21.09.2006 · Die in Mogadischu erschossene Ordensschwester ist am Donnerstag beigesetzt worden. Die engagierte Frau kannte die Gefahr ihr Leben lang. Trotzdem ließ sie sich bis zu ihrem gewaltsamen Tod nicht von ihrer Arbeit abbringen.
Von Nicolas WolzSie habe immer gewußt, daß es irgendwo in Somalia eine Kugel gebe, auf der ihr Name stehe. Doch für Schwester Leonella Sgorbati vom Orden der Consolata-Missionarinnen war das kein Grund zur Verzweiflung. „Sie war ein fröhlicher Mensch und hat stets versucht, das Leben mit Humor zu nehmen, auch wenn das nicht immer einfach war“, sagt Schwester Josephine, Oberin des Ordens in Ostafrika und seit fast 30 Jahren eng mit Schwester Leonella befreundet.
Am Donnerstag ist die vergangenen Sonntag in Mogadischu auf offener Straße erschossene katholische Ordensschwester in der kenianischen Hauptstadt Nairobi beigesetzt worden. Ihre Mörder waren allem Anschein nach fanatische Muslime, die sich so für die vermeintlich islamkritischen Äußerungen Papst Benedikts XVI. rächen wollten, die dieser während seines Besuchs in Deutschland gemacht hatte. Einen Tag vor dem Mord hatte ein Prediger in Mogadischu gesagt, wer auch immer den Propheten Mohammed beleidige, müsse vom dem Muslim getötet werden, der sich in der Nähe befinde.
Nicht ohne bewaffnete Begleiter
Der Islam ist in Somalia Staatsreligion, 99,8 Prozent der Bevölkerung sind sunnitische Muslime, nur 0,1 Prozent Christen. Das Land am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten Staaten der Welt. Nirgendwo sonst haben Kinder so schlechte Chancen, das Erwachsenenalter zu erreichen. Es gibt kaum sauberes Wasser, Krankheiten wie Cholera und Malaria sind weit verbreitet. Mehr als zwei Drittel der Somalis können weder lesen noch schreiben. Seit vor 15 Jahren lokale Kriegsherren den Militärdiktator Siad Barre stürzten, herrschen dort Chaos und Anarchie. Bis heute gibt es keine funktionsfähige Regierung. Seit Mai wird die Hauptstadt Mogadischu von einem Rat aus Scharia-Richtern kontrolliert.
Schwester Leonella, eine große, robuste Frau, war sich der Gefahr bewußt, in der sie in Somalia lebte und arbeitete. Das SOS-Kinderdorf mit der dazugehörigen Kinderklinik, in der die Missionarinnen als Krankenschwestern tätig sind, wird ebenso wie das Wohnhaus der Ordensfrauen schon seit Jahren streng bewacht. Nach dem Mord sind die drei verbliebenen Schwestern nach Nairobi ausgeflogen worden. Nicht einmal über die Straße gingen die vier Schwestern ohne bewaffnete Begleiter.
Lebenslange Armut, Keuschheit und Gehorsam
Trotzdem geriet eine der Schwestern 2001 für mehrere Tage in die Gewalt von Entführern, wurde aber schließlich ohne Lösegeldzahlung freigelassen. Eine andere überlebte im April 2005 nur knapp einen Bombenanschlag. Andere Ausländer hatten weniger Glück: Im Februar vergangenen Jahres wurde eine britische Journalistin erschossen, im Juni dieses Jahres ein schwedischer Kameramann. „Jedes Mal, wenn mich Leonella in unserem Ordenshaus in Nairobi besuchte“, erinnert sich Schwester Josephine, „kam sie darauf zu sprechen, wie gefährlich es in Mogadischu sei. Doch dann pflegte sie zu sagen: ,Dort gehöre ich hin. Das ist es, was Gott von mir will.' Sie war erfüllt von dem Wunsch, ihr Leben und ihre Kraft in den Dienst Gottes zu stellen. Deshalb ist sie Missionarin geworden.“
Die am 9. Dezember 1940 in Gazzola in der norditalienischen Provinz Piacenza geborene Rosa Sgorbati, wie Schwester Leonella mit bürgerlichem Namen hieß, trat 1963 in den katholischen Orden der Consolata-Missionsschwestern ein. 1972 wurde sie zur Nonne geweiht. Die Angehörigen der 1910 von Giuseppe Allamano in Turin gegründeten Glaubensgemeinschaft verpflichten sich nicht nur zu lebenslanger Armut, Keuschheit und Gehorsam. Sie bekennen sich im Sinne einer universalen Kirche auch zu einem Leben ohne territoriale, rassische, kulturelle und religiöse Grenzen.
