http://www.faz.net/-gpf-745xz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.11.2012, 16:41 Uhr

Sergej Schojgu Der Lebensretter

Der neue Posten von Sergej Schojgu, russischer Verteidigungsminister, gilt als Himmelfahrtskommando. Bis jetzt hat sich der ungediente General allerdings als Überlebenskünstler erwiesen.

von , Moskau
© picture alliance / dpa Der neue russische Verteidigungsminister Sergej Schojgu, hier auf einem Bild aus dem Jahr 2009.

Seine Vorfahren waren Vieh züchtende Nomaden, der Vater brachte es mit dem Parteibillett der sowjetischen Kommunisten bereits zum stellvertretenden Regierungschef in der autonomen Republik Tywa an der Grenze zur Mongolei. Sergej Schojgu, sein Sohn, muss als Schüler ein ziemliches Rauhbein gewesen sein; denn sie nannten ihn „Satansbraten“. Aus Rücksicht auf die hohe Stellung des Vaters geschah nichts. Nach einem Studium in Krasnojarsk und vielen Jahren auf sibirischen Baustellen ging Schojgu Anfang der neunziger Jahre nach Moskau. Er engagierte sich in einem Korps freiwilliger Lebensretter und wurde Chef der Organisation. Während des Putsches der Betonkommunisten im August 1991 halfen Schojgus Lebensretter auch politisch. Reformer Michail Gorbatschow saß auf der Krim fest. Schojgu unterstützte mit seinen Leuten in Moskau den einzigen ernst zunehmenden politischen Widerpart der Putschisten, den gewählten Präsidenten Russlands Boris Jelzin.

In diesen Wirren übernahm Schojgu die Kommission für Notstandssituationen („Katastrophenschutzkommission“) und gab sie nicht mehr aus der Hand. Zwei Jahre später, als Jelzin in einen gefährlichen Konflikt mit dem reformunwilligen russischen Parlament geriet, ergriff Schojgu abermals Partei für Jelzin. Die Loyalität zahlte sich aus. Mit Hilfe des russischen Präsidenten gelang es Schojgu, die russische Zivilverteidigung mit einer Personalstärke von 20000 Mann samt Waffen und Infrastruktur seiner Behörde unterzuordnen sowie deren Aufwertung zum Katastrophenschutzministerium zu erreichen. Schojgu wurde 1994 Minister und, als Chef eines militarisierten Ressorts erhielt er den Generalsrang. Die politische Treue zum Kreml übertrug er nahtlos auf den neuen „Chef“, Putin.

Mehr zum Thema

In seinem Amt als Katastrophenschutzminister überlebte Schojgu sämtliche Regierungsumbildungen. Die Waldbrände vor zwei Jahren, die etwa 50 Russen das Leben kosteten, enorme materielle Schäden verursachten und die Hauptstadt Moskau über Wochen zu einem Ort mit kaum erträglichen Lebensbedingungen machten, hätten dem Minister politisch fast den Garaus gemacht; seine Popularität sank erheblich. Schojgu gelang es jedoch, anderen Behörden die Schuld zu zuschieben. Das Versagen des Ministeriums war auch nicht der Grund, weshalb Schojgu im Mai zum Gouverneur des Gebiets Moskau ernannt wurde. Dort galt es, Boris Gromow zu ersetzen, dessen Reputation gegen Null tendierte und der bei Gouverneurswahlen zu einer Belastung für den Kreml hätte werden können. Viel Zeit, das Volk politisch wieder auf Vordermann zubringen, blieb Schojgu nicht. Nach einem Korruptionsskandal im Verteidigungsministerium ernannte Präsident Putin am Dienstag den 57 Jahre alten ungedienten Vier-Sterne-General Schojgu zum neuen Verteidigungsminister. Unter Fachleuten gilt der Job als Himmelfahrtskommando. Aber die Schamanen in Tywa werden sicher die Geister beschwören, damit Schojgu Erfolg hat.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Russland Alle gegen Putin

Die russische Führung wittert überall Verschwörungen. Fast alle aus Moskauer Sicht negativen Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte werden zum Teil eines hybriden Krieges des Westens erklärt. Mehr Von Friedrich Schmidt, Moskau

03.05.2016, 08:02 Uhr | Politik
Sowjetische Arbeitslager Das Gulag-Museum in Moskau

In der russischen Hauptstadt Moskau hat ein Museum eröffnet, dass sich dem Grauen der sowjetischen Arbeitslager, der sogenannten Gulags, widmet. Die Verbrechen der Sowjet-Zeit werden im heutigen Russland nicht mehr geleugnet, doch unter Wladimir Putin werden Stalins Sieg über Nazi-Deutschland und seine Verdienste um die Industrialisierung stärker in den Vordergrund gerückt. Umso wichtiger ist das Museum, sagen Besucher. Mehr

06.05.2016, 07:50 Uhr | Feuilleton
Arte kippt Doku nach Protest Wie starb der Anwalt in Moskau?

Im November 2009 kam der Wirtschaftsprüfer Sergej Magnitski in einem Moskauer Gefängnis unter dubiosen Umständen ums Leben. Arte wollte die Geschichte kritisch beleuchten. Doch der Film wurde abgesetzt. Mehr Von Niklas Záboji

29.04.2016, 17:11 Uhr | Feuilleton
Amerika Vom Verfolger zum Lebensretter

Ein Fahrer im amerikanischen Bundesstaat Missouri flüchtet vor einer Verkehrskontrolle - und verunglückt. Sein Verfolger rettet ihm das Leben. Mehr

09.04.2016, 17:18 Uhr | Gesellschaft
Russisches Konzert in Syrien Propaganda von Panama nach Palmyra

Russlands Präsident Putin wirbt mit dem Auftritt eines russischen Orchesters in der befreiten Wüstenstadt Palmyra um Freunde im Westen. Assad und er selbst sollen als geringeres Übel im Kampf gegen den IS erscheinen – allen Luftangriffen zum Trotz. Mehr Von Friedrich Schmidt, Moskau

05.05.2016, 22:42 Uhr | Politik

Erdogans Launen

Von Reinhard Veser

Mit dem Rücktritt von Ministerpräsident Davutoglu, der die Vereinbarung mit der EU in der Flüchtlingskrise ausgehandelt hat, dürfte die Zusammenarbeit mit der Türkei noch schwieriger werden. Sie hängt jetzt noch mehr von Präsident Erdogan ab. Mehr 5