03.07.2005 · Wenige Tage nach Vorstellung einer neuen Fahndungsliste in Saudi-Arabien sind schon vier der 36 gesuchten Terroristen entweder getötet oder verhaftet worden. Riad bekämpft erfolgreich Terroristen. Nicht jedoch ihr Umfeld.
Von Rainer Hermann, RiadWenige Tage nach Vorstellung einer neuen Fahndungsliste in Saudi-Arabien sind schon vier der 36 gesuchten Terroristen entweder getötet oder verhaftet worden. An diesem Sonntag wurde in Riad der Marokkaner Yunus Muhammad al Hajjari bei einem Gefecht zwischen der saudischen Polizei und islamistischen Extremisten getötet.
Al Hajjari galt als einer der wichtigsten Gesuchten auf der neuen Liste. Am Freitag war ein weiterer Terrorverdächtiger, der sich im Libanon den Behörden gestellt hatte, an Saudi-Arabien ausgeliefert worden. Zudem berichtete die Zeitung "al Hayat", zwei der Gesuchten seien in der irakischen Rebellenhochburg Falludscha getötet worden.
Nicht mehr als kurzfristiges Phänomen betrachtet
Mit der Veröffentlichung der neuen Fahndungsliste ist die Terrorbekämpfung Saudi-Arabiens in der vergangenen Woche in eine neue Phase getreten. Von den 26 Terroristen der ersten Liste vom Dezember 2003 wurden mindestens 24 verhaftet oder in Kämpfen getötet. Die Bekanntgabe der zweiten Liste mit 36 weiteren Namen zeige, daß die saudischen Sicherheitskräfte die Terrorbekämpfung in unveränderter Intensität fortsetzten und daß Saudi-Arabien den Terror nicht mehr als kurzfristiges Phänomen betrachtet, sagen Gesprächspartner in Riad.
Die Gesuchten auf der zweiten Liste seien weniger gefährlich als die auf der ersten, sagt der pensionierte Polizeioffizier Abdullah al Kaeed. Die 26 der ersten Liste waren noch im Gebrauch von Schußwaffen und Sprengstoff gut ausgebildet. Ihr wichtigster Führer Abdulaziz al Muqrin hat in Afghanistan, Tschetschenien und Bosnien gekämpft. Mutmaßlich seien nicht alle Gesuchten auf der zweiten Liste Mitglieder von Al Qaida, alle seien aber Dschihadisten, sagt al Kaeed. Identifiziert wurden sie anhand der Unterlagen, die bei den verhafteten oder getöteten Terroristen der ersten Liste gefunden worden waren.
Nur noch kleine Terroranschläge erwartet
Nicht einmal die Terroristen der ersten Liste hätten über Führungsqualitäten verfügt, sagt Generalleutnant Mansour al Turki, der Sprecher des Innenministeriums. Sie waren nicht Strategen des Terrors, sondern beteiligten sich selbst an den Kämpfen; viele von ihnen wurden dabei erschossen. Je stärker sie der Verfolgung durch die Sicherheitskräfte ausgesetzt waren, desto einfachere Ziele mußten sie sich wählen. Zuletzt griffen sie nur noch einzelne Polizisten an.
Innenminister Nayef Bin Abdulaziz sagte daher, der Kampf gegen den Terror sei noch nicht gewonnen. Er erwarte aber nur noch kleine Terroranschläge.
Breite Ablehnung des Terrorismus
Mehr als 90 Zivilisten und mindestens 40 Polizisten wurden in Saudi-Arabien in den vergangenen zwei Jahren bei Terroranschlägen getötet. Heute sei die Hauptstadt Riad, wo es die meisten Anschläge gab, jedoch wieder sicher, hebt Turki al Sudairi hervor, der Chefredakteur von "al Riyadh" ist, der Zeitung mit der höchsten Auflage in Saudi-Arabien. Seit zwei Jahren hätten nun die Sicherheitskreise das Heft in der Hand und gingen gegen die Terroristen vor, die die Initiative verloren. Auch auf dem Weg aus dem Stadtzentrum zur Redaktion der Zeitung sind die großen Anzeigentafeln zu sehen, mit denen die Regierung eine nationale Aufklärungskampagne gegen den Terror begonnen hat.
