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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Sarah Palin Der wilde Lachs mit dem zahnarztweißen Lächeln

 ·  Sarah Palin ist wieder da. Sie tourt durch Amerika, durch die Fernsehshows des Landes und veröffentlicht ihre Autobiographie. Aller Zwiespältigkeit zum Trotz, die Amerika ihr gegenüber empfindet: Palins Einfluss auf die Republikanische Partei sollte man nicht unterschätzen.

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Sarah Palin ist wieder da. Und zwar auf allen Kanälen. Den telegenen Gipfel erklimmt die einstige Gouverneurin von Alaska und republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin von 2008 schon an diesem Montag. Dann nämlich wird vom Sender CBS das ausführliche Interview mit Amerikas unbestrittener Talkshow-Königin Oprah Winfrey ausgestrahlt. Am Dienstag dann beginnt bei ABC die Ausstrahlung des fünfteiligen Interviews Sarah Palins mit Barbara Walters, der inzwischen 80 Jahre alten Grande Dame des amerikanischen Nachrichtenjournalismus, im Fernsehen. Beim konservativen Nachrichtenkanal Fox News wird Palin in den Sendungen von gleich drei Spitzenmoderatoren auftreten: bei Sean Hannity, Bill O'Reilly und Greta van Susteren. Und natürlich erscheint am Dienstag endlich, endlich die gut 413 Seiten starke Autobiographie Sarah Palins mit dem Titel „Going Rogue. An American Life“.

Das Buch, in dem die 45 Jahre alte Politikerin ihre Lebensgeschichte erzählt und ihr nationales Image von der konservativen Rebellin aus einer kleinen Stadt in Alaska namens Wasilla poliert, ist freilich schon ganz ohne die Unterstützung von Winfrey, Walters und Konsorten zum Bestseller geworden. Dem Vernehmen nach hat der Verlag Harper Collins eine Startauflage von gut anderthalb Millionen Exemplaren gedruckt. Die dürfte bald vergriffen sein. Denn seit Monaten - im Mai wurde Sarah Palins Vertrag mit Harper Collins bekannt - steht das Buch auf Spitzenplätzen beim Versandhändler Amazon und bei den nationalen Buchketten Barnes and Noble und Borders: Allein die Vorbestellungen machen es möglich. Wenn dann die ersten Tantiemen abgerechnet werden, dürfte der geschätzte Vorschuss für Sarah Palin in Höhe von mindestens 1,25 Millionen Dollar schon bald überschritten werden. Der Erscheinungstermin des Buches konnte sogar vom kommenden Frühjahr auf diesen Dienstag vorverlegt werden: Die einstige Sportjournalistin schrieb offenbar so fleißig, dass das anhaltende Interesse am höchst umstrittenen Frauenwunder der politischen Saison 2008 schon frühzeitig vergoldet werden kann.

Dazu trägt die Autorin nicht nur mit der Tour durch Amerikas virtuelle Fernsehlandschaft bei, sondern auch mit einer Bustour durch Amerikas wirkliche Herbstlandschaften in den Zeiten der Rezession. Stationen der Reise, die am Mittwoch in Grand Rapids in Michigan beginnt, sind nicht die üblichen Metropolen, sondern Klein- und Mittelstädte wie Fort Wayne in Indiana oder Plano in Texas. Auf dem Bus prangt der überdimensionierte Umschlag des Buches, auf dem die Politikerin, die ein linker Kritiker einmal als „lächerlich attraktiv“ beschrieben hat, mit zahnarztweißem Lächeln und optimistischem Zukunftsblick zu sehen ist.

Palin stellt sich abermals der Prüfung durch das amerikanische Volk

Das sieht alles aus wie im Wahlkampf vor Jahr und Tag, und eine politische Werbekampagne ist es auch. Denn Sarah Palin, die nach dem kometenhaften Aufstieg vom Parteitag der Republikaner am 3. September mit ihrer sensationellen nationalen Jungfernrede bis zur schmerzhaften Wahlniederlage neben John McCain am 4. November die Höhen und Tiefen eines Politikerlebens im Zeitraffer durchlebt hat, stellt sich abermals der Prüfung durch das amerikanische Volk. Vollends in der Versenkung verschwunden war Sarah Palin nach ihrem überraschenden Rücktritt als Gouverneurin von Alaska vom 3. Juli. Seinerzeit erschienen schon die ersten Nachrufe auf Sarah Palin, die wie kaum eine andere politische Figur der letzten Jahre höchst widersprüchliche und polarisierende Reaktionen hervorgerufen hat. Für die schnaubende Linke war und ist sie eine bigotte Hysterikerin mit sehr beschränkten intellektuellen und politischen Fähigkeiten. Für die verwaiste Rechte war und ist sie eine aufrechte, blitzgescheite Patriotin mit dem Zeug zur nationalen Führung in den Fußstapfen Ronald Reagans.

