Home
http://www.faz.net/-gq5-vcjg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Saif al Islam Gaddafi Der Exzentrische

12.08.2007 ·  Offen wie nie kritisiert Saif Gaddafi die Zustände in Libyen. Sogar den Vater, dem niemand öffentlich zu widersprechen wagt, korrigierte er vor laufenden Kameras. Mit der schonungslosen Kritik spricht er offenbar vielen jüngeren Libyern aus dem Herzen. Von Hans-Christian Rößler.

Von Hans-Christian Rößler
Artikel Bilder (3) Video (1) Lesermeinungen (1)

Statt dunkler Anzughose trägt er lieber Markenjeans, und den Hemdkragen lässt er gerne offen. Saif al Islam Gaddafi liebt den lässigen Auftritt. Was er aber in dieser Woche ausländischen Journalisten erzählte, war alles andere als eine belanglose Plauderei. „Ja, sie wurden mit Elektroschocks gefoltert, und ihnen wurde gedroht, ihren Familien werde etwas zuleide getan“, sagte der Sohn des libyschen Revolutionsführers über die fünf bulgarischen Krankenschwestern und den Arzt palästinensischen Ursprungs, die bis vor kurzem in libyscher Haft waren - unschuldig, wie er freimütig eingestand: Die mehr als 400 Kinder seien schon vor ihrer Ankunft in Libyen mit dem Aids-Erreger HIV infiziert worden. Libyen und die Europäer hätten sich halt jahrelang nur gegenseitig erpresst.

In wenigen Sätzen ließ der 35 Jahre alte Saif al Islam („Schwert des Islam“) alle Gründe für einen Konflikt in sich zusammenfallen, der die Beziehungen zwischen Libyen und dem Westen acht Jahre schwer belastete - und acht Ausländer um ein Haar vor ein Erschießungskommando gebracht hätte. Saif Gaddafi ist für seine Offenheit bekannt, aber so weit wie jetzt wagte er sich bisher noch nicht vor. Denn es war sein Vater Muammar Gaddafi, der die Parole ausgegeben hatte, das ausländische Krankenhauspersonal habe „im Auftrag von Mossad und CIA“ die Kinder in Bengasi absichtlich infiziert. Niemand in Libyen wagte bisher, ihm öffentlich zu widersprechen, bis Saif Gaddafi ihn jetzt vor laufenden Kameras korrigierte und fast wie einen Lügner dastehen ließ.

Vom Dandy zum Staatsmann

Acht Kinder hat Muammar Gaddafi, aber nur sein ältester Sohn aus der (zweiten) Ehe mit einer früheren Krankenschwester scheint in politischen Fragen so sehr sein Vertrauen zu genießen wie Saif. Es waren jedoch auch bei Saif exzentrische Vorlieben und Beschäftigungen, die in der Familie weit verbreitet zu sein scheinen, denen er im Ausland seine erste Bekanntheit verdankte. So wollte Saif Gaddafi auf die Gesellschaft seiner beiden weißen Tiger Freddo und Barny auf keinen Fall verzichten, als er Ende der neunziger Jahre zu einem Wirtschaftsstudium nach Wien kam. Erst nach erheblichen diplomatischen Verwicklungen fanden die beiden Raubtiere im Schönbrunner Zoo Asyl.

Saifs Bruder Saadi wiederum versuchte sich - erfolglos - in Italien als Profifußballer; Schwester Aisha gehörte zu den Verteidigern Saddam Husseins. Der jüngere Bruder Hannibal wurde in Paris zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er seine schwangere Freundin krankenhausreif geschlagen hatte.

Im Unterschied zu seinen Geschwistern aber machte Saif Gaddafi bald nicht mehr in der Boulevardpresse auf sich aufmerksam: Anstelle des Dandys gibt er schon seit einigen Jahren lieber den Staatsmann. Formell hat er aber in Tripolis kein Amt inne, worauf ein Regierungssprecher erst in der vergangenen Woche sichtlich genervt hingewiesen hatte.

Bei Freund Haider in Österreich

Das ist verständlich, denn immer wieder spielt die von Saif Gaddafi im Jahr 1997 gegründete Gaddafi-Stiftung eine wichtigere Rolle als das Außenministerium. Sie brachte zuletzt die Entschädigungslösung für die Familien der HIV-infizierten libyschen Kinder zustande, die es der Führung in Tripolis erst erlaubte, die zum Tode verurteilten Ausländer zu begnadigen und ausreisen zu lassen. Zuvor hatte die Stiftung eine wichtige Rolle gespielt bei der Entschädigung für die Opfer der Anschläge auf ein amerikanisches und ein französisches Verkehrsflugzeug über dem schottischen Ort Lockerbie und über Niger sowie des Attentats in der Berliner Diskothek „La Belle“; auch bei der Befreiung deutscher und anderer Geiseln auf der Insel Jolo hatte die Gaddafi-Stiftung gute Dienste geleistet.