Schon früh nach Afrika
Der Orden möchte all jene ansprechen, die, wie es in einer Selbstbeschreibung heißt, „nahe bei uns leben, aber weit entfernt von Jesus und der Kirche“. Die Consolata-Missionarinnen kümmern sich beinahe überall auf der Welt um notleidende, kranke und einsame Menschen, in denen sich für sie der leidende Jesus Christus manifestiert. In Europa gibt es Gemeinschaften des Ordens unter anderem in Italien, Spanien, Portugal und England, in Afrika in Kenia, Äthiopien, Tansania, Mosambik, Somalia, Dschibuti, Liberia und Guinea-Bissau.
Das Leben jenseits der Grenzen führte Schwester Leonella schon früh nach Afrika. Nachdem sie in England zur Krankenschwester ausgebildet worden war, sandte der Orden sie im September 1970 nach Kenia. In den folgenden 13 Jahren arbeitete sie im Madari-Krankenhaus in Myeri und im Nazareth-Krankenhaus in Nairobi. 1983 begann sie ein zweijähriges Studium der Krankenpflege; anschließend wurde sie Leiterin der Schule für Krankenschwestern am Nkubu-Krankenhaus in Meru. Im November 1993 wurde sie zur Oberin des Ordens in Kenia ernannt, eine Position, die sie für sechs Jahre innehatte.
„Für mich war sie wie eine Mutter“
In Meru lernte auch Schwester Joan Agnes sie kennen, eine Afrikanerin. „Drei Jahre lang war Schwester Leonella meine Lehrerin. Ich weiß noch wie heute, wie sie immer mit einem Stapel Lehrbücher unter dem Arm in den Klassenraum kam, nur um sie dann auf ihr Pult zu legen und nicht mehr anzurühren. Alles, was wichtig war, hatte sie im Kopf.“ Schwester Leonella sei eine strenge und anspruchsvolle Lehrerin gewesen, allerdings auch eine mit viel Humor. „Als Kind dachte ich immer, Nonnen seien sehr ernste, traurige Menschen. Schwester Leonella hat mich vom Gegenteil überzeugt. Sie war einer der fröhlichsten Menschen, die ich je getroffen habe.“
Es gebe mehr als genug nachlässige Krankenschwestern auf der Welt, habe sie zu sagen gepflegt, und ihr größter Wunsch sei es gewesen, daß ihre Schülerinnen es einmal besser machten und den Kranken und Bedürftigen echten Trost spendeten. Sie sowohl theoretisch als auch praktisch möglichst umfassend auszubilden, habe sie als Voraussetzung dafür angesehen. Besonders am Herzen gelegen habe ihr, ihren Schülern einen Sinn für die Schönheit des menschlichen Körpers zu vermitteln und zugleich das Werk Gottes darin zu sehen. „Sie wollte zum Beispiel, daß wir uns hinknien, wenn wir Frauen bei der Geburt helfen, als Zeichen der Ehrfurcht vor dem neuen Leben. Für mich war sie wie eine Mutter.“
Großer Respekt und echte Zuneigung
Auch Schwester Joan Agnes sagt, Schwester Leonella sei sich immer im klaren darüber gewesen, wie groß die Gefahr war, der sie als öffentlich wirkende Christin in Somalia ausgesetzt gewesen sei. Oft habe sie über den Tod geredet, doch ohne dabei Angst zu verspüren. „Sie lebte in dem Bewußtsein, ihr Leben schon vor langer Zeit in die Hand Gottes gegeben zu haben. Ich habe sie immer darum beneidet, wie sicher sie sich ihrer Berufung und ihrer Mission war. Sie sagte, bis dahin sei es eine lange Reise, aber sie lohne alle Mühe.“ Obwohl sie damals nicht aus eigener Entscheidung dorthin gegangen sei, habe ihr Herz für Afrika und die Menschen dort geschlagen. Die Afrikaner wiederum seien ihr mit großem Respekt und echter Zuneigung begegnet. „Sie gaben ihr sogar einen eigenen Namen, der übersetzt etwa ,die treue Frau' bedeutet.“
