets gebaut. Im Winter ist die Gegend weitgehend verlassen, aber im Sommer bekommen die Siedler Besuch aus dem ganzen Land. Viele Israelis bekunden mit einem Besuch ihre Solidarität für die jüdische Präsenz im Gaza-Streifen.
In der isolierten Siedlung Netzarim etwas weiter im Norden sollen 60 Familien zu Hause sein. Aber viele Gebäude - meist provisorisch anmutende Fertighäuser - scheinen leer; zumindest sind viele Vorgärten verwildert. Mal sieht man ein verrostetes Fahrrad vor der Tür, mal verblichene Wäsche auf der Leine. Soll hier Leben vorgetäuscht werden? Soldaten und Arbeiter in den Gewächshäusern beherrschen Netzarim. Ein Infanterie-Bataillon, so wird gesagt, schütze die verbliebenen Bewohner. Netzarim war immer ein gefährliches Pflaster. Nur über eine allein für Siedler benutzbare Straße können die Israelis Netzarim erreichen. Das geschieht im Konvoi oder in einem gepanzerten Bus. Jede Fahrt muß mit der Armee koordiniert werden. Einst gab es arabische Häuser an der Netzarim-Kreuzung, wo die Siedlerstraße die zentrale palästinensische Nord-Süd-Achse des Gaza-Streifens überquert. Nun stehen dort kein Gebäude mehr. Nichts erinnert an den Tod des kleinen Muhammed al Dura, der dort zu Beginn der zweiten Intifada in den Armen seines kauernden Vaters an einer Betonwand im Kugelhagel starb. Auch die letzten Bäume sind gefällt. Auf dieser Fläche kann sich kein Attentäter mehr bewegen, keine Mine mehr im Boden vergraben werden.
25 Siedlungen, 7500 Siedler
Schließlich ist auch die zentrale Nord-Süd-Achse für Araber gesperrt worden. Die Palästinenser fahren auf einer frisch geteerten Trasse am Meerufer entlang nach Süden. Sie sehen von Netzarim nur noch den Aussichtsturm der Soldaten und die Gewächshäuser. Bis vor einigen Monaten konnten die Passanten dann weiter südlich am Rand des palästinensischen Ortes Nusseirat mehrere neue Hochhäuser erkennen, die die palästinensische Autonomie-Polizei für ihre Mitarbeiter errichtet hatte. Von den oberen Fenstern aus konnte man gut das Lager der Soldaten in Netzarim sehen und sich mit deren Dienststunden vertraut machen. Das nutzten Attentäter für einen Anschlag, bei dem sie im vergangenen Jahr in die Schlafstuben eindrangen und um sich schossen.
Netzarim wurde 1972 gegründet. Insgesamt gibt es 25 Siedlungen im Gaza-Streifen, in denen knapp 7500 Menschen leben; amerikanische Statistiken sprechen von 5000. Die Israelis machen weniger als ein Prozent der 1,27 Millionen Menschen in diesem eng besiedelten Gebiet aus, aber sie besitzen und bewirtschaften 40 Prozent von den 360 Quadratkilometern an der 40 Kilometer langen Küstenlinie. Die wirkliche Zahl liegt jedoch noch höher: Viele Straßen wurden den Arabern dazu noch genommen und ein Drittel der Strände. Ganze Wohnviertel in Rafah im Süden an der ägyptischen oder in Beit Hanoun im Norden an der israelischen Grenze wurden geschleift, weil Tunnel nach Ägypten gegraben oder Raketen nach Israel abgeschossen wurden.
Teil „Eretz Israels“
Für religiöse Siedler ist Gaza wie das Westjordanland vor allem ein Teil des geheiligten "Eretz Israel", durch das schon der Urvater Abraham auf dem Wege nach Ägypten gezogen sei. Bei der biblischen "Landnahme" soll der Stamm Juda Gaza erhalten haben. Doch die Israeliten konnten diese Stadt nicht einnehmen. An der strategisch wichtigen Meeresstraße stritten dagegen meist die großen Reiche - Ägypter, Perser oder Assyrer - um das Land. Später nahmen um etwa 1200 vor Christus die Philister das reiche kanaanitische Gaza in Besitz. Immerhin soll der israelitische Simson so stark gewesen sein, daß er sich aus seiner philistäischen Gefangenschaft befreien und den Haupttempel der Stadt zum Einsturz bringen konnte. Hat vielleicht König David Gaza übernehmen können?
