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Sicherheit in Afghanistan Den Taliban auf die Füße treten

28.08.2008 ·  Die deutschen Fallschirmjäger, die der jüngste Anschlag traf, waren eigens zur Verstärkung nach Kundus verlegt worden. Die Sicherheitslage in Afghanistan verschärft sich - im Norden, wo die Bundeswehr steht, vor allem jedoch im Süden und Osten. Die Entwicklung ist widersprüchlich.

Von Stephan Löwenstein
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Der Anschlag ereignete sich am – für afghanische Verhältnisse – schon fortgeschrittenen Vormittag. Der Tag beginnt früh am Hindukusch, man muss das Licht ausnutzen, und die relative Kühle der Morgenstunden. Acht Fahrzeuge der Bundeswehr aus dem Feldlager, das auf dem Plateau über Kundus liegt, waren in Richtung Süden zu einer routinemäßigen Erkundungsmission ausgerückt. Um 9:25 Uhr ging ein Sprengsatz unter dem Fahrzeug des Patrouillenführers hoch, einem geschützten „Wolf“-Geländewagen.

Die Wucht der Explosion warf den Wagen zur Seite und verletzte die vier Fallschirmjäger darin – einen von ihnen so schwer, dass die sofortigen Rettungsversuche des begleitenden Arzttrupps vergeblich blieben. „Wir haben eine verschärfte Sicherheitslage“, sagte Verteidigungsminister Franz Josef Jung, als er mittags in Berlin sein Mitgefühl mit den Angehörigen zum Ausdruck brachte.

Kundus gilt als „Paschtunentasche“

Verschärfte Sicherheitslage: Das gilt innerhalb der Nordregion, für die die Bundeswehr vorrangig zuständig ist und wo sie in der Nato-geführten Schutztruppe Isaf das Regionalkommando führt, vor allem für die Gegend um Kundus. Um die vergangene Jahreswende herum wurde das Feldlager der Bundeswehr dort wieder und wieder mit Raketen beschossen, und jeder vierte Sprengstoffanschlag in der Nordregion wird in dem Bereich verübt, für den das Wiederaufbauteam (PRT) Kundus zuständig ist.

Die Fallschirmjäger, die es getroffen hat, gehörten zu jener Verstärkung, die eigens nach Kundus verlegt worden war und die das Raketenproblem tatsächlich weitgehend in den Griff bekommen hat. Besonders der Distrikt Chahar Dara, in dem der Angriff vom Mittwoch früh unternommen wurde, gilt als gefährlich.

Das hängt eng mit der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung zusammen: Während im Norden im allgemeinen Volksstämme wie Tadschiken, Turkmenen oder Usbeken leben, gilt Kundus als „Paschtunentasche“. Obgleich Präsident Hamid Karzai Paschtune ist, ist dieser Volksstamm nach eigenem Empfinden offenbar am ehesten „Verlierer“ der neuen Ordnung seit der Vertreibung der Taliban von der Macht. Die Paschtunen leben sonst überwiegend im Süden und im Osten Afghanistans und haben ihre Verwandten jenseits der Grenze, in Pakistan, wo die Talibanbewegung einst ihren Ausgang genommen hat.

Der „Aufstand“ ist auf den Süden und Osten fokussiert

Entsprechend ist es wichtig, die Lupe von dem deutschen Einsatzgebiet zu nehmen, um die Sicherheitslage insgesamt in Afghanistan einzuschätzen. Der „Aufstand“, von dem die Nato inzwischen ausdrücklich spricht, ist auf den Süden und Osten fokussiert. 94 Prozent aller Sicherheitsvorkommnisse ereignen sich dort. Die Entwicklung ist widersprüchlich.

Einerseits nimmt die Zahl der Vorfälle eindeutig zu. Wurden in ganz Afghanistan seit Jahresbeginn etwa 1200 Explosionen von Sprengladungen gezählt, durch die 850 Menschen (Soldaten wie – vor allem – Zivilisten) getötet und mehr als 1900 verwundet wurden, waren es 2007 im gleichen Zeitraum 800 Anschläge mit gut 600 Toten und 1500 Verwundeten. 1060 der 1200 Anschläge dieses Jahr wurden im Süden und Osten verübt.

Andererseits – so wird bei der Isaf aufgeführt – ereigneten sich im vergangenen Jahr 70 Prozent aller Angriffe in 10 Prozent aller etwa 400 afghanischen Distrikte und betrafen sechs Prozent der Gesamtbevölkerung. Dieses Jahr waren es in denselben Distrikten 73 Prozent aller Angriffe. Die Folgerung der Militärs: Mag die Anschlagsdichte auch intensiver werden, so könne doch nicht davon die Rede sein, dass der Aufstand sich ausbreite.

Welche Darstellung stimmt?

Gegen diese Darstellung gibt es allerdings Widerspruch. So gibt der „Senlis Council“, eine recht gut informierte Politikberatungsorganisation, unter Berufung auf örtliche Quellen an, dass die halbe Provinz Wardak – eine Dreiviertelstunde von Kabul entfernt – unter Talibanherrschaft sei. In und um die Hauptstadt erstarkten die Taliban immer mehr, und im ganzen Land kontrollierten sie mehr als die Hälfte des Territoriums.

Bei der Isaf heißt es dagegen, auch wenn die „Aktivität“ um ein Drittel dieses Jahr zugenommen habe – für die Ostprovinzen ist gar von einer Zunahme um 40 Prozent die Rede –, so sei das nicht allein darauf zurückzuführen, dass tatsächlich die Taliban aktiver würden. Vielmehr trete die Isaf durch zunehmende Präsenz, durch die sie die Autorität der Zentralregierung gegen Aufständische zu stärken hofft, „einfach mehr Leuten auf die Füße“, wie deutsche Offiziere sagen; oder, amerikanisch ausgedrückt: „Wenn du mehr Cowboys ins Indianerland schickst, bekommst du mehr Gefechte.“

Die Folgerungen hieraus werden gegensätzlich sein. Die einen werden sagen, dann soll man halt nicht so viele „Cowboys“ schicken. Die anderen fürchten, dann würde den Taliban das Land ganz überlassen, und fordern daher weitere Verstärkungen – gerade mit Blick auf die afghanischen Wahlen nächstes Jahr. Verstärken wird auch die Bundeswehr, um tausend auf 4500 Mann, wenn auch nur für den Norden. Das wird die einen, wenn die Umfragen stimmen, die meisten Afghanen dort freuen. Doch einigen unangenehmen Gestalten wird sie dann auch mehr auf die Füße treten.

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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent in Berlin.

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