06.08.2004 · Die saudische Polizei hat Faris Ahmad Zahrani, einen der meistgesuchten Islamisten des Landes verhaftet. Zahrani gilt zwar nicht als ein operatives Mitglied von Al Qaida, aber als deren ideologischer Anführer.
Von Rainer HermannOffenbar war Faris Ahmad al Zahrani doch nicht vorsichtig genug. Nur 24 Stunden vor seiner Festnahme war er in Abha angekommen - in einer Stadt, die er gut kannte. Denn hier hatte er an der "Fakultät für Scharia" der Islamischen Universität Imam Muhammad Bin Saud studiert. Im Sommer kommen viele Saudis aus dem heißen Tiefland in diese etwas kühlere Berggegend nahe der Grenze zum Jemen.
Im vergangenen Dezember hatte die saudische Regierung eine Liste mit den Namen der 26 am meisten gesuchten saudischen Terrorverdächtigen veröffentlicht. Vor der Verhaftung Zahranis war sie schon auf 13 Namen geschrumpft. Unter ihnen waren noch drei islamische Theologen. Zahrani war einer von ihnen und zudem der wichtigste. Er galt als der Ideologe der "Organisation Al Qaida für die Arabische Halbinsel". Regelmäßig schrieb er im Internet auf Websites, die Al Qaida nahestehen. Vor vier Wochen hatte er sich noch damit gebrüstet, daß er vorsichtig genug sei, um einer Verhaftung zu entgehen.
Rückzugsgebiet für Extremisten
Daß sich Zahrani nach Abha in die Provinz Asir begeben hatte, war nicht zufällig. Al Qaida hatte in der Vergangenheit in den Provinzen Asir, Dschisan und Nadschran ungewöhnlich viele islamistische Extremisten rekrutiert. Die Region liegt weit von der Hauptstadt Riad entfernt und ist von dieser stets vernachlässigt worden. Auch eignet sie sich aufgrund ihrer Topographie als Rückzugsgebiet für Extremisten sowie für den Transit von Waffen und Drogen.
Wer als "arabischer Afghane" vom Kampf gegen die sowjetische Armee zurückgekehrt war, ließ sich entweder auf der saudischen Seite der Grenze zum Jemen nieder, oder er ging gleich in den Jemen. Erwiesen ist, daß die Attentäter auf das amerikanische Kriegsschiff "USS Cole" Beziehungen in den Südwesten Saudi-Arabiens hatten und daß mutmaßlich 12 der 19 Attentäter des 11. September aus den südwestlichen Regionen Saudi-Arabiens stammten.
Amnestie abgelehnt
Zahrani mußte sich in der Region sicher gefühlt haben. Noch im Juli hatte er die Amnestie abgelehnt, die das saudische Königshaus den islamistischen Extremisten angeboten hatte. Nur sechs hatten davon Gebrauch gemacht, davon hatte einer auf der Liste der 26 gestanden. Die bekanntesten der sechs waren Fausan Ibn Nasser al Fausan, der sich in Damaskus der saudischen Botschaft stellte, und Fajes al Dosari, der in Taif von der Amnestie Gebrauch machte.
Ihnen wurde zugesagt, daß die Todesstrafe nicht gegen sie verhängt wird. Der Sender Al Dschazira berichtete, daß Safar al Hawali, der einmal selbst mit seinen wortgewaltigen Predigten gegen das Haus Saud gehetzt hatte, Zahrani nahegelegt habe, sich zu ergeben. Er werde sich nie einem Tyrannen ergeben, schrieb Zahrani im Internet.
Ideologischer Anführer
Der 30 Jahre alte Zahrani stand auf der Liste zwar nur an 11. Stelle. Auch galt er nicht als ein operatives Mitglied von Al Qaida, aber als deren ideologischer Anführer. Er brachte die traditionelle wahhabitisch-islamische Theologie mit dem Aufruf zum Dschihad zusammen. Innerhalb der "Organisation Al Qaida für die Arabische Halbinsel" soll er der "wissenschaftlichen Kommission" vorgestanden haben. Im Internet hatte er sechs Bücher veröffentlicht.
Ein saudischer Beamter sagte, Zahrani hätte die Menschen, die seine Ideen ablehnten, als "Ungläubige" verurteilt. Auch die Tötung saudischer Sicherheitskräfte habe er gutgeheißen. Mit der Verhaftung Zahranis hat die saudische Regierung die Schlinge um die Extremisten enger gezogen. Zugleich hofft sie, mit politischen Reformen Al Qaida Wind aus den Segeln zu nehmen.
Erst am Donnerstag hat sie den Zeitplan für die ersten Kommunalwahlen bekanntgegeben. Jedoch ist nicht sicher, daß nicht auch die Sympathisanten Zahranis profitieren werden. Zum einen können sie sich in die Stadträte wählen lassen, zum anderen werden die Wahlen den altvorderen Theologen die Gelegenheit bieten, die Reformer mit dem Wort "Säkularisten" zu diskreditieren, das in den Ohren vieler Saudis wie ein Schimpfwort klingt.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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