12.12.2010 · Die Explosionen in Stockholm hätten schlimmere Folgen haben können. Der schwedische Geheimdienst geht von einem „versuchten Terroranschlag“ aus und bestätigte den Erhalt einer Drohmail mit islamistischem Inhalt. Ein Selbstmordattentäter starb, zwei Passanten wurden verletzt.
Von Matthias WyssuwaSchweden ist am Wochenende Ziel eines Terroranschlags geworden und dabei offenbar nur knapp einer größeren Katastrophe entgangen. Am Samstagabend explodierten in der Stockholmer Innenstadt fast gleichzeitig zwei Bomben. An der Haupteinkaufsstraße Stockholms explodierte ein Auto; eine zweite Bombe tötete in der Nähe den mutmaßlichen Selbstmordattentäter. Bei der Explosion des Autos wurden zwei Menschen verletzt. Offenbar aber blieb eine verheerendere Wirkung aus, da in dem Auto gelagerte Gasflaschen nicht explodierten. Wenige Minuten vor dem Terroranschlag hatten die schwedische Nachrichtenagentur TT sowie der schwedische Geheimdienst, Säkerhetspolisen (Säpo), eine E-Mail empfangen, in welcher der Absender Muslime in Schweden und Europa aufforderte, „zu handeln“.
Schwedens Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt sagte am Sonntag, es sei völlig „unakzeptabel“, dass so etwas in Schweden passiere. Er warnte aber auch vor voreiligen Schlüssen; zu viele Fragen seien noch ungeklärt. Drei Dinge seien am Samstag passiert, sagte er: Ein Auto sei explodiert, ein Mann gestorben und eine E-Mail an TT und Säpo geschickt worden. „Es gibt keine Bestätigung, dass diese drei Ereignisse in irgendeinem Zusammenhang miteinander stehen.“
Rucksack mit Nägeln und Sprengstoff
Am Samstag war zunächst an der Kreuzung der Einkaufsstraße Drottninggatan mit der Olof-Palmes-Gata um kurz vor 17 Uhr ein Auto explodiert. Zwei Menschen wurden dabei verletzt. Augenzeugen berichteten, die umstehenden Häuser hätten ob der Wucht der Explosion gezittert. Später teilte die Polizei mit, im Auto seien Behälter mit Propangas gewesen. Diese explodierten jedoch nicht.
Kurz darauf erfolgte die zweite Explosion knapp 200 Meter von der Kreuzung entfernt in einer Nebenstraße. Ein Augenzeuge sagte der schwedischen Zeitung „Dagens Nyheter“, es habe ausgesehen, als sei direkt vor dem Bauch des Mannes etwas explodiert. Dieser habe weder im Gesicht Verletzungen gehabt, noch seien die nahen Geschäfte beschädigt worden. Der Rucksack des Mannes, der mit einer großen Bauchwunde starb, soll nach Informationen schwedischer Medien mit Nägeln und weiterem Sprengstoff gefüllt gewesen sein. Fernsehsender zeigten einen abgedeckten Leichnam vor einem Schaufenster.
Polizei durchsucht Wohnung
Am Sonntag bestätigte die Säpo, dass sie von einem versuchten Terroranschlag ausgehe. Es handle sich um einen „sehr ernsten“ Zwischenfall. Die Säpo übernahm die Ermittlungen. Schwedens Außenminister Bildt teilte über den Kurzmitteilungsdienst „Twitter“ mit, der Anschlag sei „fehlgeschlagen, hätte aber wirklich katastrophal“ ausgehen können. Zu den Hintergründen der Tat wollte sich die Säpo am Sonntag nicht äußern, auch nicht zu der Identität des mutmaßlichen Attentäters.
Die schwedische Zeitung „Expressen“ berichtete in ihrer Internetausgabe mit Bezug auf eine nicht näher genannte Polizeiquelle, der Tote sei auch als Halter des Autos registriert gewesen, das explodierte. Das Schwedische Radio berichtete, die Polizei habe eine Wohnung in Tranås, knapp 300 Kilometer südlich von Stockholm, im Zusammenhang mit dem Anschlag durchsucht. Nach anderen Berichten hat der mutmaßliche Attentäter angeblich im Internet islamistische Seiten besucht; angeblich soll er in muslimischen Online-Kontaktbörsen geschrieben haben, dass er im Irak geboren worden sei. Offiziell bestätigte die Säpo dies nicht, sie äußerte sich auch nicht dazu, ob der Absender der E-Mail identisch ist mit dem mutmaßlichen Selbstmordattentäter.
