02.08.2005 · Am Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und der westlichen Führungsmacht wird der Tod Fahds nichts ändern - weder im Guten noch im Schlechten. Öl, Terrorismus und die Demokratisierung bestimmen die Beziehungen zu Amerika.
Von Nikolas BusseIn Washington dürfte die Nachricht vom Tode König Fahds nicht zu einer eingehenden Überprüfung der Saudi-Arabien-Politik führen. Da Kronprinz Abdullah schon lange die Geschäfte der saudischen Regierung leitet, konnte sich die westliche Führungsmacht in den vergangenen Jahren gut auf die Zeit nach dem Ableben Fahds einstellen. Abdullah, der neue König, ist mit Präsident Bush seit langem gut bekannt. Er gehört zur privilegierten Gruppe von hohen ausländischen Politikern, die der amerikanische Präsident regelmäßig auf seiner Ranch im texanischen Crawford empfängt.
Im Fall Abdullahs bringt das wahrscheinlich weniger eine persönliche Freundschaft als die strategische Bedeutung der bilateralen Beziehungen zum Ausdruck. Saudi-Arabien ist der wichtigste amerikanische Verbündete in der arabischen Welt, auch wenn das Verhältnis der beiden Staaten zunehmend von Irritationen geprägt ist.
Unterstützung im Golf-Krieg
Die Wurzeln der amerikanisch-saudischen Beziehungen reichen weit zurück. In den dreißiger Jahren kamen die ersten amerikanischen Geologen in das Land, um die Suche nach Öl voranzutreiben. In den fünfziger und sechziger Jahren war Washington dann bei so unterschiedlichen Vorhaben wie der Einführung von Papiergeld, des nationalen Fernsehens und der Gründung der saudischen Fluggesellschaft behilflich. Schon in diesen Zeiten ging es den Vereinigten Staaten darum, die Ölversorgung aus dem größten Opec-Förderland zu sichern und einen wichtigen politischen Verbündeten in Arabien zu gewinnen, damals noch gegen den Kommunismus.
Das saudische Herrscherhaus war seinerseits an Investitionen, Technologie und dem Absatz in Amerika interessiert; außerdem brauchte es den militärischen Schutz der Vereinigten Staaten. Es war denn auch eine militärische Bedrohung, die zur bisher intensivsten Phase der Zusammenarbeit beider Länder führte: Nach der Besetzung Kuweits durch Saddam Hussein im August 1990 gestattete König Fahd erstmals die Stationierung ausländischer Truppen im eigenen Land und unterstützte die von Amerika geführte Befreiung des Nachbarlandes von der irakischen Besatzung.
Das Einvernehmen war dahin
Die Anschläge vom 11. September 2001 beendeten dieses Einvernehmen über Nacht. Nachdem bekannt wurde, daß ein Großteil der Attentäter, die das World Trade Center zerstört und das Pentagon beschädigt hatten, aus Saudi-Arabien kamen, stand das Land am Pranger der amerikanischen Öffentlichkeit. Nicht anders als in Europa wurde die strenge wahabitische Auslegung des Islam, die in Saudi-Arabien gepflegt wird, in den Vereinigten Staaten als ein gewichtiger Faktor eingestuft, der zur Entstehung und zur Verbreitung des globalen Dschihadismus beigetragen hatte. Unter anderem wurden die Spenden wohlhabender Saudis für islamische Wohlfahrtsorganisationen, mit denen radikale Umtriebe in vielen islamischen Ländern bezahlt wurden, zum Gegenstand öffentlicher Anschuldigungen und behördlicher Untersuchungen. Der politischen Klasse in Washington wurde klar, daß ihr Verbündeter Teil des Problems war, das zum ersten Angriff auf Amerika seit Pearl Harbor geführt hatte.
Zu einem völligen Zusammenbruch der Beziehungen führte diese neue Konstellation nicht. Sie rief aber ein Unbehagen auf beiden Seiten hervor, das den Umgang bis heute belastet. Denn die saudische Regierung bekam ihrerseits zu spüren, daß die Polarisierung zwischen westlich-amerikanischer und islamischer Welt ihre Bevölkerung nicht unberührt ließ. Wie in anderen arabischen Ländern wurde Amerikas Verhalten im Palästina-Konflikt in Saudi-Arabien zunehmend als einseitig proisraelisch gesehen.
