28.05.2010 · Lange wurde der Schiffskonvoi mit Hilfsgütern für Gaza vorbereitet. An Bord sind unter anderen: Ein weltbekannter Schriftsteller, ein amerikanischer Diplomat außer Dienst und eine pensionierte Mathematiklehrerin.
Von Mario DamolinKhalid Turaani, 48 Jahre alt, Geschäftsmann und amerikanischer Staatsbürger, geboren in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Syrien, hat gerade die Renovierungsarbeiten an der „Sfendoni“ inspiziert. „Steinschleuder“ heißt das Schiff, in Anspielung auf die „Intifada“. Als Kontrast zum Namen sieht es aus wie ein Ausflugsboot ins Neckar- oder Maintal, mit Platz für knapp hundert Menschen. Ort: der Hafen von Piräus. In einem anderen Athener Hafen liegt noch das Frachtschiff „Eleftheri Mesogeios“ (“Freies Mittelmeer“), das Hilfsgüter für den Gazastreifen laden soll. 1400 Tonnen Hilfsgüter lagern auf dem Kai im Frachthafen: hauptsächlich Bauteile für Fertighäuser aus Holz, mehrere hundert elektrische Rollstühle, Medikamente und zwei komplette Wasseraufbereitungsanlagen. „Steinschleuder“ und „Freies Mittelmeer“ wollen sich mit anderen Schiffen aus der Türkei, Griechenland, Schweden, Irland, Deutschland vor Zypern treffen und dann gemeinsam Gaza ansteuern.
Die Teilnehmer: Aktivisten diverser propalästinensischer Gruppen, dazu Journalisten und Leute aus Deutschland, Belgien, Schweden, der Tschechischen Republik, Bulgarien, Italien und natürlich Al Dschazira haben sich auf der „Sfendoni“ versammelt. Schließlich einige als prominent eingestufte Teilnehmer aus Amerika wie etwa der ehemalige Irak-Botschafter Edward L. Peck oder der Navy-Veteran Joe Meadors, der 1967 auf der U.S.S. Liberty den Angriff israelischer Kampfflugzeuge überlebte. Khalid Turaani übernimmt die Regie. Er war Campaigner in Illinois, Wisconsin und Ohio für George W. Bush vor dessen erster Wahl zum Präsidenten und hat bei der zweiten Wahl in der Organisation „Arab-American Republicans Against Bush“ gegen den Amtsinhaber gearbeitet. Er steht der Organisation „American Muslims for Jerusalem“ als Präsident vor. Seit kurzem residiert er in Brüssel. Sein Partner und Vorgesetzter in Europa ist der in London lebende palästinensische Arzt Arafat Shoukri.
Sicherheitsanweisungen, falls Israel angreift
„Safety Instructions“ sollen auf etwaige Aktionen der israelischen Marine gegen den Konvoi vorbereiten. Israels Regierung hat ein konsequentes Vorgehen gegen die „Freedom Flotilla“ angekündigt und spricht von „Piratentum“. Mehrere NGO-Vertreter appellieren an Gewaltlosigkeit, man solle sich nicht provozieren lassen.
Dror Feiler, der schwedische Vertreter und Vorsitzende der „Jews for Israeli-Palestinian Peace“ ist 58 Jahre alt, Musiker. Er stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie, ist in Tel Aviv geboren, war Fallschirmjäger bei der israelischen Armee und einer der ersten Kriegsdienstverweigerer, die den Dienst in den von Israel besetzten Gebieten Palästinas verweigerten. Feiler ist maßgeblich am Kauf des Schiffes „Eleftheri Mesogeios“ als griechisch-schwedische Gemeinschaftsaktion beteiligt gewesen, er hat Gelder und Unterstützer gesammelt. Er berichtet, dass die israelische Regierung vorhabe, den Konvoi zu stoppen und Gefängniszellen für die festzunehmenden Blockadegegner bereithalte. Feiler kündigt an, dass der schwedische Schriftsteller Henning Mankell in Zypern zum Konvoi stoßen wird. Für Feiler, der sich selbst ironisch als Anarchokommunist bezeichnet, könnte diese Aktion den Start in die Politik bedeuten, denn er will im September auf der Liste der linken „Vanster Partiet“ für das schwedische Parlament kandidieren.
Um acht Uhr ist die Abfahrt aus Athen in den Hafen zur „Sfendoni“ geplant, doch der Termin wird ständig verschoben. Dann macht die Nachricht die Runde, der Frachter „Eleftheri Mesogeios“ sei fertig geladen und fahre jetzt ab. Alle wollten die Bilder haben, doch Al Dschazira hat nicht nur hier die Nase vorn. Andere Journalisten fordern von den Organisatoren Gleichbehandlung bei Informationen.
Inzwischen sind die Passagiere der „Sfendoni“ angekommen, der Abfahrtstermin wird auf 19 Uhr festgelegt. Ein Banner mit der Aufschrift „Stoppt den Völkermord - Freies Palästina“ wird angebracht. Welcher Völkermord hier gemeint sein soll, kann auch Khalid Turaani nicht beantworten. Er springt auf, weil er diese Parole für „gefährlich“ hält. Am Ende bleibt das Banner hängen. Um 20.45 Uhr setzt sich die „Sfendoni“ in Bewegung, seltsamerweise von Al Dschazira-TV vom Kai aus mit der Kamera eingefangen. Bleiben die etwa in Athen? Nein, denn 500 Meter weiter am Kai hält die „Sfendoni“ an, und die Journalisten von Al Dschazira steigen zu. Eine reine Inszenierung.