Der reiche Hafen am Ende der Gewürzstraße gehörte gewiß zum Reich der hellenisierten Hasmonäer, bevor die Römer Mitte des vorletzten Jahrhunderts das Gaza-Land eroberten. Schon früh kamen die Christen nach Gaza, Mönche siedelten sich in der Nachfolge von Jesus im Umland an. Byzantinische Kirchen und Synagogen erzählen eine Geschichte von religiöser Vielfalt, die auch im siebten Jahrhundert nicht endete, als die Muslime Gaza eroberten. Gaza steht heute für Gewalt und Zerstörung, aber es ist auch reich an archäologischen Schätzen und Sehenswürdigkeiten.
Ein falscher Messias und eine böse Erinnerung
Fromme Juden wollen ihren jüdischen Anspruch verteidigen. Im Mittelalter hätten Rabbiner das Land für geheiligt erklärt, sagen sie. Schabtai Zwi, der falsche Messias, habe im 17. Jahrhundert Gaza zu einem Zentrum seiner Bewegung gemacht. Für die meisten Israelis ist der Gaza-Streifen hingegen nur eine böse Erinnerung an die Armeezeit. "Es ist gut, wenn wir gehen", sagt unverhohlen einer der Soldaten.
Bei einem Referendum für den Abzug der Israelis würde Ministerpräsident Scharon gewiß die Mehrheit erhalten. Schon die ägyptischen Besatzer, heißt es, wären dankbar gewesen, hätten die Israelis nach ihrem ersten Einmarsch 1956 den Streifen für sich behalten. Doch Israel zog sich nach dem Sinai-Feldzug noch einmal zurück. Die Islamisten von Gaza machten danach der Regierung in Kairo zu schaffen. Erst nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 blieben die israelischen Truppen als neue Besatzungsmacht, bis Palästinenserführer Arafat Anfang Juli 1994 das israelische Hauptquartier im Zentrum von Gaza-Stadt übernahm.
Elei Sinai, Dugit und Nissanit
Nur drei Siedlungen will Israel offenbar für sich behalten. Elei Sinai, Dugit und Nissanit sind von Norden her aus Israel erreichbar, ohne eine palästinensische Siedlung zu streifen. Von hier aus könne der spätere Hafen von Gaza kontrolliert werden, heißt es beim Militär zur Begründung. Nissanit ist mit 280 Familien nach Neve Dekalim mit 513 Familien die größte israelische Niederlassung. Aber welche israelischen Siedlungen man auch besucht, die flachen Häuser mit ihren roten Dächern sehen nirgends für die Ewigkeit gebaut aus. An der Nord-Süd-Hauptstraße, die einst mit üppigen Eukalyptus-Bäumen geschmückt war - sie wurden längst von der Armee gerodet -, und zu der parallel in osmanischen Zeiten die Eisenbahn vom ägyptischen Badeort El Arisch über Gaza und Haifa nach Beirut lief, liegt Kfar Darom. Das ist ein umzäunter Flecken mit wohl noch 80 Familien. Ihn gründeten Juden schon, bevor es den Staat Israel gab; sie mußten die Siedlung aber 1948 wieder aufgeben.
In Kfar Darom lebt auch Hanna. Sie ist seit einem Terroranschlag auf ihren Wagenkonvoi Ende 2001 vom Rücken herab gelähmt, und doch hat sie in diesen Tagen einen Sohn geboren - es ist ihr achter. Sie sieht diese Geburt als Revanche: "Dies Kind ist die beste Antwort auf den Terror. Er sollte uns töten und aus Kfar Darom vertreiben. Wir antworten mit diesem Säugling." Zwei Kugeln hatten sie damals in den Rücken getroffen. Eine Tochter wurde leicht verletzt. In einem anderen Wagen war eine Frau im Kugelhagel eines islamistischen Attentäters bei Gush Katif umgekommen. In ihrer Familie wurde dieser Tage abgestimmt. Alle wollen in Kfar Darom bleiben. "Seit 16 Jahren wohnen wir in diesem Teil des Gaza-Streifens. Wir lieben den Ort. Je mehr Menschen um uns herum starben, desto mehr fühlten wir uns mit diesem Stück Erde verbunden. Wir werden für unser Bleiben kämpfen." Kfar Darom wurde um 1970 wie viele Siedlungen im Gaza-Streifen von der israelischen Linken wiederbegründet. Heute ist es der rechte Politiker Scharon, der den Abzug will. Das sagt er zumindest. Einen Zeitplan gibt es bisher nicht.