Wer aber ist Sarah Palin wirklich? Was kann die fünffache Mutter, die passionierte Jägerin und Anglerin in der nationalen Politik noch erreichen - womöglich schon im Präsidentenwahljahr 2012? Mit ihrer Autobiographie, deren Titel das Rebellentum der Provinz gegen die linke Metropolenelite zelebriert und gemäß Untertitel schlicht ein Bericht über „ein amerikanisches Leben“ sein soll, versucht Sarah Palin den öffentlichen Diskurs über ihr persönliches und politisches Leben zurückzuerobern. Denn der war nach der Wahlniederlage ihrer Kontrolle vollständig entglitten.

Nicht von Sarah Palin, sondern vom Fast-Schwiegersohn Levi Johnston war die Rede, der nach der Trennung von der ältesten Tochter Bristol und dem gemeinsamen unehelichen Sohn Tripp den geliehenen Glanz des Wahljahres seinerseits zu vergolden suchte - vom Waschen schmutziger Familienwäsche aus dem Hause Palin in bezahlten Interviews bis zu Fotoaufnahmen in dürftiger Bekleidung für Hochglanzmagazine. Über angebliche Eheprobleme der Palins berichteten die Medien statt über Frau Palins Ansichten zur Regierungsarbeit des neuen Präsidenten Obama. Hinzu kamen finanzielle Probleme, denn die bis heute nicht abgeschlossenen Verfahren wegen des Vorwurfs des Amtsmissbrauchs als Gouverneurin von Alaska verschlangen Hunderttausende. Als vorläufiger Tiefpunkt, ja möglicher Schlusspunkt der politischen Karriere Sarah Palins schließlich wurde der überraschende Rücktritt vom Gouverneursamt in der Hauptstadt Juneau am 3. Juli beschrieben: Wer schon nach gut der Hälfte der Amtszeit aufgibt, so hatte es weithin geheißen, ist offenbar zu schwach für ein bisschen politischen Gegenwind und nimmt zudem das Mandat der Wähler für eine volle Amtszeit nicht ernst.

Nicht zu unterschätzender Einfluss

Doch jetzt ist Sarah Palin wieder da. Die Geldnöte dürften nur noch eine leise Erinnerung sein: Neben dem Vorschuss fürs Buch ließen allerlei Redeverpflichtungen von Hongkong bis Washington die Familienkasse klingeln. Ehemann Todd ist wie eh und je an Sarah Palins Seite. Vom Enkelsohn Tripp, der Ende Dezember ein Jahr alt wird, erzählt die junge Oma voller Stolz und Liebe, und sogar den entfremdeten Kindsvater Levi Johnston würden die Palins jederzeit wieder mit offenen Armen empfangen. Auf Oprah Winfreys nationalem Beichtsofa klang Sarah Palins Versöhnungsangebot an Levi Johnston so: „Ich glaube, er muss verstehen, dass er geliebt wird, dass er das wunderbarste Kind hat und dass alles wieder gut werden kann. Das kann es wirklich. Wir brauchen dieses ganze Drama und den Streit nicht, wirklich nicht.“ Was aber Sarah Palins politisches Gewicht und ihren Einfluss auf den Richtungsstreit und die Führungssuche in der Republikanischen Partei betrifft, so darf man beides nicht unterschätzen.

Gerade von unabhängigen Wählern werden Obama und seine Mannschaft in Washington schon lange nicht mehr als die Garanten des im Wahljahr verheißenen politischen Wandels betrachtet. Wie die jüngsten Wahlsiege der Republikaner bei den Gouverneurswahlen in Virginia und New Jersey gezeigt haben, die vor allem dem massenhaften Richtungswechsel der Unabhängigen zu schulden war, gelten die Demokraten im Weißen Haus und im Kongress weithin wieder als Teil des immer gleichen politischen Establishments in Washington, das den Schuldenberg immer weiter wachsen lässt und das Haushaltsloch immer tiefer gräbt. Im Streit um die Gesundheitsreform war es Sarah Palin mit einem dürren Eintrag auf ihrer Facebook-Seite, die über Wochen hin die Debatte über die sogenannten „Todesausschüsse“ prägte und den Widerstand der Republikaner gegen die geplante Mammutreform anfeuerte. Zumal die konservativen Stammwähler der Republikanischen Partei sind von Sarah Palin nach wie vor begeistert.

Was in Sarah Palins monumentaler Autobiographie steht, haben Verlag und eingeweihte Medien strikt geheim gehalten. Man weiß nur, dass es eine Abrechnung mit dem Wahlkampfstab des Präsidentschaftskandidaten John McCain gibt, der nach der Wahlniederlage seinerseits mit Palin abgerechnet hatte. Und man weiß, dass Sarah Palin unbeirrt an ihrem Wahlspruch festhält: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. In dieser Bildsprache wäre Sarah Palin ein quicklebendiger wilder Lachs aus Alaska.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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