31.08.2011 · Die islamistische Gruppe Boko Haram bezichtigte sich des Anschlags auf die UN-Vertretung in Nigerias Hauptstadt Abuja. Sie hat Kontakt zu den somalischen Shabaab und stellt mit ihren Terrorattacken die Regierung Goodluck Jonathans bloß.
Von Jochen StahnkeAm vergangenen Freitag steuerte ein Selbstmordattentäter sein mit Sprengstoff gefülltes Auto in den Empfangsbereich der offenbar nur nachlässig gesicherten Zentrale der Vereinten Nationen (UN) in Nigerias Hauptstadt Abuja. 23 Menschen wurden durch die Explosion getötet, davon etwa die Hälfte Mitarbeiter der UN. Für die Organisation war es einer der schlimmsten Terroranschläge ihrer Geschichte. Für die islamistische Gruppe Boko Haram, die mitteilte, sie habe die Tat begangen, war es der erste gegen eine internationale Organisation gerichtete Anschlag. Seit zwei Jahren verübt die Gruppe Terrorattacken gegen die Regierung Goodluck Jonathans und stellt deren Hilflosigkeit bloß; nun scheint sich Boko Haram auch als internationale Terrorgruppe zu verstehen. Sie kündigte weitere Attentate an, auch gegen die Vereinten Nationen.
In den vergangenen Monaten hat Boko Haram ihre Anschlagsziele vom Gründungsort Maiduguri im Nordosten Nigerias immer weiter ausgedehnt. Die Gruppe wendet dabei zunehmend Methoden des internationalen Terrors an. Im Juni verübte sie in Abuja einen Anschlag mit einer offenbar ferngezündeten Autobombe auf das Polizeihauptquartier des Landes. Die Gruppe kämpft für eine strenge Anwendung der Scharia, des islamischen Rechts, in allen Landesteilen und wendet sich gegen alles, was westlich ist.
So auch gegen die politische Elite des Landes und auch gegen jene Muslime, die im Norden Nigerias regieren. Denn dass seit zehn Jahren in nunmehr einem Dutzend der 36 Bundesstaaten Nigerias die Scharia gilt, hat an den korrupten Zuständen des ineffizienten Staatswesens wenig geändert.
Zeichen der Verhandlungsbereitschaft
Vor einer Internationale des Terrors in Westafrika hatte nur gut eine Woche vor dem Anschlag der Kommandeur des Afrika-Regionalkommandos der amerikanischen Streitkräfte gewarnt. General Carter Ham sagte bei seinem Besuch in Abuja, dass Boko Haram zunehmend Verbindungen mit Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqmi) sowie mit den Al Shabaab in Somalia knüpfe. So sei ein in derzeit New York angeklagtes Shabaab-Mitglied zuvor schon einmal von der nigerianischen Geheimpolizei verhaftet worden. Grundsätzlichere Verbindungen zu Aqmi oder den Shabaab, die ihre Stützpunkte Hunderte Kilometer von Nigeria entfernt haben, wies er allerdings nicht nach.
An den Ermittlungen nach dem Abuja-Anschlag beteiligt sich mittlerweile auch das amerikanische FBI.
Boko Haram heißt auf Hausa, sinngemäß übersetzt, „westliche Bildung ist verboten“. Die Gruppe wurde 2002 von dem muslimischen Prediger Muhammad Yusuf in Maiduguri gegründet, der Hauptstadt des nordöstlichen Bundesstaats Borno. Im Sommer 2009 zettelte Boko Haram einen Volksaufstand an. Dass im Zuge der Unruhen etwa 800 Menschen ums Leben kamen, lag möglicherweise auch an der harten Reaktion der nigerianischen Sicherheitskräfte. Dabei töteten die Sicherheitskräfte auch Muhammad Yusuf, höchstwahrscheinlich in Polizeigewahrsam. Verantwortliche Polizeioffiziere stehen dafür derzeit vor Gericht. Möglicherweise ist dies als Zeichen der Verhandlungsbereitschaft der Regierung zu verstehen.
