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Serbien nach der Wahl „Niederträchtig und heimtückisch“

 ·  Aussagen von Serbiens neuem Präsidenten Tomislav Nikolic im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung führen zu Verwicklungen zwischen Zagreb und Belgrad.

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© REUTERS Nikolic und Tadic (r.) im Amtssitz des Präsidenten in Belgrad

Serbiens künftiger Präsident Tomislav Nikolic ist noch nicht einmal offiziell im Amt, da zieht schon das erste politische Unwetter über sein Haupt hinweg. Den Anlass dazu gab ein ausführliches Interview, das Nikolic wenige Tage vor dem Stichentscheid der Präsidentenwahl, in dem er gegen den bisherigen Amtsinhaber Boris Tadic antrat, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gegeben hatte. Das Interview war voll von Aussagen, deren Eignung, in Serbiens Nachbarstaaten auf schroffe Ablehnung zu stoßen, unübersehbar war. Wie zu erwarten, wurden Nikolics Aussagen in kroatischen, bosnischen, montenegrinischen und auch serbischen Medien ausführlich zitiert.

In Kroatien war die Entrüstung groß. Sie entzündete sich an einer Aussage Nikolics über die kroatische Donaustadt Vukovar, die 1991, im ersten Jahr der jugoslawischen Zerfallskriege, von der serbischen Armee in Schutt und Asche geschossen und erobert worden war, woraufhin alle nichtserbischen Einwohner vertrieben, andere ermordet wurden. Dem Hinweis, dass in Vukovar inzwischen, nachdem die Stadt wieder Teil Kroatiens ist, mehr Serben leben als noch vor zehn Jahren, begegnete Nikolic im Interview mit den Sätzen: „Weil Vukovar eine serbische Stadt war. Dorthin haben Kroaten nicht zurückzukehren.“

Großserbien ein alter „Wunsch“

Nikolic war bis 2008 stellvertretender Vorsitzender der extrem nationalistischen „Serbischen Radikalen Partei“. Er hat sich nie unmissverständlich von seiner früheren Forderung distanziert, Kroatien zugunsten der Bildung eines „Großserbiens“ zu zerschlagen. Dass er im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wieder davon sprach, Großserbien sei ein alter „Wunsch“ und „Traum“ von ihm, der sich „leider“ nicht habe verwirklichen lassen, trug in Kroatien (und Bosnien) ebenfalls nicht zur Beruhigung bei, im Gegenteil: Nikolics Interviewaussagen haben zu einem Zerwürfnis zwischen Belgrad und Zagreb geführt, das einen Vorgeschmack davon vermittelt, welche Schwierigkeiten Serbien unter einem Präsidenten Nikolic bei der Zusammenarbeit mit seinem Nachbarn zu erwarten hat.

Nachdem Nikolics Aussagen in kroatischer Übersetzung verbreitet worden waren, trat zunächst Kroatiens Staatspräsident Ivo Josipovic an die Öffentlichkeit: „Wenn die Aussage von Herrn Nikolic die Rückkehr zu irgendwelchen Ideen der neunziger Jahre bedeutet, kann ich hier wohl im Namen von uns allen in Kroatien sagen: Solche Ideen werden und können nicht verwirklicht werden.“ So wie Kroatien früher seine Souveränität zu verteidigen gewusst habe, sei es auch heute dazu in der Lage, fügte Josipovic hinzu. Dabei fiel auf, dass Kroatiens Präsident seinem künftigen Gegenpart in Belgrad bewusst die Tür zur Kooperation offen ließ: „Von der Politik, die Herr Nikolic führen wird, hängt es ab, ob es eine Zusammenarbeit geben wird.“ Er hoffe, dass Nikolic seinen Standpunkt revidieren werde, so Josipovic.

