04.01.2012 · Die Sekte Boko Haram ist zu einer echten Bedrohung der staatlichen Ordnung in Nigeria geworden. Und sie kann aus einem großen Pool aufgehetzter Muslime schöpfen - mit Hilfe aus Pakistan.
Von Thomas Scheen, JohannesburgDer Terror in Nigeria nimmt kein Ende. Am vergangenen Sonntag hatte die radikale islamistische Sekte Boko Haram den Christen im muslimischen Norden ein Ultimatum von drei Tagen gestellt: Sie sollten den Norden verlassen, anderenfalls drohe ihnen die „Rache Allahs“. Seither sind die Sicherheitskräfte in den nördlichen Bundesstaaten in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. Offiziell zwar gibt sich die Polizei gelassen, doch die Angst vor weiteren blutigen Anschlägen wie denen an Weihnachten, bei denen 49 Menschen getötet wurden, sitzt tief.
Nigeria hat den Ausnahmezustand in etlichen nördlichen Bundesstaaten verhängt und die Grenzen nach Niger und nach Kamerun schließen lassen, um die Terroristen an einer Flucht ins Ausland zu hindern. Die Behörden im Nachbarland Niger wiederum haben die Nationalgarde in die Stadt Zinder geschickt, die an der Grenze zu Nigeria liegt und als die Hochburg der Extremisten in Niger gilt.
Boko Haram, was so viel heißt wie „westliche Bildung ist verboten“, hat sich von einer irrlichternden Sekte zu einer echten Bedrohung der staatlichen Ordnung nicht nur in Nigeria, sondern in der ganzen Region entwickelt. Die Gruppe, über die kaum verlässliche Informationen vorliegen, ist inzwischen so gut organisiert, dass die Nachrichtendienste des Landes sie bislang nicht infiltrieren konnten. Es gibt weder belastbare Angaben über die Zahl der Mitglieder noch über ihre Struktur.
Fest steht nur, dass die Anhänger der radikalen Islamisten nicht nur in Nigeria zu finden sind, sondern auch in den Nachbarländern Kamerun und Niger und dass sich der Einflussbereich der Sekte mit den alten Grenzen des Kalifats von Sokoto deckt, dessen staatliche Strukturen nach dem Einmarsch der britischen Kolonialtruppen im Jahr 1903 aufhörten zu existieren. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass das Oberhaupt aller nigerianischen Muslime, der Emir von Sokoto, sich bis heute nicht deutlich gegen Boko Haram ausgesprochen hat.
Hinzu kommt, das Usama Bin Ladin im Norden Nigerias als Held verehrt wird. Es ist Mode geworden, einen Jungen nach dem toten Al-Qaida-Führer zu benennen, und T-Shirts mit seinem Konterfei werden überall auf den Straßen zum Kauf angeboten.
Die Radikalisierung im Norden Nigerias hat unmittelbar mit dem Zustand des Landes zu tun, mit der Korruption und der Unfähigkeit des Staates, seinen Bürgern adäquate Lebensbedingungen zu sichern. Die Gruppe Boko Haram war 2002 von dem Prediger Mohammed Yusuf gegründet worden, der 2009 im Polizeigewahrsam getötet wurde. Zunächst war sie nichts anderes als eine Koranschule, die den Armen ein Mindestmaß an Bildung sichern wollte - also denjenigen, die kein Schulgeld für die staatlichen Einrichtungen zahlen können und folglich auch kein Schmiergeld an die Lehrer, um die Versetzung ihrer Kinder zu sichern. Dieses System der allumfassenden Korruption hat in den Augen der Muslime direkt mit der aus dem Westen importierten Verwaltungsstruktur zu tun und damit mit dem Christentum.
50 Jahre nach der Unabhängigkeit von Großbritannien ist Nigeria immer noch bitterarm, obwohl das Land über immense Reichtümer verfügt. Und schuld daran ist aus Sicht der Muslime ein staatliches System, das auf Vorteilnahme und Vetternwirtschaft beruht. Boko Haram predigt eine Form des Islams, die es zur Sünde erklärt, sich in irgendeiner Weise sozial oder politisch zu betätigen, sollte dieses Engagement auch nur am Rande mit westlicher Kultur zu tun haben. Aus dem großen Pool der aufgehetzten Muslime rekrutierte Yusuf dann systematisch Freiwillige für den Kampf gegen das Establishment.