Nach Mogadischu kam Schwester Leonella zum ersten Mal 2001 mit der Idee, an der dortigen SOS-Kinderklinik eine Ausbildungsstätte für Krankenschwestern ins Leben zu rufen. Seit Mitte der achtziger Jahre gibt es ein SOS-Kinderdorf in Mogadischu. Die von dem Österreicher Hermann Gmeiner nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Hilfsorganisation betreibt in der somalischen Hauptstadt außerdem eine Schule, eine Mutter-Kind-Klinik und ein Kinderkrankenhaus.
Unglaublich viel Energie
Da die meisten somalischen Ärzte ihre Heimat bei Ausbruch des Bürgerkriegs verlassen haben, ist die medizinische Versorgung miserabel. Die staatlichen Krankenhäuser in Mogadischu funktionieren schon lange nicht mehr. Außer den SOS-Einrichtungen gibt es in der Stadt nur noch eine Notfallklinik des Internationalen Roten Kreuzes. Die SOS-Mutter-Kind-Klinik ist die einzige Entbindungsstation in Somalia, die zudem über eine gynäkologische Abteilung verfügt. Schwangere Frauen und Mütter nehmen tagelange Märsche aus ganz Somalia und sogar aus dem benachbarten Äthiopien auf sich, um sich dort behandeln zu lassen. Jährlich werden dort mehr als 260 000 Behandlungen vorgenommen; allein in der pädiatrischen Abteilung werden im Jahr mehr als 110 000 Kinder behandelt.
Untersuchungen und Behandlungen sind kostenlos. Das ist nur möglich, weil es Pflegerinnen wie die Consolata-Missionarinnen gibt. „Die Schwestern arbeiten auf eigenen Wunsch für uns. Sie haben weder einen Arbeitsvertrag noch werden sie für ihre Tätigkeit bezahlt“, sagt Willy Huber, Regionalleiter der SOS-Kinderdörfer in Ostafrika. „Schwester Leonella hatte unglaublich viel Energie. Wenn man jungen Leuten in einem Land wie diesem Hoffnung geben will, muß man Worte in Taten umsetzen. Das konnte sie.“ Nachdem sie mit großem Engagement die Einrichtung einer Schule für Krankenschwestern betrieben hatte, wurde sie im Jahr 2002 deren Leiterin. Jeweils etwa 25 Frauen und Männer werden dort drei Jahre lang zu Krankenschwestern, Krankenpflegern und Hebammen ausgebildet.
„Sie war voller Begeisterung für diese Aufgabe“
Schwester Leonella arbeitete hart für den Erfolg der Schule. Tagsüber unterrichtete bis zu acht Stunden, nachts arbeitete sie an den Lehrplänen und korrigierte Hausarbeiten. Für den Schlaf blieben ihr in manchen Nächten nicht mehr als drei Stunden. Es sei wunderbar gewesen, sagt Schwester Gianna Irene, die mit ihr in Mogadischu lebte, wie sie es vermocht habe, den jungen Somalis, die zu ihr an die Schule gekommen seien, Selbstvertrauen einzuflößen. „Diese Mädchen und Jungen kamen mehr oder weniger aus dem Busch, die meisten ohne jegliche Schulbildung, waren am Anfang äußerst schüchtern und trauten sich überhaupt nichts zu. Bevor Schwester Leonella mit der eigentlichen Ausbildung begann, brachte sie ihnen zunächst einmal ein halbes Jahr lang Englisch bei.
