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Referendum im Gebiet Donezk : Separatisten verkünden große Mehrheit für Abspaltung

  • Aktualisiert am

Gut beschäftigt: Bei so viel Zustimmung zur Abspaltung von der Ukraine hatten die Damen in Donezk sicher viel zu tun Bild: AFP

Bei dem Referendum im ostukrainischen Gebiet Donezk haben sich nach Angaben der Separatisten 89 Prozent der Befragten für eine Abspaltung von Kiew ausgesprochen. Auch eine Stichprobenbefragung durch die F.A.Z. und sechs weitere Medien deutete auf eine überwältigende Mehrheit hin.

          Bei dem von prorussischen Separatisten in  der Ostukraine abgehaltenen Referendum haben nach Angaben der  Organisatoren 89 Prozent der Teilnehmer in der Region Donzek für die Abspaltung von der Ukraine gestimmt. Nur zehn Prozent der  Teilnehmer hätten dagegen votiert, sagte der Chef der  selbsternannten Wahlkommission von Donezk, Roman Ljagwin, am Sonntagabend. Auch der Sender Radio Swoboda meldete diese Zahlen über Twitter.

          Selbst ernannter Wahlleiter: Kaum Gegenstimmen

          Die Stimmauszählung sei „extrem leicht“ gewesen, weil die Zahl der  Gegenstimmen so niedrig liege und kaum ungültige Stimmzettel abgegeben worden seien, sagte Ljagin. Die Bewohner der jüngst proklamierten „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk waren am Sonntag  aufgerufen, über die Unabhängigkeit von Kiew abzustimmen. Die EU, die Vereinigten Staaten und zahlreiche andere Staaten verurteilten das Referendum als illegal. Wahlbeobachter waren nicht zugelassen. Die Ergebnisse  aus der Region Lugansk lagen am Sonntagabend zunächst nicht vor.

          „Volksgouverneur“ von Donezk: Nur Schritt auf Weg zu „Neurussland“

          Die Abstimmungsteilnehmer sollten darüber entscheiden, ob die „Volksrepubliken“ unabhängig werden. Die Frage, ob sich die Gebiete  dann wie die ukrainische Halbinsel Krim der Russischen Föderation  anschließen, war nicht Gegenstand der Befragung. Zudem fand das Referendum nur in 14 Städten oder Orten unter Kontrolle der  Rebellen statt, in denen weniger als die Hälfte der gut sieben  Millionen Bewohner der Regionen Donezk und Lugansk lebt.

          Der „Volksgouverneur“ von Donezk, Pawel Gubarew, sagte dem russischen Staatsfernsehen: „Das Referendum bedeutet uns alles.“ Die Schaffung eines neuen Staatssubjekts sei aber nur der erste Schritt auf dem Weg zur Bildung eines Landes „Neurussland“ auf dem Gebiet der Südostukraine, betonte Gubarew. Er war unlängst aus ukrainischer Haft gegen gefangene Geheimdienstler freigetauscht worden.

          Stichprobenbefragung von F.A.Z. und sechs weiteren Medien

          Auch eine Stichprobenbefragung durch den Korrespondenten der F.A.Z., Konrad Schuller, und sechs weiterer Korrespondenten internationaler Medien am Samstag und Sonntag in Donezk und anderen ostukrainischen Ortschaften deutete auf eine überwältigende Mehrheit für eine Abtrennung von der Ukraine hin.

          Nach der Schließung eines „Wahllokals“ werden die Stimmzettel in Donezk gesammelt
          Nach der Schließung eines „Wahllokals“ werden die Stimmzettel in Donezk gesammelt : Bild: AP

          Die Befragung, die nicht den Anspruch erhebt, repräsentativ zu sein, schien außerdem darauf hinzudeuten, dass im Gebiet Donezk die meisten Bewohner die Absicht hatten, an dem „Referendum“ teilzunehmen, welches prorussische Rebellen am Sonntag veranstaltet haben. Die Frage, die den Bürgern dabei vorgelegt wurde, lautete: „Unterstützen Sie den Akt der staatlichen Eigenständigkeit der Volksrepublik Donezk?“. Die ukrainische Regierung hat das Plebiszit für illegal erklärt.

          Gegner der Abtrennung boykottierten Referendum

          Die Journalisten, die sich an der Stichprobe in der Gebietshauptstadt Donezk und in anderen Ortschaften der Region beteiligten, befragten insgesamt 186 Personen. Von diesen gaben  62,4 Prozent (116 Personen) Prozent an, an dem Referendum teilnehmen zu wollen. 36,6 Prozent (68 Personen) lehnten das Plebiszit ab, zwei Befragte wussten noch nicht, ob sie abstimmen würden.

          Pfeile und Nummern weisen den Weg zur richtigen Wahlurne
          Pfeile und Nummern weisen den Weg zur richtigen Wahlurne : Bild: FAZ.NET/Olexandr Techynskyy

          Die Stichprobe deutete darauf hin, dass es für die „staatliche Eigenständigkeit“ des Gebiets Donezk eine gesellschaftliche Mehrheit geben könnte. Zählt man alle Befragten mit, also auch diejenigen, die nicht zum „Referendum“ der Separatisten gehen wollten, zeichnet sich eine knappe Zweidrittel-Mehrheit für die Loslösung vom ukrainischen Zentralstaat ab. 65,6 Prozent, also 122 Frauen und Männer, äußerten sich in diesem Sinne.

          Keine unabhängigen Beobachter

          Zählt man allein diejenigen Befragten, die die Absicht äußerten, am „Referendum“ teilzunehmen, lässt die Befragung eine überwältigende Mehrheit „gegen Kiew“ erwarten. Das liegt daran, dass Gegner der Abtrennung offenbar größtenteils entschlossen waren, die Abstimmung zu boykottieren. In der Folge haben an dem „Referendum“ möglicherweise fast Ausschließlich Unterstützer der „Eigenständigkeit“ teilgenommen. Die sieben Korrespondenten fanden unter den befragten Bürgern, welche abstimmen wollten, jedenfalls eine Mehrheit von 94,8 Prozent für die Unabhängigkeit. Das entsprach 110 von 116 Stimmen.

          Eine Frau wirft in der ostukrainischen Stadt Donezk ihren Wahlzettel in die durchsichtige Urne. Die meisten Zettel darin sind ungefaltet.
          Eine Frau wirft in der ostukrainischen Stadt Donezk ihren Wahlzettel in die durchsichtige Urne. Die meisten Zettel darin sind ungefaltet. : Bild: REUTERS

          An der Stichprobe nahmen Korrespondenten folgender internationaler Medien teil: Der Spiegel, Die Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Kyodo News Agency, Süddeutsche Zeitung, The Irish Times, The Washington Post, ZDF.

          Die Befragung erhebt nicht den Anspruch wissenschaftlicher Genauigkeit und dient allein einer groben Orientierung. Sie erschien den Korrespondenten notwendig, weil das Referendum in der Ostukraine nicht von unabhängigen Beobachtern kontrolliert wird, und es an Anhaltspunkten fehlt, anhand derer die erwarteten Mitteilungen der Veranstalter bewertet werden könnten.

          Quelle: FAZ.NET/ul.

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