Home
http://www.faz.net/-gq5-7aem4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Sexskandal Sieben Jahre Haft für Berlusconi

Wegen Sex mit der minderjährigen Tänzerin „Ruby“ und Amtsmissbrauchs soll der frühere italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi sieben Jahre ins Gefängnis. Wird das Urteil rechtskräftig, darf er nie wieder ein öffentliches Amt bekleiden.

© AFP Vergrößern Berlusconi und die marokkanische Tänzerin „Ruby“

Der frühere italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi ist am Montag in Mailand in erster Instanz im „Ruby“-Prozess wegen Sex mit einer Minderjährigen und Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Zudem darf der 76 Jahre alte Senator nach dem Urteil nicht länger ein öffentliches Amt wahrnehmen. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig - Berlusconis Anwalt Niccolo Ghedini hat angekündigt, Berufung einzulegen.

Jörg Bremer Folgen:    

Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert; es gebe keine Beweise für sexuelle Kontakte zwischen Berlusconi und der im fraglichen Zeitraum vor drei Jahren noch minderjährigen Marokkanerin Karima El Mahroug.

In einer ersten politischen Reaktion spricht Fabrizio Cicchitto, der Fraktionsvorsitzende der Berlusconi Partei „Volk der Freiheit“ (PdL) in der Kammer, von einem „schwerwiegenden Urteil“, das Berlusconi politisch mundtot machen solle. Cicchitto ist nach eigenen Angaben aber dafür, dass die Koalition mit den Sozialdemokraten von der Demokratischen Partei (PD) trotz des Richterspruchs fortgesetzt werden solle.

„Ein System organisierter Prostitution“

Sieben Stunden lang hatte das Gericht am Montag hinter verschlossenen Türen beraten. Dann sahen die drei Richterinnen es als erwiesen an, dass Berlusconi bei den angeblich wilden „Bunga-Bunga“-Nächten in seiner Villa Arcore bei Mailand 2010 mit der minderjährigen Marokkanerin, die sich selbst „Ruby“ nennt, gegen Geld sexuelle Kontakte gepflegt habe. Es habe sich um ein „regelrechtes System organisierter Prostitution“ auch mit anderen Mädchen gehandelt, hatte schon die Staatsanwaltschaft festgestellt.

Berlusconi sentenced to seven years in 'bunga bunga' case © dpa Vergrößern Wieder einmal ist Silvio Berlusconi verurteilt worden - ob das Urteil rechtskräftig wird, steht aber noch in den Sternen.

Berlusconi machte sich nach Aussagen der Richterinnen außerdem des Amtsmissbrauchs schuldig, als der damalige Ministerpräsident mit Anrufen bei der Polizei nach der Festnahme „Rubys“ im Mai jenes Jahres ihre Freilassung erwirkte. Er hatte ihre Entlassung mit dem Hinweis erreicht, es könnte zu diplomatischen Verwicklungen kommen; denn bei der Festgenommenen handle sich wohl um die Nichte des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak.

Die mittlerweile 20 Jahre alte Marokkanerin hatte erst jüngst wieder beteuert, sie habe niemals Sex mit Berlusconi gehabt. Auch sei der Verdacht, sie sei die Nichte des ägyptischen Präsidenten, nicht abwegig gewesen, denn in ihrem Pass stehe als einer ihrer Nachnamen auch Mubarak.

„Schande der politischen Justiz“

Damit geht nach 27 Monaten und 50 Zeugenaussagen in erster Instanz ein Prozess zu Ende, um den es in den letzten Wochen ruhiger geworden war. Seit April bilden die Sozialdemokraten mit dem PdL eine Koalition und sind nicht mehr an einer Schwächung Berlusconis interessiert. So gab es auch zunächst keine Wortmeldungen von PD-Politikern. Die frühere Ministerin Daniela Santanchè (PdL) sprach von einer „Schande der politischen Justiz“. Berlusconis Wirtschaftsberater, der frühere Minister für Vereinfachung Renato Brunetta, sagte: „Jetzt ist Schluss, Ende mit der großen Koalition.“

Es ist der zweite Schuldspruch gegen Berlusconi innerhalb weniger Wochen. Im Mai war er wegen Steuerbetrugs verurteilt worden. In dem Prozess wird im Herbst ein Urteil in dritter Instanz erwartet. Sollte Berlusconi dann verurteilt werden, könnte das die Regierung weiter in Bedrängnis bringen. Bisher vertrat Berlusconi allerdings die Auffassung, zwar wolle ihn die „kommunistische Justiz“ in Italien mundtot machen, aber dagegen sollte nun mit einer Justizreform vorgegangen werden. Richter müssten strafbar gemacht werden können, wenn sie Fehlurteile fällen, forderte Berlusconi.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Italien Experten nach Erdbeben von L’Aquila freigesprochen

Das Urteil hatte für Empörung gesorgt: Sieben Experten wurden vor zwei Jahren nach dem Beben von L’Aquila verurteilt, weil ihre Vorhersage zu vage geblieben war. Nun sind die Männer freigesprochen worden. Doch der Streit geht weiter. Mehr Von Jörg Bremer, Rom

10.11.2014, 20:20 Uhr | Gesellschaft
Gießen Früherer Büroleiter von Tom Koenigs wegen Missbrauchs verurteilt

Der frühere Büroleiter des Grünen-Politikers Tom Koenigs ist wegen Kindesmissbrauchs zu mehr als sieben Jahren Haft verurteilt worden. Er wird beschuldigt, sich in 40 Fällen an zwei Kindern vergangen zu haben. Mehr

17.11.2014, 14:59 Uhr | Gesellschaft
Berlin Haftstrafe nach tödlichem Streit unter Flüchtlingen

Nach einem Streit mit tödlichem Ausgang in der von Flüchtlingen besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin ist ein Mann aus Gambia zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Mehr

14.11.2014, 13:55 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.06.2013, 17:29 Uhr

Eine neue Ära

Von Daniel Deckers

Die politischen Eliten Portugals waren nicht gefeit gegen die Verlockungen der Macht und des Geldes und konnten sich lange sicher fühlen. Doch nun ist die Zeit der Straflosigkeit vorbei. Mehr 1 4