Sie zeigen die Zerstörungen an Anschlagsorten wie Riad, Chobar und Yanbu. In großen Buchstaben müssen sich die Passanten fragen lassen: "O mein Vaterland! Haben das deine Söhne getan?" Möglich geworden sei der Erfolg im Kampf gegen den Terror, weil die Terroristen in der saudischen Gesellschaft kaum Unterstützung fänden und diese auch nicht repräsentierten, sagt General al Turki. Die Gesellschaft und die meisten Geistlichen lehnten den Terror ab. Auch widerlege die Bereitschaft der Polizisten, sich in Straßenkämpfen den Terroristen zu stellen, die Behauptung, die Sicherheitskräfte seien von den Terroristen unterwandert.
Terrorbekämpfung als Spatzenjagd
Unbestritten ist unter allen Gesprächspartnern in Riad der Erfolg der Sicherheitskräfte im Kampf gegen die Terroristen. Der allein reiche aber nicht, sagt der frühere Polizeioffizier al Kaeed. Noch immer schieße die Regierung nur einzelne Spatzen ab, sie kümmere sich aber nicht um das Nest, das sie hervorbringe, sagt der Sicherheitsfachmann. Die Sicherheitskräfte kämpften weiterhin alleine. Auch andere Ministerien, wie die für Erziehung oder Information, müßten sich endlich daran beteiligen, fordert er.
Denn die meisten saudischen Muslime glaubten an den Dschihad, und Lehrer in den staatlichen Schulen brächten den Kindern die Dschihad-Version von Al Qaida nahe, sagt al Kaeed. Sie wollten gegen die Dominanz der Vereinigten Staaten vorgehen; dabei sei es nur ein Schritt, um zur Gewalt zu greifen. Nicht der Lehrplan sei in den Schulen das Problem, sagt Muhammad al Hulwa, Professor für Politikwissenschaft und Mitglied des Madschlis al Schura, der saudischen Form des Parlaments. Zudem habe die Überarbeitung der Lehrpläne begonnen.
Radikale Lehren außerhalb der Schulen
Mehr Einfluß habe aber, daß radikale Lehrer bei Veranstaltungen außerhalb der Schule die Kinder indoktrinierten, etwa in den Sommerlagern. Zudem hetzen nach den offiziellen Gebeten radikale Prediger in "Gesprächen" in kleinem Kreis ihre Zuhörer gegen den Westen und die eigene Regierung auf. Mehrere tausend von ihnen hat die Regierung daher für die Dauer einer "Umerziehung" von ihren Tätigkeiten suspendiert.
Die Grenze zwischen den extrem wertkonservativen Muslimen, als die sich die Mehrheit der Bevölkerung Saudi-Arabiens sieht, und den Dschihadisten ist fließend wie der Wüstensand. Nicht Armut mache aus einem konservativen Muslim aktive Dschihadisten, sondern die Erziehung, sagt Chalil al Chalil, Professor für Erziehungswissenschaft an der Islamischen Universität Imam Muhammad Bin Saud. Dabei bedienen sich die radikalen Lehrer und Prediger einer reichhaltigen theologischen Literatur. Populär sind die Fatwas des Ibn Taimiya aus dem 13. Jahrhundert und die Pamphlete des 1966 hingerichteten Ägypters Sayyid Qutb.
Gefahr durch Religionspolizei
Ibn Taimiya hatte erstmals zu einem Dschihad gegen muslimische Herrscher aufgerufen; damals waren es die islamisierten Mongolen. Qutb verglich den Zustand der heutigen Welt des Islam mit dem vor dem Islam. Das Vorbild der modernen Dschihadisten ist der Prophet Muhammad, der mit seinen siegreichen Kämpfen eine Kettenreaktion verursacht hatte, die zur Errichtung des islamischen Weltreichs führte. Heute wollen die Dschihadisten, inspiriert durch ihren Sieg über die sowjetische Armee in Afghanistan, ebenfalls eine solche Reaktion auslösen.
