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Schwierige Truppenaufstockung Obama verliert an Unterstützung

07.09.2009 ·  Der Streit über den Bombenangriff bei Kundus könnte für Barack Obama nicht ungünstiger kommen: Der amerikanische Präsident stößt mit seiner Afghanistanpolitik im eigenen Land und Lager auch so schon auf immer größere Skepsis. Unterstützung kommt von den Republikanern.

Von Matthias Rüb, Washington
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Der Streit mit den Deutschen über den Befehl zum Bombenangriff bei Kundus hätte für Präsident Barack Obama zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Obama verbrachte das verlängerte Wochenende – am Montag war „Labor Day“, die amerikanische Version des Tags der Arbeit – auf dem Wochenendsitz amerikanischer Präsidenten in Camp David (Maryland) vor allem damit, den etwa 25 Seiten umfassenden Afghanistan-Bericht von General Stanley McChrystal zu studieren. Derweil war McChrystal, der seit Juni der Befehlshaber aller internationalen Truppen in Afghanistan ist, am Ort der Bombenabwürfe nahe Kundus unterwegs, um Berichten über mögliche zivile Opfer des vom Bundeswehr-Obersten Georg Klein angeforderten Luftangriffs auf die von den Taliban gestohlenen Tanklastzüge nachzugehen.

Denn auch ohne den Luftangriff von Kundus, der gegen die von General McChrystal ausgegebene neue Marschorder von der unbedingten Schonung afghanischer Zivilisten verstoßen zu haben scheint, sieht sich Obama im eigenen Land wachsender Skepsis mit Blick auf Afghanistan konfrontiert. Eine neue Gallup-Umfrage zeigt, dass 61 Prozent der Amerikaner der Meinung sind, der Krieg in Afghanistan verlaufe schlecht - so viele wie noch nie seit Beginn des Kampfes gegen die Taliban und Al Qaida Ende 2001. Vor allem in Obamas eigener Partei und zumal im linken Flügel der Demokraten wächst der Widerstand gegen die Fortsetzung oder gar Zuspitzung des Kriegs am Hindukusch.

Immer mehr Vergleiche mit Vietnam

Längst ist die von Obama im Wahlkampf von 2008 bis zum Überdruss vorgebrachte Unterscheidung hinfällig, wonach der Krieg im Irak der von George W. Bush ohne Not „gewählte“ und mithin der falsche und schlechte Krieg sei, während der Waffengang in Afghanistan der „notwendige“ bleibe, jetzt Obama „gehöre“ und damit der richtige und gute sei. Stattdessen werden immer häufiger Vergleiche nicht nur zwischen Afghanistan und dem Irak, sondern sogar mit Vietnam gezogen.

Schon haben sich einflussreiche demokratische Senatoren wie der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses Carl Levin (Michigan), dazu Jack Reed (Rhode Island) und Russ Feingold (Wisconsin) gegen die Entsendung weiterer amerikanischer Soldaten an den Hindukusch ausgesprochen. Feingold und anderen Demokraten fordern stattdessen einen Zeitplan für einen schrittweisen Rückzug aus Afghanistan - so wie sie es, gemeinsam mit Obama, seinerzeit von Bush im Irak-Krieg gefordert hatten.

Kriegsmüde Amerikaner

Die Entscheidung Obamas kurz nach seinem Amtsantritt im Januar, zunächst 21.000 zusätzliche Soldaten an den Hindukusch zu schicken, um bis Jahresende eine Mannschaftsstärke von 68.000 amerikanischen Soldaten in Afghanistan zu erreichen, war gleichsam noch im politischen Windschatten des Machtwechsels in Washington erfolgt. Die von den amerikanischen Befehlshabern in Afghanistan als erforderlich betrachtete Entsendung von drei bis acht weiteren Kampfbrigaden (zu jeweils 2300 bis 5000 Mann) wird dem kritischen Blick der zunehmend kriegsmüden Öffentlichkeit aber nicht mehr entgehen.

