05.01.2010 · Am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv stehen zwar auch Röntgengeräte für das Gepäck, aber kein einziger Ganzkörper-Scanner. Dafür müssen sich die Reisenden auf viele Fragen gefasst machen. Israel hat aus den langen Jahren des Terrors gelernt.
Von Hans-Christian Rößler, JerusalemViel zu tun hat der Ganzkörper-Scanner in Erez nur selten. Futuristisch mutet der israelische Übergang an der Grenze zum Gazastreifen an, wo das Gerät seit gut zwei Jahren Dienst tut. Wegen der israelischen Blockade passieren das zylinderförmige Durchleuchtungsgerät meist nur Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Diplomaten und ein paar palästinensische Patienten - ohne in der Halle von einem der Sicherheitsbeamten kontrolliert zu werden. Diese geben, von einer verglasten Empore aus, höchstens über Lautsprecher in barschem Ton ihre Anweisungen. Die niederländische Firma, die die Abfertigungshalle aus sehr viel Glas gebaut hat, bezeichnet auf ihrer Internetseite „Transparenz“ und „Benutzerfreundlichkeit“ als „wegweisend“.
Der Einsatz von Ganzkörper-Scannern im Personenterminal von Erez ist in Israel jedoch eine Ausnahme geblieben. Zwar gehören israelische Unternehmen international zu den Marktführern bei Sicherheitstechnologie. Im Alltag setzt man in Israel weiter auf Menschen und nicht auf Maschinen: Vor jedem Café wie an den Eingängen von Banken und Einkaufszentren lassen sich Sicherheitskräfte den Inhalt von Taschen zeigen und setzen Metalldetektoren ein. Diese Kontrollen lassen die meisten ohne ein Murren über sich ergehen und zahlen klaglos die kleine Gebühr dafür auf der Restaurantrechnung.
Aufkleber auf Gepäck und Pass
Denn wie in kaum einem anderen Land mussten es die gut sieben Millionen Israelis lernen, mit permanenter Terrorgefahr zu leben: Bei 141 Selbstmordanschlägen palästinensischer Terroristen kamen alleine zwischen 2000 und 2008 mehr als 540 Israelis ums Leben. Im vergangenen Jahr gab es zum ersten Mal seit langer Zeit kein Selbstmordattentat mehr.
Aus den Erfahrungen der Jahre des Terrors versuchten die Sicherheitsbehörden zu lernen. Für viele ausländische Israel-Besucher wie israelische Araber bedeutet das, dass sie besonders am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv dafür viel Geduld und Zeit mitbringen müssen. Dort stehen zwar auch leistungsfähige Röntgengeräte für das Gepäck, aber kein einziger Ganzkörper-Scanner. Dafür müssen sich die Reisenden auf viele Fragen gefasst machen: Wer sich gegenüber den Kontrolleuren in Widersprüche verwickelt und zum Beispiel nicht plausibel erklären kann, wo und warum er in Israel oder in den Palästinensergebieten war, dessen Befragung kann sich in die Länge ziehen.
Aufkleber auf Gepäck und Pass zeigen an, zu welcher Kategorie der Passagier gehört und wie genau sich die Sicherheitsleute ihn ansehen: Jüngere Männer müssen sich auf mehr Fragen gefasst machen als Rentner; das gilt auch für die Besitzer eines Passes mit vielen Visumsstempeln aus Staaten, die Israel feindlich gesonnen sind, und viele Angehörige der arabischen Minderheit in Israel - Palästinenser aus den nahen Autonomiegebieten - dürfen den Flughafen nicht benutzen. Eine solche Ungleichbehandlung von Passagieren könnte in westlichen Staaten schon an juristischen Hürden scheitern. Nach israelischem Vorbild ließen sich nach seiner Ansicht aber besonders in Amerika Informationsaustausch und Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden verbessern.
Zum Sinnbild des Kampfes gegen den Terror ist jedoch die Sperranlage geworden, die die israelische Regierung seit sieben Jahren bauen lässt. Etwa 500 der geplanten gut 800 Kilometer rund um die Palästinensergebiete sind schon fertiggestellt. Teilweise besteht das Bauwerk, das Terroristen daran hindern soll, nach Israel einzudringen, aus einer acht Meter hohen Mauer, zum größten Teil aus einem Hochsicherheitszaun. Der Chef des israelischen Inlandgeheimdienstes Schin Beth, Juval Diskin, bezeichnete im vergangenen Frühjahr aber den Fertigbau der Anlage als nicht mehr so dringlich. Israel sei auch mit anderen Mitteln in der Lage, der Gefahr durch palästinensische Terroristen Herr zu werden. Ein vor wenigen Tagen vorgelegter Bericht des Inlandsgeheimdienstes über das Jahr 2009 nennt als Hauptgründe „präventive Aktivitäten“ der Sicherheitskräfte im Westjordanland in Zusammenarbeit mit palästinensischen Kollegen. Bei 90 Prozent aller Terroraktivitäten im Westjordanland und Jerusalem habe es sich um Angriffe mit Molotov-Cocktails gehandelt.
Insgesamt kamen im vergangenen Jahr drei israelische Zivilisten um. Dazu kamen fünf Zivilpersonen und Soldaten durch Raketenbeschuss der Hamas während des Gaza-Krieges Anfang 2009. Auch wenn sich die Hamas und die libanesische Hizbullah zuletzt ruhig verhielten, beobachten die israelischen Dienste mit Argwohn, wie sie sich für neue Gewalt rüsten. Beunruhigt sind sie aber auch über die Mordkampagne des „jüdischen Terroristen“ Jacov Teitel, dem gerade in Jerusalem der Prozess gemacht wird. Ihm wird jetzt auch der Mord an zwei israelischen Polizisten im vergangenen Frühjahr im Jordantal vorgehalten, dessen zunächst Palästinenser bezichtigt worden waren.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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