Dennoch sieht al Chalil, der ebenfalls Mitglied im Madschlis al Schura ist, nicht in den Dschihadisten das Problem. Denn die Sicherheitskräfte können sie leicht identifizieren. Gefährlicher seien die staatlichen religiösen Institutionen, die die "falschen Signale" aussendeten, sagt der Wissenschaftler. Zu ihnen zählt er den "Hohen Rat der Ulama", aber auch die mehr als tausend Richter, die wegen des religiösen Rechtssystems in erster Linie Theologen sind, sowie die Religionspolizei ("Mutawwa"). Letztere habe allein im vergangenen Jahr 400.000 Personen vorübergehend festgenommen. Ihre Macht beruhe auf Einschüchterung.
Polizei und Justiz unterwandert
Besorgt ist Chalil, daß die Aktivitäten der Mutawwa in den vergangenen drei Jahren erheblich zunahmen. Nichts trügen sie zur Bekämpfung des Terrors bei, obwohl sie über ein großes Budget wie 360 Büros im ganz Land verfügten und die Szene der Dschihadisten kennen, klagt der liberale Saudi. Ferner kritisiert er, daß die Regierung nichts tut, um die Macht der Mutawwa einzuschränken. Er aber fordert eine "Reform der formalen religiösen Institutionen von A bis Z" und den Aufbau von neuen Einrichtungen, die diese letztlich ersetzen sollen.
Al Chalil ist überzeugt davon, daß die Mutawwa und die Justiz von den im geheimen operierenden Gruppen unterwandert sind, die etwa für den Irak Dschihadisten rekrutieren. Die bekannteste dieser Gruppen beruft sich auf Scheich Muhammad al Surur, der in Medina predigte, und sie nennt sich "Surur-Bewegung" (al haraka al sururiya). Aus diesen Gruppen kommen wiederholt Angebote, zwischen den Dschihadisten und den Sicherheitskräften zu vermitteln, etwa von dem Prediger Safar al Hawali. Innenminister Nayef hat diese Angebote stets entschieden zurückgewiesen.
Weniger gefährlich als die Rückkehrer aus Afghanistan
Verhaftet wurden in den vergangenen drei Jahren 2000 bis 3000 Dschihadisten. Mindestens ebenso viele seien noch auf freiem Fuß, schätzt al Kaeed. Nicht wenige von ihnen haben sich aufgrund ihres eingeschränkten Aktionsradius ins Ausland abgesetzt. 15 der 36 Gesuchten der neuesten Fahndungsliste hielten sich mutmaßlich nicht in Saudi-Arabien auf, teilt das Innenministerium mit. Auf bis zu 3000 saudische Bürger könnten sich im Irak den Aufständischen angeschlossen haben, schätzen saudische Fachleute. Mit Polizei- und Hubschrauberpatrouillen sowie mit Grenzgräben versuchen die Sicherheitskräfte, Grenzübertritte zu verhindern.
Sollten die Dschihadisten eines Tages zurückkommen, seien sie jedoch weniger gefährlich als die Rückkehrer aus Afghanistan, sagt General al Turki. Die Kämpfer in Afghanistan hätten die Unterstützung der gesamten islamischen Welt gehabt. Sie seien von den Vereinigten Staaten mit Waffen und Geld versorgt worden, zuletzt hätten sie in Afghanistan sogar regiert. Die Dschihadisten im Irak genössen jedoch keine staatliche Unterstützung, im Irak würden sie verfolgt, und bei einer Rückkehr träfen sie auf gut vorbereitete saudische Sicherheitskräfte.
Als die Dschihadisten vor zwei Jahren in Saudi-Arabien eine Anschlagsserie begannen, war das Land zunächst schockiert. Der Terror habe aber zu keinem Zeitpunkt die Stabilität des Landes gefährdet, stimmen ausländische Beobachter überein. Solange aber die Regierung nicht auch das ideologische Umfeld reinige, werde es weiter Anschläge geben. Heute sind die Sicherheitskräfte die Jäger und die Dschihadisten die Gejagten. In den großen Städten Saudi-Arabiens ist der Terror daher kein dominierendes Thema mehr.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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