Schon während dieser Zeit konnte man sehen, wie das Selbstwertgefühl der jungen Menschen beinahe täglich wuchs.“ Auch außerhalb des Unterrichts habe sie immer ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Schüler, aber auch der anderen Lehrer gehabt. „Sie war voller Begeisterung für diese Aufgabe“, sagt Schwester Josephine, „obwohl sie in letzter Zeit leichte gesundheitliche Probleme hatte.“
Von sieben Kugeln getroffen
In den vergangenen Jahren hatte Schwester Leonella stark zugenommen und oft unter geschwollenen Füßen gelitten. Das Bergwandern, einen Sport, der sie begeisterte, mußte sie schließlich aufgeben. In den wenigen Mußestunden, die ihre Arbeit ihr ließ, griff sie zu Büchern - sie verehrte Charles Dickens -, besuchte einen der zahlreichen Naturparks oder suchte das Gespräch mit den Menschen in ihrer Umgebung.
Erst wenige Tage vor dem Attentat war Schwester Leonella aus Uganda, wo sie in Krankenhäusern nach Praktikumsplätzen für ihre Schüler gesucht hatte, nach Somalia zurückgekehrt. Am vergangenen Sonntag überquerte sie um die Mittagszeit gemeinsam mit ihrem somalischen Leibwächter die Straße zwischen dem SOS-Kinderdorf und dem Krankenhaus, als zwei Männer mit Schußwaffen hinter geparkten Autos hervorsprangen und das Feuer eröffneten. Der Leibwächter, ein junger Familienvater, war sofort tot. Schwester Leonella starb, von sieben Kugeln getroffen, kurze Zeit später in dem Krankenhaus, in dem sie selbst so lange gearbeitet hatte.
„Schwester Leonella ist als Märtyrerin gestorben“
„Sie hatte keine Chance“, sagt Huber. „Es war wie eine Hinrichtung.“ Augenzeugen berichteten, ihre letzten Worte hätten ihren Mördern gegolten. „Perdono, perdono, perdono - ich vergebe, ich vergebe, ich vergebe.“ Einer der Täter ist inzwischen festgenommen und dem Obersten Islamischen Rat (SICS) in Mogadischu überstellt worden. Nach dem zweiten Schützen werde gefahndet, sagte Scheich Muchtar Robow, stellvertretender Sicherheitschef des SICS, der Nachrichtengagentur AFP.
Schwester Leonellas Leichnam wurde nach Nairobi gebracht, wo er am Donnerstag auf dem Friedhof des Nazareth-Krankenhauses beigesetzt wurde. In einem Telegramm an die Ordensgemeinschaft drückte Papst Benedikt XVI. sein Beileid zum gewaltsamen Tod Schwester Leonellas aus. Er bekräftige darin seine tiefe Mißbilligung jeder Form von Gewalt, doch hoffe er darauf, „daß das Blut, das von einem solch gottesfürchtigen Jünger des Evangeliums vergossen wurde, Hoffnungen auf eine echte Brüderlichkeit zwischen den Menschen und gegenseitigen Respekt für die religiösen Überzeugungen aller stiftet“.
Die Consolata-Missionarinnen in Mogadischu, die nach Nairobi ausgeflogen wurden, sehen das ähnlich. „Schwester Leonella ist als Märtyrerin gestorben“, sagt Schwester Gianna Irene. „Ihr Tod ist wie ihr Leben ein Beweis dafür, daß nichts umsonst getan ist, was man aus Liebe zu Gott tut. Wir alle hoffen, daß eines Tages aus all dem Leid in diesem Land Frieden werden wird.“