21.11.2003 · Bundeskanzler Schröder hat in den Vereinigten Staaten für seine strukturellen Reformen geworben, die Deutschland nach seinen Worten als Investitionsstandort noch attraktiver machen sollten.
Wie ein Blitzbesuch wirkte Gerhard Schröders Amerikareise. Nur wenige Stunden hat der Bundeskanzler im Waldorf Astoria Hotel geschlafen. Doch seine Auftritte in New York zwischen der Ankunft am Donnerstag und dem Rückflug am Freitag hatten es in sich. Während die Irak-Kriegspartner George W. Bush und Tony Blair in London inmitten lautstarker Proteste konferierten, präsentierte sich Schröder prominenten Vertretern der amerikanischen Wirtschaft und der einflußreichen jüdischen Organisationen in New York als Mann der Zukunft.
Schröders selbstbewußte Botschaft ließ sich so interpretieren: Es gibt ein Amerika nach George W. Bush. Der Kanzler deutete sie an, ohne den politischen Streit über den Irak-Krieg und die Bewältigung seiner Folgen oder die Vorbehalte gegen die Politik der gegenwärtigen Administration in Europa direkt zu erwähnen. Ohnehin wußten seine Gesprächspartner, daß die Wiederwahl von Bush im nächsten Jahr nicht gesichert ist, während der deutsche Gast wohl noch für drei Jahre in Amt und Würden bleiben dürfte.
Süß-saure Miene
Schröder vermied jede offene Kritik an dem amerikanisch-britischen Besatzungsregime und seinen Problemen im Irak. Doch wohl nicht ohne Hintersinn betonte er bei einem Galadinner vor führenden Vertretern der Wirtschaft im Ballsaal des Grand Hyatt Hotel: „Die weltweite Nachfrage nach deutschen Produkten ist ungebrochen.“ Umgerechnet in -Dollar sei Deutschland „Export-Weltmeister“. Und dann kam ein Kanzler-Satz, für den es zwar Beifall gab, aber bei manchem im Saal auch eine süß-sauere Miene: „Sorry, wir haben Amerika von Platz 1 (der Exportnationen) verdrängt.“
Schröders Bilanz der transatlantischen wirtschaftlichen Entwicklung wird von führenden amerikanischen Experten bestätigt. Kurz vor dem Auftritt des Kanzlers in New York rechnete Daniel Hamilton, der Direktor des renommierten Transatlantik-Zentrums der John-Hopkins-Universität in Washington, vor: Trotz des Irak-Streits zwischen Deutschland und Frankreich auf der einen und den Vereinigten Staaten auf der anderen Seite seien in der ersten Hälfte des Jahres 2003 amerikanische Investitionen in Rekordhöhe von 40 Milliarden Dollar in diese und andere Länder Westeuropas geflossen, davon der Löwenanteil nach Deutschland und Frankreich. Zugleich hätten europäische Staaten - mit Deutschland an der Spitze - insgesamt 36,3 Milliarden Dollar in den Vereinigten Staaten investiert, fast doppelt so viel wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres.
Lob für Schröders Reformpolitik
Es schmeichelte Schröder auch gehörig, als Sanford Weill, Vorstandsvorsitzender der Citigroup und damit Chef des größten Finanzkonzerns der Welt, betonte, der Reformweg der deutschen Regierung sei genau der richtige. Die Agenda 2010 werde, wenn auch nicht perfekt, zu einer Stärkung der deutschen Wirtschaft und damit zur Kräftigung der deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen führen.
Auch andere führende Wirtschaftsleute lobten Schröder, im Prinzip auf dem richtigen Weg zu sein. Sie verwiesen darauf, daß sich die Konjunkturdaten in Deutschland seit ein paar Monaten aufhellten. Ein Wermutstropfen: Jüdische Organisationen forderten in New York von Deutschland ein größeres Engagement gegen extrem-islamische Propaganda, doch ansonsten waren sie mit der Bilanz der Bundesregierung beim Kampf gegen den Antisemitismus zufrieden.