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Giftangriff auf Doppelagent : Skripal richtete Gnadengesuch an Putin

  • Aktualisiert am

Der russische Botschafter Sergej Netschajew hat Deutschland vor eigenen Konsequenzen gegen Russland aus dem Giftanschlag in Großbritannien gewarnt. Bild: dpa

Der vergiftete frühere Doppelagent Sergej Skripal wollte offenbar nach Russland zurückkehren. Vor einigen Jahren soll er Staatschef Putin um Gnade gebeten haben. Der russische Botschafter bestreitet dies – und richtet eine Warnung an Deutschland.

          Der ehemalige Doppelagent Sergej Skripal hat einem Freund zufolge vor einigen Jahren ein Gnadengesuch an den russischen Präsidenten Wladimir Putin gerichtet. Skripal, der nach einem Giftanschlag in Großbritannien im Koma liegt, habe ihm dies 2012 in einem Telefonat berichtet, sagte sein Schulfreund Wladimir Timoschkow in einem am Samstag veröffentlichten Interview mit der BBC. Skripals Ziel war es demnach, seine Verwandten in Russland zu besuchen.

          Die russische Botschaft in London dementierte den Bericht umgehend. Es habe keinen entsprechenden Brief von Skripal an Putin gegeben, zitierte die Botschaft auf Twitter einen Kremlsprecher.

          Skripal war 2006 in Russland wegen Hochverrats zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt worden und 2010 im Zuge eines Agentenaustausches nach Großbritannien gekommen. In dem Telefonat mit ihm habe er bestritten, ein Verräter zu sein, berichtete sein Freund der BBC. Er habe es aber bedauert, ein Doppelagent gewesen zu sein.

          Skripal und seine Tochter Julia waren am 4. März in der südenglischen Stadt Salisbury vergiftet worden. Die beiden befinden sich weiter im Koma im Krankenhaus, ihr Zustand wird von den Ärzten als ernst aber stabil bezeichnet.

          Die britische Regierung macht Russland für den Giftanschlag verantwortlich und geht davon aus, dass dabei ein Gift der Nowitschok-Gruppe aus sowjetischer Produktion zum Einsatz kam. Russland weist dies von sich und bestreitet auch die Herstellung von Nowitschok. „Massenvernichtungswaffen auf dem Staatsgebiet eines Nato-Mitgliedstaates vorzubereiten, wozu man ein professionelles chemisches Labor und Experten benötigt, wobei die Folgen unumkehrbar sein können - das ist nicht einmal aus der Welt von Science Fiction, sondern eher der Psychiatrie“, sagte Russlands Botschafter Netschajew.

          „Deutsch-russische Beziehung hat strategische Bedeutung“

          Zugleich warnte er Deutschland vor Maßnahmen gegen Moskau: „Wir hoffen sehr, dass unsere deutschen Partner nicht nach fremden Regeln spielen werden, dabei noch mit geschlossenen Augen. Das liegt kaum in unser aller Interesse“, sagte Sergej Netschajew der Deutschen
          Presse-Agentur. „Die deutsch-russischen Beziehungen haben eine
          strategische Bedeutung.“

          Der Fall Skripal löste eine schwere Krise in den Beziehungen zwischen London und Moskau aus. Nachdem Großbritannien die Ausweisung von 23 russischen Diplomaten angeordnet hatte, reagierte Russland mit einem entsprechenden Schritt. Die britische Regierung hofft, dass weitere EU-Staaten diesem Beispiel folgen werden.

          Bulgarien, das aktuell die EU-Ratspräsidentschaft innehat, teilte unterdessen mit, keine russischen Diplomaten des Landes zu verweisen. Das erklärte das Außenministerium in Sofia am Samstag laut einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur BTA. Medien in den USA und Großbritannien hatten zuvor berichtet, Sofia bereite sich neben weiteren europäischen Staaten darauf vor, russische Diplomaten auszuweisen.

          Die Europäische Union hatte sich auf ihrem Gipfeltreffen am Donnerstag und Freitag geschlossen hinter Großbritannien gestellt. Brüssel verschärfte die Tonlage gegenüber Moskau deutlich. In einer Erklärung der Staats- und Regierungschefs hieß es, Russland sei sehr wahrscheinlich für den Anschlag verantwortlich. Der EU-Botschafter wurde aus Moskau für Konsultationen nach Brüssel zurückbeordert. Der aus Deutschland stammende Diplomat Markus Ederer wurde dort am Wochenende zu Gesprächen mit der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini erwartet.

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