Die Gespräche an Bord kreisen immer wieder um Sinn und Zweck der Aktion. Janet Kobren, eine pensionierte amerikanische Mathematiklehrerin, sieht das alles als Versuch, die „Menschenrechte in Palästina wiederherzustellen“. Sie selbst stammt aus einer jüdischen Familie, ihre Eltern gehören eher dem an, was sie selbst als „jüdische Lobby in den USA“ bezeichnet. Sie hat tiefes Mitgefühl für das Schicksal der Palästinenser. Gerade als Tochter aus einer jüdischen Familie könne man solche Verhältnisse wie in Gaza nicht einfach verdrängen.
Ihr Landsmann Edward L. Peck, zwanzig Jahre lang Botschafter in Nahost, unter anderem im Irak, ist mit 81 der älteste Teilnehmer des Konvois. Er versteht seine Anwesenheit als Protest gegen die amerikanische Politik im Nahostkonflikt; die israelische Politik sei nicht hinnehmbar, Washington außerstande, wirklich Veränderungen herbeizuführen; und die EU halte sich zurück, obwohl sie doch sehr viel naher am Konfliktherd sei.
Vollbart, Sonnenbrille, Schirmmütze
Unter den Muslimen an Bord der „Sfendoni“ fällt Bilal Abdul Azziz auf: Vollbart, breite Sonnenbrille, braune, militärähnliche Schirmmütze, in feinste, gutsitzende Ballonseide gekleidet. Er ist Englischlehrer und will in Gaza unentgeltlich Unterricht geben. Als Sohn einer irischen Katholikin und eines Jamaikaners ist er spät zum Islam konvertiert - aus Überzeugung, wie er sagt. Schon mehrere Male war er in Gaza, auch durch Tunnels aus Ägypten, was ihm dort Gefängnis einbrachte. Er sieht die Sache so: Die von Israel gewaltsam enteigneten Palästinenser sollten wieder zurückkehren in ihre Heimat, sollten Häuser und Grund zurückerhalten und in die gleichen Rechte gesetzt werden wie die Israelis: „Wer etwas genommen hat, kann es auch wieder hergeben.“ Ja, es gäbe auch einige „gute Israelis“, aber 97 Prozent seien „evil“, böse, und deshalb sei mit Worten wenig zu erreichen. Khalid Turaani lobt Azziz: „Das klang sehr gut, so, als ob du in der besten PR-Schule der Welt gewesen wärst.“
Am späten Abend sitzen Palästinenser mit Janet Kobren um einen Tisch, der mit einer Palästina-Flagge drapiert ist. Lieder werden gesungen, der Kameramann von Al Dschazira hat sich gut positioniert, sein Redakteur dirigiert und stimuliert die singende Gruppe, bis die Einstellungen im Kasten sind. Am nächsten Vormittag steht Dror Feiler auf den Planken der Ladeabdeckung mit seinem Saxophon und spielt Lieder von Hanns Eisler. Wieder Fahnen, Rufe, und der Al Dschazira-Redakteur betätigt sich als Animateur.
Dror Feiler hat neue Informationen vom israelischen Militärfunk wisse er, dass die Marine den Konvoi mit einer „Spezialeinheit Nr. 13“ stoppen wolle. Name der Operation: „Himmelswind“. In Ashkalom wurden mobile Gefängnistrakte aufgebaut, um die Verhafteten unterzubringen. Er habe den Israelis gesagt, dass sie sowieso schon verloren hätten, egal was sie noch anstellen würden. Mittlerweile wurden in der israelischen Presse Artikel und Aufrufe gedruckt, die die Regierung auffordern, die Hände vom Konvoi zu lassen.
Die Hilfsfracht muss zu den Adressaten
Die Verhältnisse auf der „Eleftheri Mesogeios“ sind problematisch. Weil nicht genug Betten vorhanden sind, wird umschichtig geschlafen. Manche nächtigen auf harten Bänken im Freien. Während auf der „Sfendoni“ eher eine „Free-Gaza-Mentalität“ herrschte, ist man hier pragmatischer. Es ist Hilfsfracht an Bord, und die soll zu den Adressaten - und zwar möglichst schnell und unversehrt. Die beengten Verhältnisse werden geduldig ertragen. Das ganze Schiff ist mit Hilfsgütern vollgepackt, die Wasservorräte sind begrenzt. Es sind noch rund 50 Stunden bis Gaza.
Am frühen Morgen schon lautes Hämmern auf der Brücke und auf dem kleinen Oberdeck. Die Luken werden von Rost befreit und abgedichtet. Man bereitet sich auf etwaige Wasserwerferattacken der israelischen Marine vor. Dror Feiler hat in einem Telefongespräch über Satellit mit Pressevertretern der Marine erfahren, dass dort Gerüchte umlaufen, auf der „Eleftheri Mesogeios“ befänden sich Raketen. In Zypern sollten noch Passagiere aufgenommen werden, unter anderem Henning Mankell. Aber die zyprischen Aktivisten hatten große Spruchbänder am Hafen aufgehängt - mit ihren politischen Forderungen. Jetzt gibt es Probleme, weil die israelische Regierung angedroht hat, den Hafen Famagusta im türkischen Teil anzuerkennen, sollte der Schiffskonvoi von griechischen Zyprern unterstützt werden. Viertel vor zwölf kreuzen zwei Militärhubschrauber unbekannter Herkunft in großer Höhe die Fahrtroute der „Eleftheri Mesogeios“. Man rechnet hier mit (fast) allem.