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Kardinal McCarrick : Der Harvey Weinstein der katholischen Kirche

Kardinal Theodore Edgar McCarrick während eines Interviews im Jahr 2013 Bild: Reuters

Der Vatikan hat den amerikanischen Kardinal Theodore McCarrick suspendiert – nach Jahrzehnten des sexuellen Machtmissbrauchs. In Amerika wird der Vergleich zu Hollywood-Produzent Weinstein gezogen.

          Es bedeutet wieder einmal ein Erdbeben für die amerikanischen Katholiken: Uncle Ted darf auf Geheiß des Vatikans das Priesteramt nicht mehr ausüben. „Onkel Ted“ – das ist seit Menschengedenken der selbstgewählte Kosename des mächtigen Kardinals Theodore McCarrick, emeritierter Erzbischof von Newark in New Jersey und zuletzt der Hauptstadtdiözese Washington, die er von 2001 bis zu seinem Rücktritt aus Altersgründen 2006 führte.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Ende Juni wurde die Verfügung von Papst Franziskus zur Suspendierung des heute 87 Jahre alten Kardinals vom Priesteramt bekannt. Zuvor war eine Untersuchungskommission der Kirche in den Vereinigten Staaten unter Führung des New Yorker Kardinals Timothy Dolan zu dem Schluss gekommen, dass die gegen McCarrick erhobenen Vorwürfe „glaubwürdig und wesentlich“ seien.

          In der Sakristei der St. Patrick’s Cathedral von New York soll sich McCarrick 1971 mehrfach an einem 16 Jahre alten Messdiener vergriffen haben, dem er das Messgewand anzupassen vorgab. Den Bericht hatte Dolan an den Vatikan geschickt, und von dort ließ Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im Auftrag des Papstes nun ausrichten, McCarrick dürfe nicht mehr als Priester wirken. Der Kardinal ist der bisher ranghöchste Kirchenmann in den Vereinigten Staaten, der wegen des Vorwurfs sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen sein Priesteramt aufgeben muss. Wegen des Ablaufs der Verjährungsfrist kann er in dem Fall nicht mehr von einem staatlichen Gericht belangt werden.

          McCarrick beteuert, er habe an den Vorfall „keinerlei Erinnerung“. Und obwohl er weiter an seine Unschuld „glaubt“, wie er in einer persönlichen Erklärung schreibt, äußert er Bedauern für die Schmerzen des Opfers sowie für das Entsetzen, das die Angelegenheit bei seinen Freunden, seiner Familie und seinen Gemeindegliedern verursacht haben müsse. Die Erzdiözese Washington, seit McCarricks Emeritierung von Kardinal Donald Wuerl geführt, teilt ihrerseits mit, ihr seien keine weiteren Vorwürfe gegen McCarrick bekannt.

          Anderen schon. Der amerikanische Journalist Rod Dreher berichtet in der jüngsten Ausgabe des „American Conservative“ von zahlreichen weiteren Vorfällen in den Diözesen New York und Metuchen, wo McCarrick in den siebziger und achtziger Jahren tätig war. Aus Gerichtsdokumenten und aus eigenen Recherchen Drehers ergibt sich das Bild eines Priesters, Bischofs und Erzbischofs, der seine wachsende Macht systematisch zur sexuellen Ausbeutung von Seminaristen und Priesteranwärtern ausnutzte. Seine Opfer waren in aller Regel nicht minderjährig, aber sie waren ihm untergeben. Die eifrige homosexuelle „Aktivität“ McCarricks war weithin bekannt. Doch weil der Kardinal mächtig, gut vernetzt und ein fleißiger Spendensammler war, schwiegen das kirchliche, politische und intellektuelle Establishment.

          Anzeigen gegen McCarrick wurden in mindestens drei Fällen durch Entschädigungszahlungen in unbekannter Höhe „geregelt“. In den Gerichtsakten eines Falles findet sich folgende Aussage eines Opfers, das der Erzbischof unter einem Vorwand in seine Wohnung und sein Bett gelockt hatte: „Er schlang seine Arme und Beine um mich. Dann sagte er mir, was für ein netter junger Mann ich sei und was für ein guter Priester ich einmal sein würde. Und er erzählte mir von der harten Arbeit und dem Stress bei seiner neuen Aufgabe als Erzbischof von Newark. Und davon, dass alle ihn kennten und wie viel Macht er habe. Der Erzbischof sagte immer wieder: ,Bete für deinen armen Onkel.‘ Ich war wie gelähmt. Der Erzbischof begann mich zu küssen. Ich spürte, wie er seinen Penis gegen meinen Hintern drückte, wie er sich auf mich zu rollen versuchte. Ich wollte schreien, war aber vor Angst erstarrt. Ich fühlte mich krank und angewidert, bis es mir schließlich gelang, ins Bad zu flüchten. Ich übergab mich mehrmals und begann zu weinen.“

          Vier Tage später sandte der Erzbischof einen kurzen Brief an sein Opfer, den er mit „Uncle Ted“ zeichnete: „Ich wollte mich für den Besuch am Freitagabend bedanken. Du bist ein großartiger Junge, und ich weiß, dass Gott dich weiter segnen wird. Dein Onkel kann dich zu großartigen Orten führen!!!“

          Auch in Dutzenden anderen Fällen, die durch Zeugenaussagen gegenüber Journalisten und Zeithistorikern dokumentiert sind, ist das Muster des Machtmissbrauchs so klar zu erkennen, dass Dreher den Vergleich mit dem Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein zieht: Alle wussten es, und alle schwiegen. Da waren die Besuche von Seminaristen in einem Ferienhaus, bei denen immer ein Bett fehlte und dann eben einer der jungen Männer beim Erzbischof landete. Da war das allgemeine Augenzwinkern über Uncle Ted, der eben von einnehmendem Wesen sei. Als besonders skandalös betrachtet Dreher den Fall eines freien Journalisten, der 2012 im Auftrag des „New York Times Magazine“ Gerichtsdokumente recherchiert und namentliche Zeugenaussagen von Opfern McCarricks erhalten hatte.

          Der Artikel wurde nie publiziert. Warum nicht? Vielleicht, wie Dreher vermutet, weil der verantwortliche Redakteur des Magazins selbst homosexuell war und statt Empörung über den Kardinal eine allgemeine Schwulenhatz fürchtete. Vielleicht aber auch, weil McCarrick sich stets für soziale Gerechtigkeit einsetzte, weil er mit Obdachlosen ebenso gut umzugehen wusste wie mit den Mächtigen und deshalb der Liebling der linkskatholischen Elite an der Ostküste war. Kommt es nach dem Machtwort des Vatikans im Fall McCarrick nun zur #MeToo-Bewegung in der katholischen Kirche Amerikas?

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