Verweise auf den Karikaturisten Lars Vilks
Es hieß, man gehe bislang von einem Einzeltäter aus. Die Existenz einer Droh-E-Mail bestätigte die Säpo aber - auch sie habe diese erhalten. Darin soll der Absender nach TT-Angaben Bezug auf den schwedischen Karikaturisten Lars Vilks nehmen und ebenso auf die schwedischen Soldaten in Afghanistan. Das Schweigen des schwedischen Volkes zu einer Zeichnung von Vilks und den Soldaten in Afghanistan sei demnach der Grund für seinen Aufruf zu Terrorakten. In der E-Mail heißt es: „Jetzt müssen eure Kinder, Töchter und Schwestern sterben.“ Vor wenigen Wochen hatte sich die schwedische Regierung mit den oppositionellen Sozialdemokraten und den Grünen darauf geeinigt, die 500 schwedischen Soldaten bis spätestens 2014 aus Afghanistan abzuziehen. Bereits 2011 soll mit dem Abzug begonnen werden.
Vilks hatte 2007 in einer schwedischen Regionalzeitung den Propheten Mohammed als Hund dargestellt. Er wurde seitdem immer wieder zum Ziel terroristischer Drohungen. Im Mai dieses Jahres verübten zwei aus dem Kosovo stammende Muslime einen Brandanschlag auf das Haus des Künstlers. Vilks war nicht anwesend, die Täter wurden verhaftet und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Vor gut einem Monat dann gab es eine Bombendrohung in Göteborg, der zweitgrößten Stadt Schwedens. Die Zeitung „Aftonbladet“ berichtete damals, vier Männer syrischer Abstammung seien verhaftet und vernommen worden. Es sei auch um die Karikatur von Vilks gegangen. Kurz darauf sollen aber mindestens zwei der Männer wieder freigelassen worden sein. Die Hintergründe blieben unklar.
Schweden in islamistischen Terrorgruppen in Somalia
Für Aufsehen sorgte vor gut zwei Wochen das Drohvideo eines Terroristen der Al Shabaab, einer somalischen Terrororganisation die auch Verbindungen zu Al Qaida unterhalten soll. In dem Video sagt ein vermummter schwarzer Mann in schwedischer Sprache an Vilks gerichtet: „Wo auch immer du bist, wenn nicht heute, dann morgen, sei dir bewusst, dass wir dich noch nicht vergessen haben.“ Dann schneidet er sich symbolisch mit dem Finger die Kehle durch.
Offenbar gibt es Verbindungen zwischen Schweden und islamistischen Terrorgruppen in Somalia. Die Säpo bestätigte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bereits in einem anderen Zusammenhang im September, dass aus Schweden in den vergangenen Jahren mindestens 20 Personen nach Somalia gereist sind, „um an illegalen Akten der Gewalt oder an Trainingscamps teilzunehmen“. Man habe gesicherte Informationen, dass vier Tote mit einem schwedischen Pass nach „terroristischen Aktivitäten oder Akten der illegalen Gewalt“ in Somalia gefunden wurden. Aus welchen Teilen Schwedens die Betroffenen stammten, wurde nicht mitgeteilt. Ob es einen Zusammenhang zu den Anschlägen am Samstag gibt, ist völlig unklar. Reinfeldt sagte am Sonntag, seine Regierung werde sich durch den Anschlag nicht von ihrem Eintreten für eine „offene Gesellschaft“ abhalten lassen.
Bundesregierung sieht keinen Bezug zu Deutschland
Es wird vermutet, dass sich der mutmaßliche Selbstmordattentäter erst auf der Drottninggatan in die Luft sprengen wollte. Dort wäre die Wirkung vermutlich katastrophal gewesen. Die Drottninggatan ist die beliebteste Einkaufsstraße Stockholms. Ihre Verlängerung führt in Richtung Süden durch den Innenhof des schwedischen Reichstags bis in die Altstadt, nah an das Stadtschloss des Königs. Zu großen Teilen ist sie eine Fußgängerzone, die jedoch immer wieder von großen Straßen - wie der Olof-Palmes-Gata - gekreuzt wird. In ihrer Mitte ist sie nur wenige Hundert Meter vom Hauptbahnhof Stockholms entfernt.
Außenminister Guido Westerwelle verurteilte den Selbstmordanschlag in Stockholm. „Angriffe wie dieser machen deutlich, dass wir nicht nachlassen dürfen in unserem Engagement gegen den Terrorismus“, sagte er am Sonntag. Das deutsche Innenministerium teilte mit, der Anschlag in Schweden habe nach Einschätzung des Bundesregierung keinen Bezug zu Deutschland. Die Sicherheitslage in Deutschland sowie die seit dem 17. November durch Bundesinnenminister Thomas de Maizière bekanntgegebenen Maßnahmen blieben unverändert.
Noch zu wenige Informationen sieht aber nicht nach ElKaida aus
Tobias Brueggendick (PanzergrenadierBBC)
- 12.12.2010, 12:40 Uhr
Wieso versuchter Anschlag????
Jens Daniel (JensDaniel)
- 12.12.2010, 12:46 Uhr
Das Schlimme nach solchen Anschlägen ist ...,
Ulrich Stauf (DH7XU)
- 12.12.2010, 13:42 Uhr
Solidarität
Wolfgang Hebold (hebold)
- 12.12.2010, 16:56 Uhr
Die grünen Zauberlehrlingen
Stefan Lessing (s.lessing)
- 12.12.2010, 17:48 Uhr