22.04.2007 · Madame Royal hält am späten Abend eine weitere Wahlkampfrede in der Provinz. Jetzt gehe es darum, sich für den zweiten Wahlgang um sie zu scharen. Denn Frankreich müsse „reformiert werden, ohne brutalisiert zu werden“. Von Christian Schubert.
Etwas müde wirkt der Beifall im Pariser Hauptquartier der Sozialisten für die Rede von Segolene Royal. Draußen vor dem Eisentor in der Rue Solferino toben zwar 2000 zumeist junge Parteiaktivisten, schreien immer dann auf, wenn einer der Fernsehsender sie ins Bild rückt, schwenken kraftvoll rote und rot-weiß-blaue Fahnen.
Doch bei den Parteiarbeitern drinnen, die sich seit Monaten abgeschuftet haben, hat sich nun auch Niedergeschlagenheit eingeschlichen. „30 Prozent für Sarkozy - das wird hart. Sein Vorsprung vor Ségolène ist doch erschreckend groß“, verrät eine Parteiaktivistin. `
Neben ihr hört eine Kollegin im roten T-Shirt ihrer Lieblingskandidatin zu, die gerade von ihrem Wohnort im südwestfranzösischen Örtchen, wo auch ihr Wahlkreis liegt, ihre erste Rede nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse hält. Pflichtgemäß zollt sie mit ein paar Genossen Beifall.
Wie eine strenge n Schuldirektorin
Madame Royal hatte sich wieder einmal erheblich verspätet mit ihrer ersten Stellungnahme - so wie sie im Wahlkampf oft Journalisten warten ließ und Veranstaltungen überraschend umplante. Als sie gegen 21.30 Uhr in einem Kindergarten von Melle endlich an die Mikrophone tritt, ertönt erwartungsgemäß erst einmal der Chor der Zustimmungsrufe aus dem Parteivolk. Einer strengen Schuldirektorin gleich breitet sie die Arme aus und will das Wort erst ergreifen, als weitgehend Ruhe herrscht.
„Ich bringe Euch hiermit meine Freude und meine tiefe Dankbarkeit zum Ausdruck“, ruft sie mit ihrer tiefen, bedeutungsschweren Stimme. Jetzt gehe es darum, sich für den zweiten Wahlgang in möglichst großer Zahl um sie zu scharen. Denn Frankreich müsse „reformiert werden, ohne brutalisiert zu werden“. Frankreich müsse die Schwachen schützen und dennoch dynamisch werden, fordert sie. Im Gegensatz zu ihren Rivalen kommentiert sie das Abstimmungsergebnis kaum.
„Wahlsieg ist möglich“
Am späten Abend wird sie noch ins Flugzeug steigen, um in Paris ihre Aufwartung zu machen. Ihr Parteikollege Jack Lang hat schon vorgerechnet, dass die Kandidaten der Linken einschließlich der Grünen 34 Prozent der Stimmen erhalten hätten. „Die Voraussetzungen für ein Wahlsieg von Ségolène Royal sind vorhanden“, sagt er.
Gegen 22.30 ist es in der Vorhalle der sozialistischen Parteizentrale dann schon recht ruhig geworden. Die hunderte von Rosen, die im Innenhof unter einem provisorisch errichteten Plastikdach von der Decke hängen - dort wo Parteichef Francoise Hollande einst sein Auto parkte - wollen irgendwie nicht mehr so frisch wirken wie noch vor ein paar Monaten.
„Die Frauen - die Zukunft Europas“, steht auf einem anderen Wahlplakat, das noch aus der Zeit Mitterands stammt und aus nostalgischen Gründen wieder aufgehängt wurde. Ob Ségolène als französische Präsidentin dazu gehören würde, schien am Sonntag abend in Paris ungewisser denn je.