Nach amerikanischen Medienberichten hat General McChrystal in seinem Lagebericht keine konkreten Forderungen erhoben. Stattdessen werden in Washington drei Optionen erörtert. Die Entsendung von 10.000 bis 15.000 Soldaten wird als mit einem hohen Risiko des Scheiterns verbundene Option bezeichnet. Rund 25.000 weitere Soldaten in Marsch zu setzen, gilt als Option mittleren Risikos. Um jedoch mit einem relativ geringen Risiko des Scheiterns die von McChrystal und dem Befehlshaber des für die Region zuständigen Zentralkommandos, Heeres-General David Petraeus, erarbeitete neue Strategie zum Kampf gegen die Aufständischen in Afghanistan durchzusetzen, müssten etwa 45.000 weitere amerikanische Soldaten an den Hindukusch beordert werden.

Sogar Joe Biden favorisiert andere Strategie

In keiner der drei Optionen würden die zusätzlichen Kampfbrigaden ausschließlich und nicht einmal in erster Linie zum Kampf gegen die Taliban und Al Qaida eingesetzt werden, sondern sie müssten die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte vorantreiben, die afghanische Zivilbevölkerung schützen und – gemeinsam mit zivilen Provinzteams – den Wiederaufbau vorantreiben.

Manches spricht dafür, dass sich Obama für die mittlere Option entscheiden wird. In jedem Fall muss der Präsident viel Überzeugungsarbeit leisten, um den Einsatz weiterer amerikanischer Menschenleben und zusätzlicher Milliarden Dollar in Afghanistan zu rechtfertigen – nicht nur vor dem eigenen Volk, sondern auch im eigenen Kabinett. Vizepräsident Joe Biden ist gegen weitere Truppen in Afghanistan; er will den Schwerpunkt des Kampfes gegen den islamistischen Terrorismus auf Pakistan gesetzt sehen. Außenministerin Hillary Clinton und Verteidigungsminister Robert Gates sind für zusätzliche Truppen, obwohl zumal Gates mehrfach davor gewarnt hat, ein zu großer amerikanischer Fußabdruck könne kontraproduktiv sein und die westlichen Truppen in unguter historischer Tradition als Besatzer erscheinen lassen.

Unterstützung von Konservativen und Republikanern

Der Präsident selbst hat sich in den vergangenen Wochen fast ausschließlich innenpolitischen Themen wie der Gesundheitspolitik gewidmet und das bestimmende außen- und sicherheitspolitische Thema Afghanistan vernachlässigt. Derweil kamen allein im August 51 amerikanische Soldaten am Hindukusch um – so viele wie in keinem anderen Monat seit Beginn des Krieges Ende 2001. Gelingt es Obama nicht bald, eine Mehrheit der Amerikaner davon zu überzeugen, dass der Schutz der afghanischen Zivilbevölkerung (und einer von Korruption gezeichneten Regierung unter Präsident Hamid Karsai in Kabul) das Opfer weiterer amerikanischer Soldaten wert ist und den nationalen Sicherheitsinteressen Amerikas dient, wird sich die Erosion der Zustimmung zum Afghanistankrieg bedrohlich beschleunigen.

Am meisten Unterstützung für seine Afghanistanpolitik findet Obama derweil bei den Republikanern und konservativen Intellektuellen. Knapp zwei Dutzend bekannte (Neo-)Konservative, die schon 2005 George W. Bush zur seinerzeit höchst unpopulären Truppenaufstockung im Irak ermuntert hatten, schickten in der vergangenen Woche einen Brief an Obama, in dem sie ihn ihrer vollen Unterstützung für eine abermalige Verstärkung des militärischen Engagements in Afghanistan versicherten. Das Schreiben schließt mit dem Satz: „Dank der fortgesetzten Tapferkeit unserer Truppen und mit Ihrer andauernden vollen Unterstützung für die Truppen und deren Befehlshaber können und werden wir und unsere Verbündeten in Afghanistan siegen.“

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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