„Ungläubige Präsenz“
Auch der Krieg gegen die Taliban in Afghanistan und der Einmarsch im Irak zum Sturz Saddam Husseins stießen auf breite Ablehnung. So sah sich die Regierung veranlaßt, den Amerikanern die Nutzung ihrer Stützpunkte in Saudi-Arabien für Angriffe in diesen beiden Feldzügen zu untersagen. Im Jahr 2003 zogen die Amerikaner ihre Streitkräfte schließlich vollständig aus dem Land ab. Für die saudische Regierung seien sie am Ende ohnehin mehr eine Quelle von Unsicherheit als von Sicherheit gewesen, schrieb kürzlich Flynt Leverett, ein früherer Direktor des Nationalen Sicherheitsrates in Washington. Denn die Terroristen der Al Qaida, die in Saudi-Arabien seit zwei Jahren Anschläge verüben, rechtfertigen ihre Taten auch damit, daß sie das Land der heiligen Stätten Mekka und Medina von ausländischer „ungläubiger“ Präsenz reinigen wollten.
Aus strategischer Sicht hat sich auch die Lage im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins wenig vorteilhaft für das saudische Königshaus entwickelt. Zwar ist die Bedrohung durch den Diktator in Bagdad verschwunden. Im Irak könnte sich neben Iran aber ein zweiter Staat am Golf entwickeln, der von islamistischen Schiiten geführt wird. Und daß der Irak zu einem Hauptschauplatz und Ausbildungsort sunnitischer Terroristen geworden ist, dürfte ebenfalls nicht im Sinne der Herrscher in Riad sein, die über eine mehrheitlich sunnitische Bevölkerung gebieten. Immer wieder werden junge saudische Dschihadisten im Irak festgenommen, die dort auch das Handwerk für Anschläge in ihrem Heimatland erlernen.
Saudische Kultur als Maßstab
Für die Führung in Washington ist wiederum schwierig, daß Saudi-Arabien nicht gerade ein Musterverbündeter ist, wenn es um die Demokratisierung geht, den neuen Schwerpunkt amerikanischer Außenpolitik zur politischen Bekämpfung des Terrorismus in der islamischen Welt. Bei ihrem jüngsten Besuch in Riad im Juni wurde Außenministerin Rice kühl darauf hingewiesen, daß die saudische Kultur der Maßstab für künftige Reformschritte sei, nicht Forderungen aus dem Ausland.
Daß in dem Königreich im Februar erstmals Kommunalwahlen stattfanden, wurde in Amerika zwar zur Kenntnis genommen, wegen des Ausschlusses der Frauen aber nicht so honoriert, wie es sich das saudische Herrscherhaus vielleicht erhofft hatte. Statt dessen beschuldigten amerikanische Nichtregierungsorganisationen die saudische Regierung kürzlich, sie benutze Moscheen und Kulturzentren in den Vereinigten Staaten, um Haß und Ablehnung gegen Nichtmuslime zu schüren. Und ein Staatssekretär im Finanzministerium sagte im vergangenen Monat im Kongreß, saudische Stiftungen und Privatleute finanzierten immer noch „terroristische Organisationen und die Ideologie zur Förderung des Terrorismus“.
Zweifelhafter Wechsel in Washington
Auch das Öl bietet immer wieder Anlässe für Reibungen. Saudi-Arabien war Ende vergangenen Jahres der größte Rohöl-Lieferant der Vereinigten Staaten. Auf den Gedanken, das Öl wie in den siebziger Jahren als „Waffe“ zu benutzen, kommt derzeit in Riad zwar niemand, weil auch die Saudis ein Interesse an geregelten Einkünften haben. Präsident Bush konnte Kronprinz Abdullah im Frühjahr aber trotzdem nicht dazu bewegen, die Förderquoten kurzfristig zu erhöhen, um den starken Anstieg der Öl- und Benzinpreise in Amerika etwas zu dämpfen. Die Ungewißheiten im Verhältnis zu Washington haben vielmehr dazu geführt, daß Saudi-Arabien neue Absatzmärkte sucht und unter anderem an einem Ausbau seines China-Geschäftes interessiert ist.
Wie ein Symbol für den Wandel der Beziehungen erscheint die Neubesetzung des saudischen Botschafterpostens in Washington. Nach 22 Jahren wurde im Juli Prinz Bandar Bin Sultan abgelöst, ein Mann, der gute persönliche Beziehungen zu Präsident Bush unterhielt und schon bei den Vorbereitungen zum ersten Golfkrieg eine wichtige Rolle gespielt hatte. Sein Nachfolger ist Prinz Turki al Faisal, früher Botschafter in London und zuvor Leiter des saudischen Geheimdienstes. Er war von Hinterbliebenen der Opfer des 11. September in Amerika angeklagt worden, weil die saudischen Behörden die Operationen von Al Qaida ignoriert hätten. Die Klage wurde abgewiesen. Es halten sich aber Gerüchte, der Prinz habe früher unklare Verbindungen zu Bin Ladin und den Taliban gehabt.
Nikolas Busse Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.
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