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Schlüssel zur Waffenruhe : Einträgliche Tunnelwirtschaft

  • -Aktualisiert am

Es gibt kaum etwas, das noch nicht durch die zahlreichen Tunnel geschmuggelt wurde Bild: AP

In Rafah - an der Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen - leben viele Menschen vom Schmuggel durch die zahllosen Tunnel. Neben Waffen, Treibstoff und Zigaretten, die auf diesem Wege ins Land gelangen, werden auch ganze Viehherden durch den Untergrund getrieben - alles, was in Gaza eben fehlt.

          Tausende Flugblätter gingen am Donnerstag über Rafah nieder. Die israelische Luftwaffe forderte die Bevölkerung an der Grenze zu Ägypten auf, ihre Wohnungen wegen bevorstehender Militäraktionen zu verlassen. „Die Hamas nutzt Eure Häuser, um Waffen zu schmuggeln und zu lagern“, stand auf den Flugblättern - als wäre das etwas Neues für die Menschen in Rafah: Seit der Gazastreifen von den Israelis hermetisch abgeriegelt worden ist, sind die Tunnel vom palästinensischen zum ägyptischen Rafah unter der Grenze und einer Betonmauer hindurch die wichtigste Einnahmequelle für das Städtchen.

          Tunnel haben im Gazastreifen eine lange Geschichte. Schon Reiseberichte aus dem 19. Jahrhundert schwärmen über die Schönheit Gazas, das als eine wohlhabende Stadt am Ende der Gewürzstraße liegt. Sie erwähnten auch, dass unter der Stadt eine zweite aus einem System an Tunneln liege. Einwohner nutzten sie zur Flucht, für geheime Treffen oder um Waren auszutauschen. In dem sandigen Boden am Mittelmeer müssen die Gänge vor Grundwasser geschützt und durch ein aufwendiges Balkensystem verstärkt werden. Im Gazastreifen wurde der Tunnelbau daher ein traditionelles Handwerk.

          Kein Geheimnis mehr

          In Rafah wurde er zudem auch noch zu einem lukrativen Geschäft. Die Kleinstadt wurde in den vergangenen Jahren zu einer Art Oase des Wohlstandes im bitterarmen Gazastreifen, weil der Bau, der Unterhalt und die Transporte durch die Tunnel der einträglichste Wirtschaftszweig im Gazastreifen wurden. Die Hamas „verstaatlichte“ daher auch diese Tunnel, nachdem sie zunächst vergeblich versuchte hatte, Steuern auf die Erträge aus der „Tunnelwirtschaft“ zu erheben.

          Am Grenzstreifen lieferten sich bis zu ihrem Abzug aus dem Gazastreifen im Sommer 2005 israelische Soldaten mit palästinensischen Schützen von Fatah und Hamas einen täglichen Kampf von Häuserreihe zu Häuserreihe. Wann immer aus den Häusern unmittelbar an der Mauer auf die Soldaten im „Philadelphi-Korridor“ geschossen wurde, zerstörte die Armee am nächsten Tag diese Gebäude. Drei bis vier Straßenzüge gingen so verloren. Den Fatah-Mitgliedern half ihre Organisation meist beim Wiederaufbau, die anderen kamen in den Zelten unter, die internationale Hilfsorganisationen für sie aufstellten. Diese Zeltstadt wurde daher schnell „Hamas-Land“.

          Wahrscheinlich beginnen heute die meisten Tunnel unter diesen Zelten und den umliegenden Häusern und enden einige 100 Meter weiter auf der anderen Seite der Mauer in Ölbaumgärtchen der Bewohner des ägyptischen Rafah. Früher, als noch die Israelis den Gazastreifen besetzten, wurden die Tunneleingänge getarnt. Sie öffneten sich hinter dem großen Schrank der Großmutter oder unterhalb des Sofas in der Ecke. Heute sind sie kein Geheimnis mehr. Die Eingänge sind unterschiedlich groß, führen meist direkt in die Tiefe und werden erst unten im Gang behelfsmäßig ausgeleuchtet.

          Alles was fehlt

          Diese Tunnel nutzen Hamas-Kämpfer auf dem Weg zur militärischen Ausbildung in Iran oder Hamas-Politiker mit Koffern voller Bargeld aus Syrien oder den Golfstaaten. Durch die unterirdischen Gänge kommen neben Waffen, aber auch Treibstoff, Zigaretten, Medikamente und Luxusgüter in den Gazastreifen. Ganze Viehherden werden durch die Tunnel getrieben - alles, was in Gaza eben fehlt.

          Gleich zu Beginn der israelischen Militäroperation will die Luftwaffe einige Dutzend dieser Tunnel zerstört haben. Dennoch heißt es bis heute, es gebe 400 Tunnel. Dabei kann es sich nur um eine Schätzung handeln. Denn die meisten Tunneleingänge liegen versteckt in Häusern und Zelten. Auch führen mehrere Eingänge bisweilen zum selben Tunnel: Es gibt stets mehr Eingänge als Tunnel. Israelische Drohnen haben die Grenzregion vom Himmel aus im Blick. Sie sehen meistens nicht die Tunnel auf der palästinensischen Seite selbst, aber die auffällige Bewegung in der Umgebung: Dort werden Waren transportiert, obwohl es kein Geschäft gibt, und es bewegen sich besonders viele Menschen ohne sichtbaren Grund.

          Ein Problem auf beiden Seiten

          Auf der ägyptischen Seite enden die Tunnel bisweilen als ein offenes Loch; vorausgesetzt, die ägyptische Polizei hat es nicht zugeschüttet. Doch damit gibt es ein Problem: Die Obrigkeit in Kairo lässt sich ungern mit den Beduinen und dem wohl organisierten Schmuggelgeschäft an der Grenze ein. In diesem strukturschwachen und armen Gebiet würde die weitere Verarmung zu Radikalisierung und einer Stärkung der Muslimbruderschaft führen, der ägyptischen Mutterorganisation der Hamas.

          Während der laufenden Bemühungen um eine Waffenruhe wird die ägyptische Regierung bedrängt, eine internationale Beobachtergruppe und eine größere amerikanische Technikereinheit in das Land zu lassen, um die Tunnel zu schließen. Es gibt verschiedene bergbauliche Techniken, um Tunnel zu finden und zu zerstören. Einerseits sagt Kairo, die dort in den vergangenen Monaten verstärkte Polizei habe selbst schon 400 Tunnel vernichtet, denn die Tunnel seien eine „Bedrohung ägyptischer Souveränität“ und müssten auch deswegen verschwinden.

          Andererseits möchte die ägyptische Regierung auch nicht Einblick in ihre heimlichen Geschäfte mit den Schmugglern gewähren, von denen immer wieder die Rede ist. Sie will sich ihre Beziehungen zu den Islamisten nicht vollständig zerstören und scheut offiziell eine internationale Regelung, weil dadurch auch die „Souveränität Ägyptens“ in Frage gestellt werden könnte. So sind die Schmuggeltunnel auf beiden Seiten der Grenze ein Problem.

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