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Sebastian Kurz : Der Wunderknabe

Ein junger Mann, politisch aber kein Neuling: Die ÖVP hat sich Sebastian Kurz auf Gedeih und Verderb ausgeliefert Bild: dpa

Die österreichische ÖVP legt sich einem Dreißigjährigen zu Füßen: Sebastian Kurz verwandelt die mehr als siebzig Jahre alte Partei in eine neue Bewegung. Das geht aber nur äußerlich.

          Nicht eine Trachtenkapelle ist es, die zum Auftakt des Parteitags der Österreichischen Volkspartei die Nationalhymne spielt, sondern eine bunte Bläser-Combo. Auf der Bühne einer Linzer Kongresshalle stehen Container in Weiß und Türkis. Sie sollen Aufbruch symbolisieren und das neue Motto der Partei: „Zeit für Neues“. Die ÖVP hatte in den vergangenen Jahren einen Verschleiß an Vorsitzenden wie ein Absteigerclub der Fußball-Bundesliga. Reinhold Mitterlehner, der bisherige Obmann der Partei, erinnert in beachtlich offenen Worten daran, die man auch als Seitenhieb auf seinen Nachfolger verstehen kann. Die Aufbruchshoffnung der Delegierten bleibt davon unberührt. Mit knapp 99 Prozent wird Sebastian Kurz zum neuen Vorsitzenden gewählt.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Die mehr als siebzig Jahre alte Österreichische Volkspartei hat sich also einem Dreißigjährigen zu Füßen gelegt. Sie hat ihn jetzt nicht nur mit einer Art Krönungsmesse zum Vorsitzenden gekürt, sondern es auch akzeptiert, weitgehend hinter ihm zu verschwinden. Auf Kurz’ Wahlplakaten wird das Kürzel ÖVP nicht zu lesen sein. Auch in der Wahlkabine wird nicht die ÖVP anzukreuzen sein, sondern die „Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei“. Die Partei hat Kurz vollen Zugriff auf Personal und Programm nicht nur zugestanden, sondern satzungsmäßig verbrieft. Sie hat sich Kurz auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

          Zumindest bis zur Wahl. Dann kommt es auf Gedeih oder Verderb an. Denn auch das ist klar: Wenn etwas schiefgeht, und alles andere als Platz eins würde so aufgefasst, dann wird auch die Verantwortung nicht geteilt. Bei einem schlechten Abschneiden bei der vorzeitigen Nationalratswahl Mitte Oktober bliebe die Ära Kurz, nun ja, kurz.

          Doch derzeit sieht es so aus, als sei das Spiel voll aufgegangen. Als Reinhold Mitterlehner noch ÖVP-Obmann war, sahen alle Umfragen die rechte FPÖ als unangefochtene Spitzenreiterin und die Volkspartei nur auf Platz drei. Nachdem Mitterlehner im Mai beiseitegetreten war, ergab sich ein ganz anderes Bild. Nun war die Kurz-ÖVP mit 33 Prozent ganz vorne, die SPÖ blieb auf Platz zwei mit 27 Prozent, die FPÖ war auf den dritten Platz mit 26 Prozent gesackt. Seither hat sich die Momentaufnahme verstetigt. Wenn die fiktive Frage nach einer Direktwahl des Bundeskanzlers gestellt wird, führt Kurz sogar noch deutlicher vor dem Amtsinhaber Christian Kern von der SPÖ und dem FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache.

          Alle schwärmen von Kurz

          Für seinen Schritt nach ganz oben, vorerst innerparteilich, hat er sich sorgfältig die Ausgangsbasis geschaffen. Kurz ist ein junger Mann, aber politisch ist er kein Neuling. Seit seinem Einstieg in die Politik vor mehr als zehn Jahren hat er ein Netz von Mitstreitern geknüpft, das längst über die Volkspartei geworfen war, als er nach der Spitze griff. Seit mindestens zwei oder drei Jahren, so schätzen Personen, die mit den Vorgängen in der ÖVP vertraut sind, hat Kurz auf dieses Ziel systematisch hingearbeitet. Sein Terminkalender wird anscheinend unter dem Gesichtspunkt geführt, ihm eine dichte Kommunikation im ganzen Land zu ermöglichen (an Kabinettssitzungen nahm er dagegen nicht so oft teil). Ob Parteileute, Unternehmer oder die anfangs durchaus skeptischen, inzwischen aber weit mehr als pflichtschuldig von ihrem jungen Chef schwärmenden Diplomaten: von allen ist zu hören, dass er keineswegs abgehoben handle, sondern sehr gut zuzuhören verstehe und auf das Gehörte eingehe.

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