Nach dem Tod Yusufs, spätestens aber seit Anfang 2010 agiert Boko Haram als Terrororganisation. Sie behauptete nach Angaben des Instituts für Sicherheitsstudien in Pretoria, allein in diesem Jahr 70 Anschläge verübt zu haben, bei denen insgesamt 600 Menschen getötet wurden. Ziele der Terroristen sind Kirchen, Bars, in denen Alkohol ausgeschenkt wird, Kasernen, Polizeistationen und andere Regierungseinrichtungen vornehmlich in den nördlichen Bundesstaaten Bauchi, Adamawa und Borno.
Der Terror von Boko Haram richtet sich nicht nur gegen Christen. Auch moderate Muslime, die dem verbreiteten Sufismus, den mystischen Bruderschaften, angehören, fielen bereits Mordanschlägen zum Opfer. Boko Haram scheint es leichtzufallen, in der riesigen, bitterarmen Bevölkerung des Nordens Anhänger zu gewinnen. Vor allem sind es arbeitslose Jugendliche (zum Teil aber auch Studenten ohne berufliche Perspektive), von denen es in dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas Millionen gibt.
Gewalt ist im Norden Nigerias in den vergangenen 30 Jahren immer wieder aufgeflammt. In der Stadt Jos in der Landesmitte, in der vielerorts Muslime und Christen zusammenleben, wurden an Weihnachten 2010 bei Bombenanschlägen Dutzende Menschen getötet. Diese Taten gingen allerdings auf das Konto einer anderen Islamistengruppe. Erst am Montag dieser Woche wurden in Jos 20 Menschen Opfer „religiöser Gewalt“. Anlass der Unruhen soll ein öffentliches Gebet von Muslimen in einem christlich geprägten Stadtviertel gewesen sein.
Konfessionelle Konflikte werden geschürt
Die Geschichte Nigerias ist von einem vermeintlichen Gegensatz aus einem hauptsächlich muslimisch geprägten Norden und einem christlich geprägten Süden durchzogen. Der Norden wurde in der Kolonialzeit weitgehend sich selbst beziehungsweise den Nachfolgern des einst mächtigen Sokoto-Kalifats überlassen, auf das sich auch heute noch manche Nordnigerianer berufen. Die verschiedenen Militärdiktatoren (etwa Abacha, Buhari oder Babangida) wiederum rekrutierten ihre Machtelite im Norden, während sich das intellektuelle und wirtschaftliche Potential wesentlich im Süden findet. Oft aber werden konfessionelle Konflikte nur als gewalttätiges Mittel zum Zweck geschürt. In Nigeria gibt es ein undurchsichtiges Netz aus Politik, Ökonomie und Kriminalität. Wirtschaftliche oder politische Ziele verfolgen mächtige Einzelpersonen oft mittels bezahlter Banden: Rivalitäten um Weiderechte, Land oder Geschäfte sind der Auslöser und die Religion die Rechtfertigung für Gewalt.
Es sind ohnehin nicht nur Islamisten, die Attentate verüben. Vor allem die Rebellen aus dem Nigerdelta verüben immer wieder Anschläge in Nigeria. Sie geben vor, gegen Umweltzerstörung und unfaire Verteilung der Ölgelder zu kämpfen, sind allerdings selten von Kriminellen zu unterscheiden und ohnehin am illegalen Ölgeschäft beteiligt. Der größte Teil der riesigen Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft versickert in privaten Taschen.
Dass der kürzlich wiedergewählte Präsident des Landes nun ein Christ aus dem ölreichen Nigerdelta im Süden ist, könnte im Norden Entfremdungsgefühle verstärkt haben. Im Jahr der größten Gewalt, 2009, war mit Umaru Yar’Adua allerdings ein Muslim aus dem Norden an der Macht. Nigeria, das sich außenpolitisch gern als Weltmacht versteht und auch einen Sitz im UN-Sicherheitsrat fordert, wird vorerst weiter mit den eigenen Problemen beschäftigt bleiben.