Home
http://www.faz.net/-gq5-745xz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Digitale Exzellenz

Sergej Schojgu Der Lebensretter

Der neue Posten von Sergej Schojgu, russischer Verteidigungsminister, gilt als Himmelfahrtskommando. Bis jetzt hat sich der ungediente General allerdings als Überlebenskünstler erwiesen.

© picture alliance / dpa Vergrößern Der neue russische Verteidigungsminister Sergej Schojgu, hier auf einem Bild aus dem Jahr 2009.

Seine Vorfahren waren Vieh züchtende Nomaden, der Vater brachte es mit dem Parteibillett der sowjetischen Kommunisten bereits zum stellvertretenden Regierungschef in der autonomen Republik Tywa an der Grenze zur Mongolei. Sergej Schojgu, sein Sohn, muss als Schüler ein ziemliches Rauhbein gewesen sein; denn sie nannten ihn „Satansbraten“. Aus Rücksicht auf die hohe Stellung des Vaters geschah nichts. Nach einem Studium in Krasnojarsk und vielen Jahren auf sibirischen Baustellen ging Schojgu Anfang der neunziger Jahre nach Moskau. Er engagierte sich in einem Korps freiwilliger Lebensretter und wurde Chef der Organisation. Während des Putsches der Betonkommunisten im August 1991 halfen Schojgus Lebensretter auch politisch. Reformer Michail Gorbatschow saß auf der Krim fest. Schojgu unterstützte mit seinen Leuten in Moskau den einzigen ernst zunehmenden politischen Widerpart der Putschisten, den gewählten Präsidenten Russlands Boris Jelzin.

In diesen Wirren übernahm Schojgu die Kommission für Notstandssituationen („Katastrophenschutzkommission“) und gab sie nicht mehr aus der Hand. Zwei Jahre später, als Jelzin in einen gefährlichen Konflikt mit dem reformunwilligen russischen Parlament geriet, ergriff Schojgu abermals Partei für Jelzin. Die Loyalität zahlte sich aus. Mit Hilfe des russischen Präsidenten gelang es Schojgu, die russische Zivilverteidigung mit einer Personalstärke von 20000 Mann samt Waffen und Infrastruktur seiner Behörde unterzuordnen sowie deren Aufwertung zum Katastrophenschutzministerium zu erreichen. Schojgu wurde 1994 Minister und, als Chef eines militarisierten Ressorts erhielt er den Generalsrang. Die politische Treue zum Kreml übertrug er nahtlos auf den neuen „Chef“, Putin.

Mehr zum Thema

In seinem Amt als Katastrophenschutzminister überlebte Schojgu sämtliche Regierungsumbildungen. Die Waldbrände vor zwei Jahren, die etwa 50 Russen das Leben kosteten, enorme materielle Schäden verursachten und die Hauptstadt Moskau über Wochen zu einem Ort mit kaum erträglichen Lebensbedingungen machten, hätten dem Minister politisch fast den Garaus gemacht; seine Popularität sank erheblich. Schojgu gelang es jedoch, anderen Behörden die Schuld zu zuschieben. Das Versagen des Ministeriums war auch nicht der Grund, weshalb Schojgu im Mai zum Gouverneur des Gebiets Moskau ernannt wurde. Dort galt es, Boris Gromow zu ersetzen, dessen Reputation gegen Null tendierte und der bei Gouverneurswahlen zu einer Belastung für den Kreml hätte werden können. Viel Zeit, das Volk politisch wieder auf Vordermann zubringen, blieb Schojgu nicht. Nach einem Korruptionsskandal im Verteidigungsministerium ernannte Präsident Putin am Dienstag den 57 Jahre alten ungedienten Vier-Sterne-General Schojgu zum neuen Verteidigungsminister. Unter Fachleuten gilt der Job als Himmelfahrtskommando. Aber die Schamanen in Tywa werden sicher die Geister beschwören, damit Schojgu Erfolg hat.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nationale Volksarmee Ausgehöhlte Gefechtsbereitschaft

Die friedliche Revolution verlief anfangs keineswegs so friedlich, wie die Bezeichnung suggeriert. Die Drohkulisse sah angesichts der in Teilen der Nationalen Volksarmee (NVA) angeordneten Alarmierung und der Bildung von NVA-Hundertschaften zunächst brutal aus. Mehr Von Christoph Klessmann

16.02.2015, 11:13 Uhr | Politik
25 Jahre Mauerfall Gorbatschow warnt vor neuem Kalten Krieg

Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung hat der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow über seine Erinnerungen an den Fall der Mauer gesprochen. Ich sah die Entschlossenheit in den Augen der jungen Menschen. Das war revolutionär. Für die Gegenwart hat er eine dringende Warnung parat. Mehr

13.11.2014, 16:50 Uhr | Politik
Anschlag in Charkiw 15 Jahre alter Junge stirbt in Krankenhaus

Nach einem Anschlag in Charkiw ist ein 15 Jahre alter Junge seinen Verletzungen erlegen. Damit stieg die Zahl der Toten auf drei. Bislang gibt es noch keine Spur zu den Tätern. Mehr

23.02.2015, 17:27 Uhr | Politik
Kremlkritiker Nawalnyj Urteil: Dreieinhalb Jahre Haft auf Bewährung

Der bekannte Kremlkritiker Alexej Nawalnyj ist zu dreieinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Ein Gericht in Moskau sprach den russischen Oppositionellen und seinen Bruder Oleg in einem umstrittenen Betrugsprozess schuldig. Die Staatsanwaltschaft hatte zehn Jahre Lagerhaft gefordert. Nawalnyj weist die Vorwürfe als politisch motiviert zurück. Mehr

30.12.2014, 19:12 Uhr | Politik
Mordfall Alexander Litwinenko Nichts gegen Putin

Wie ein Spionagethriller des Kalten Krieges: Erst seit das Verhältnis zu Moskau schlecht genug ist, wagen die britischen Behörden die öffentliche Untersuchung im Mordfall Alexander Litwinenko. Dessen Witwe will nur die Wahrheit wissen. Mehr Von Jochen Buchsteiner, London

19.02.2015, 16:14 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.11.2012, 16:41 Uhr

Nicht unerschöpflich

Von Berthold Kohler

In der großen Mehrheit des Votums für die Verlängerung der Griechenland-Hilfen steckt eine große Gefahr: dass die Griechen es missverstehen. Die Geduld und die Solidarität der Deutschen mit Griechenland neigen sich dem Ende zu. Ein Kommentar. Mehr 53