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Serbien Warum stellte sich Lukovic?

03.05.2004 ·  Serbiens Staatsfeind Nr. 1 hat sich gestellt. Über die Hintergründe der überraschenden Festnahme des mutmaßlichen Djindjic-Mörders „Legija“ Milorad Lukovic ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien.

Von Michael Martens
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In der politischen Mathematik des Balkans ergibt zwei und zwei oft fünf oder drei, aber nur selten vier. So war es auch keine Überraschung, daß in der Nacht zum Montag bald nach Bekanntwerden der Verhaftung von Milorad Lukovic, Serbiens Staatsfeind Nr. 1, die ersten Verschwörungstheorien über die Hintergründe der unerwarteten Festnahme ihre Runde durch die serbische Hauptstadt machten. Einige dieser Vermutungen waren inoffiziell auch aus westlichen Botschaften in Belgrad zu hören.

In jedem Fall führt die Verhaftung von Lukovic, der - so die Darstellung der im vergangenen Dezember abgewählten serbischen Regierung - Organisator und Auftraggeber des tödlichen Attentats auf Zoran Djindjic vom 12. März 2003 war, automatisch zu einigen Fragen: Warum stellte sich Lukovic, der nach den Schüssen auf den reformorientierten Regierungschef untertauchte und dann länger als ein Jahr angeblich unauffindbar blieb, gerade jetzt? Ist ihm schlicht das Geld für seine Dauerflucht ausgegangen? War er des Versteckspiels müde?

Oder hat es, wie in einigen serbischen Medienberichten am Montag behauptet, eine Absprache zwischen der neuen serbischen Regierung von Ministerpräsident Kostunica und dem berüchtigten Angeklagten gegeben? Anhänger dieser kaum je zu beweisenden Unterstellung finden sich jedenfalls nicht nur unter passionierten Verschwörungstheoretikern. Immerhin könnten Lukovics zu erwartende Aussagen im seit Dezember des vergangenen Jahres laufenden sogenannten Djindjic-Prozeß der Regierung etwa fünf Wochen vor der ersten Runde der serbischen Präsidentenwahl am 13. Juni gut ins Konzept passen.

Kontakte zur Unterwelt

Kostunicas Kandidat für die Wahl im kommenden Monat, der farblose Wirtschaftsminister Marsicanin, gilt als chancenlos. Der Kandidat der nationalistischen Serbischen Radikalen Partei, Nikolic, liegt in den Umfragen zur ersten Wahlrunde vorn, und die Mehrheit der demokratische Kandidaten wählenden Serben fühlt sich eher zu Boris Tadic hingezogen, dem Nachfolger Djindjics als Chef der Demokratischen Partei (DS).

Einen Umschwung könnten freilich Aussagen Lukovics über die Kontakte der DS zu Belgrader Unterweltkreisen erbringen, die zu Lebzeiten und mit Wissen von Djindjic zumindest zeitweilig tatsächlich bestanden haben. Kostunica hat dem in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlichen Reformer Djindjic nach dem Sturz von Slobodan Milosevic im Oktober 2000 stets als einen gewissenlosen Machtpolitiker dargestellt, der Serbien mit allen Mitteln und Verbündeten unter seine Kontrolle bringen wolle. Sollte Lukovic vor Gericht ähnliche Behauptungen aufstellen, könnte sich das tatsächlich nachteilig auf die Popularitätswerte der DS und ihres Kandidaten auswirken.

Die „Roten Barette“

Außer diesen Konstrukten aus Vermutungen und Unterstellungen waren die politischen Beobachter in Belgrad am Montag hingegen auf die bisher bekannten Fakten der Akte Lukovic angewiesen. Der wird nicht nur für die Ermordung von Djindjic verantwortlich gemacht. Angeklagt ist er auch, weil er die Ermordung des einstigen serbischen Präsidenten Ivan Stambolic veranlaßt haben soll, dessen Leichnam im April vergangenen Jahres aufgrund von Aussagen verhafteter Angehöriger der als „Rote Barette“ bekannten Sondereinheit der serbischen Polizei gefunden wurde.

Die Roten Barette wurden mehrere Jahre von Lukovic geführt, auch noch im Sommer 2000, als Stambolic in Belgrad entführt wurde. Verantworten soll sich Lukovic zudem wegen eines Attentats auf den ehemaligen Oppositionsführer und heutigen Außenminister von Serbien und Montenegro, Draskovic, das für dessen Begleiter tödlich endete. Auch in diesem Fall sollen die Täter den Roten Baretten angehört haben.

„Legija“, der Fremdenlegionär

Ob die weitere Legendenbildung um den ehemaligen Freischärlerführer und mutmaßlichen Kriegsverbrecher, die noch gefördert wurde durch den Umstand, daß nur wenige Fotos und Filmaufnahmen von ihm existieren, durch seine Verhaftung ihr Ende findet, ist allerdings fraglich. Lukovic wurde unter dem Namen Milorad Ulemek 1965 in Belgrad geboren und nahm später den Familiennamen seiner Frau an. Seinen Spitzname „Legija“ (Legionär) hat er, weil er einige Jahre in der Fremdenlegion diente.

Als zu Beginn der neunziger Jahre die von Milosevics Regime ausgehenden jugoslawischen Zerfallskriege ausbrachen, kehrte er nach Serbien zurück und schloß sich den Paramilitärs des später ermordeten Freischärlerführers Zeljko „Arkan“ Raznjatovic an, bevor er das Kommando über die Roten Barette übernahm. Die Einheit, aus deren Reihen auch der mutmaßliche Todesschütze des Attentats auf Djindjic stammt, wurde bald nach dessen Ermordung aufgelöst. Viele ihrer Mitglieder kamen jedoch in anderen Spezialeinheiten der serbischen Sicherheitskräfte unter.

In jüngster Zeit scheinen sie auch wieder an Selbstbewußtsein gewonnen zu haben: In der vergangenen Woche erschienen einige ehemalige Kämpfer der Einheit demonstrativ auf der Zuschauertribüne des hochmodernen Gerichtsaals, in dem der Mordfall Djindjic verhandelt wird. Sie kamen just an dem Tag, als Djindjics Leibwächter seine Aussage zu dem Mordfall machte. Die Hemden der Besucher waren unübersehbar mit Insignien ihrer aufgelösten Truppe verziert. Lukovic galt schon immer als jemand, der nichts dem Zufall überläßt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Mai 2004
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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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