Einige kroatische Regierungspolitiker reagierten mit schärferen Aussagen. Kroatiens Außenministerin Vesna Pusic warnte Nikolic in einem Interview mit der Zagreber Zeitung „Jutarnji List“ (Morgenblatt), seine Worte künftig vorsichtiger zu wägen: „Die ersten Äußerungen des neu gewählten serbischen Präsidenten Nikolic im Gespräch mit der F.A.Z. sind ziemlich schockierend und für Kroatien zur Gänze unannehmbar. Wenn Kroatien und Serbien ihren Bürgern Gutes wollen, müssen sie als Nachbarstaaten in der Lage zur Zusammenarbeit sein. Dazu ist aber der Wille und die Fähigkeit beider Seiten nötig.“ Veteranenminister Predrag Matic , der aus Vukovar stammt und in serbischer Gefangenschaft war, kommentierte Nikolics unerfüllte großserbische Wunschträume mit der sarkastischen Bemerkung, auch er habe einst „von Claudia Schiffer geträumt“, dann aber einsehen müssen, dass seine Träume nicht erfüllbar seien.

Die frühere Regierungschefin Jadranka Kosor nannte Nikolics Äußerungen „skandalös“: „Vukovar ist eine kroatische Stadt, die am meisten unter der gnadenlosen und blutigen Aggression gegen Kroatien gelitten hat.“ Als selbst die kroatische Serbenpartei SDSS kritisierte, ein Präsident müsse „ein anderes Vokabular“ verwenden und gerade beim Sprechen über Vukovar mehr Verantwortung zeigen, reagierte das Büro der von Nikolic gegründeten „Serbischen Fortschrittspartei“ (SNS) in Belgrad: Man dementierte entschieden, „dass Präsident Nikolic gegenüber irgendeiner Zeitung... eine Aussage gemacht hat, in der er gesagt hat, dass Vukovar eine serbische Stadt ist und dass Kroaten keinen Grund haben, in sie zurückzukehren“. Die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verbreitete Aussage sei „eine niederträchtige und heimtückische Lüge“. Das scharfe Dementi rief kroatische Medien auf den Plan, die am Wochenende um den Tonmitschnitt des Interviews baten. Nachdem die entscheidenden Ausschnitte des auf Serbisch geführten Gesprächs auf den Internetseiten kroatischer Medien veröffentlicht worden waren und die Authentizität der Zitate damit belegt war, sagte Präsident Josipovic sinngemäß, Nikolics Dementi sei zwar begrüßenswert, aber die Aussage sei nun einmal in der Welt. Eine Zusammenarbeit sei weiterhin möglich, doch müsse Nikolic dazu seine Ansichten ändern: „Ich habe den Wunsch, die Überzeugung und die Hoffnung geäußert, dass er seine Ansichten ändert“, sagte Josipovic und fügte hinzu, unter dieser Bedingung sei auch eine Zusammenarbeit weiterhin möglich.

Putin die „höchste Autorität des serbischen Volkes“

Die SNS sprach nach der Veröffentlichung der Tonmitschnitte nicht mehr davon, dass es sich bei Nikolics Aussagen um Lügen handele. Ein Parteisprecher erklärte stattdessen knapp, Nikolic wünsche „die bestmöglichen Beziehungen“ zu Serbiens Nachbarstaaten. Nikolic selbst weilte zu diesem Zeitpunkt in Moskau, wo er auf der ersten Auslandsreise nach seinem Wahlsieg Gespräche mit Wladimir Putin führte. Russlands Präsident sagte Serbien nach seinem Treffen mit Nikolic einen Kredit von 800 Millionen Dollar zu, wofür Nikolic sich mit der Bemerkung bedankte, Putin sei die „höchste Autorität des serbischen Volkes“. Wäre Putin bei der Präsidentenwahl in Serbien angetreten, hätte er sicher gewonnen, so Nikolic. In Zagreb brachte Dinko Buric, Vorsitzender einer kleinen kroatischen Regionalpartei, die Debatte um Nikolics Äußerungen unterdessen auf den Punkt. Er wies darauf hin, dass Nikolic einmal gesagt habe, er besitze keine „genetische Prädisposition“ zum Hass auf Kroatien und die Kroaten. Mit seinem Interview habe Nikolic aber demonstriert, „dass er eine genetische Prädisposition für das Reden von Blödsinn hat“, stellte Buric fest.

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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