Alleine im vergangenen Jahr fielen 450 Menschen dem Terror von Boko Haram zum Opfer, und die Anschläge werden immer ausgeklügelter. Früher verübte die Sekte gezielte Morde an Polizisten, Richtern, Repräsentanten des Staates oder der Kirchen, und die Vorgehensweise war immer die gleiche: geschossen wurde vom Rücksitz eines vorbeifahrenden Motorrades aus. Inzwischen baut die Sekte Autobomben. Woher Boko Haram das Wissen dazu hat, ist ein Rätsel, um das sich viele Gerüchte ranken. Von pakistanischen „Spezialisten“ ist genauso die Rede wie von Trainingslagern im Jemen.
Alleine die im vergangenen Jahr begangenen Anschläge zeugen von einem Quantensprung sowohl bei der Organisation von Anschlägen als auch den mutmaßlichen Geldbeträgen, die für deren Ausführung vonnöten sind. Im Mai explodierten zur Amtseinführung von Präsident Goodluck Jonathan sowohl in mehreren nördlichen Bundesstaaten als auch in der Hauptstadt Abuja Sprengsätze. Einen Monat später, im Juni, flog das Hauptquartier der Polizei in Abuja in die Luft, im August traf es das Hauptquartier der Vereinten Nationen ebenfalls in Abuja. Im November dann verübte die Gruppe koordinierte Bombenanschläge in den Bundesstaaten Yobe und Borne, bevor sie - wie schon 2010 - zu Weihnachten ein halbes Dutzend Sprengsätze vor allem vor Kirchen zündete. Verhaftet wurde nie jemand.
Der Grad der Organisation ist der maßgebliche Grund für die Mutmaßung westlicher Dienste, Boko Haram unterhalte Kontakt zur nordafrikanischen Qaida-Filiale Al Qaida im Islamischen Maghreb (Aqim). Das für Afrika zuständige Kommando der amerikanischen Armee geht jedenfalls davon aus, dass es zwischen den beiden Gruppen irgendeine Form von Austausch gibt. Die Sekte bestreitet dies ebenso vehement wie die Mutmaßung, die Nigerianer hätten Verbindungen nach Afghanistan, Pakistan oder Somalia. Letzterer allerdings ist aktenkundig. Vor zwei Jahren wurden in Maiduguri, wo Boko Haram ihren Ursprung hat, zwei pakistanische Wanderprediger festgenommen, die in den Moscheen zum Heiligen Krieg aufgerufen hatten. Die Männer waren aus Somalia gekommen.
Die Kontakte zu Al Qaida wiederum sollen über die nigrische Grenzstadt Zinder laufen, die seit Jahren eine Art Umschlagplatz für Extremisten in Westafrika ist. Aqim hat zwar seine Rückzugsgebiete im Norden Malis, ist aber auch in Niger aktiv. Dort ermordete die Gruppe vor wenigen Monaten zwei Franzosen, die zuvor aus einem Restaurant in der Hauptstadt Niamey entführt worden waren.
Allerdings ist Al Qaida im Islamischen Maghreb trotz der dschihadistischen Rhetorik eher ein gewinnorientiertes Verbrecherkartell als eine religiös motivierte Terroristentruppe. Die Organisation ist vor allem im Geiselgeschäft tätig und in zunehmendem Maße in den Drogenhandel verwickelt. Die radikalen Islamisten sichern Kokaintransporte südamerikanischer Kartelle durch die Sahara ans Mittelmeer.
Das passt nicht zur Ideologie von Boko Haram, weshalb sich die Kontakte zwischen den beiden Gruppen vermutlich auf Waffenlieferungen beschränken. Gleichwohl betrachten westliche Dienste die nigerianische Gruppe inzwischen als „ernsthafte Gefahr“ für die eigene Sicherheit. Das amerikanische Außenministerium sieht in den Anschlägen in Nigeria eine „Bedrohung amerikanischer Sicherheit und amerikanischer Interessen“. Und der britische Inlandsgeheimdienst MI5 soll nach Informationen des Senders BBC längst dabei sein, die große nigerianische Gemeinschaft in Großbritannien nach möglichen Anhängern der Sekte zu durchleuchten.
Fehler und Undifferenziertheiten
Thomas Mättig (ThoMaeFes)
- 05.01.2012, 14:48 Uhr
zu frank rost, " drogenhandel passt sehr gut zur ideologie" opiumkriekge
nikolaus hesse (firenzass)
- 05.01.2012, 13:50 Uhr
Ist das, dass Bild des Islam - Hass zu säen?
Jörg Tiffert (Tiffy)
- 05.01.2012, 11:55 Uhr
Drogenhandel passt sehr gut zur Ideologie
Frank Rost (Espejismo)
- 05.01.2012, 11:38 Uhr
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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