Auf seinen Vermittlungsmissionen scheint es Saif Gaddafi zu helfen, dass er sich leichter in Europäer hineindenken kann als die Generation seines Vaters, die einst in Libyen Revolution machte und sich eher als arabische Nationalisten oder Befürworter der afrikanischen Einheit verstehen. Saif Gaddafi pendelt dagegen zwischen Libyen und Europa. In London besitzt er ein Haus, und in Österreich bezeichnet er den Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider als einen Freund, der ihn auch regelmäßig in Libyen besucht.

Seine Vertrautheit mit dem Westen könnte auch zu seinen jüngsten freimütigen Äußerungen beigetragen haben: Er wusste, dass es nach den zahlreichen Interviews, in denen die Bulgarinnen und der Palästinenser ausführlich ihre Misshandlungen schilderten, zwecklos war, die Vorwürfe zu leugnen.

Tripolis geht es um Gleichberechtigung

Als einen „Schlussstrich“ unter die Aids-Affäre bezeichnete er die jüngsten Eingeständnisse, denn im libyschen „Volksmassenstaat“ blickt man längst in die Zukunft. Nach Jahren der internationalen Isolation und der Sanktionen ist der Wunschzettel lang: Dass in der Endphase des jüngsten Konflikts Waffenkäufe in Frankreich von Bedeutung waren, hatte Saif Gaddafi selbst gesagt. Über ein Atomkraftwerk aus Frankreich verhandelte schon sein Vater mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Vor allem geht es Libyen aber darum, endlich als Partner ernst genommen zu werden und Europäern und Amerikanern gleichberechtigt gegenübertreten zu können.

Es mag an seiner Beschäftigung mit diesen politischen Hinterlassenschaften seines Vaters gelegen haben oder an seinen Erfahrungen während seiner Studienzeit in Wien und London: Saif Gaddafi, der neben Wirtschaftswissenschaften auch Architektur studiert hat, macht mittlerweile keinen Hehl daraus, dass das politische System Libyens, das sein Vater erfunden hat, nicht so weiterbestehen kann.

Schonungslos ist seine Kritik, mit der er offenbar jüngeren Libyern aus dem Herzen spricht. Sie haben genug von den kostspieligen politischen Experimenten ihrer Väter. Vor allem prangert Saif Gaddafi die Zustände in Gerichten und Gefängnissen an, unter denen nicht nur Ausländer, sondern auch viele Libyer zu leiden haben. Er fordert mehr Rechtssicherheit und verlangt, die marode Staatswirtschaft durch eine soziale Marktwirtschaft zu ersetzen. Dabei lässt er sich auch von einem Harvard-Professor beraten; auch bei moderaten Islamisten finden seine Ideen angeblich Anklang.

„Ich habe keine politischen Ambitionen“

Nur seinen Vater greift er nie direkt an. Er nennt ihn einen Seher und ein Vorbild, mit dem er aber manchmal auch Meinungsverschiedenheiten habe: So könne er sich nicht recht für seine Tiger begeistern, weil er fürchte, sie fräßen ihn eines Tages auf, erzählte er einmal.

Muammar Gaddafi wirkt zwar manchmal müde und gelangweilt. Der dienstälteste Herrscher in der arabischen Welt, der erst 65 Jahre alt ist, denkt aber noch nicht ans Aufhören. Dass jedoch sein Sohn in der Zeit nach ihm eine wichtige Rolle spielen wird, scheint klar zu sein. Und Politikerdynastien sind auch in den Republiken der arabischen Welt nicht ungewöhnlich: In Syrien folgte Baschar al Assad seinem Vater im Präsidentenamt nach. Gamal Mubarak, der Sohn des ägyptischen Präsidenten Mubarak, machte schon seinen Antrittsbesuch im Weißen Haus. Und wäre das Baath-Regime in Bagdad nicht gestürzt worden, hätte wohl einer seiner Söhne Saddam Hussein beerbt.

Trotz seiner Offenheit hat sich Saif Gaddafi über seine Zukunftspläne noch nicht ausführlicher geäußert. „Ich habe keine politischen Ambitionen. Ich träume nicht davon, libyscher Präsident zu werden“, sagte er im vergangenen Jahr der österreichischen Zeitung „Die Presse“.

Tatsächlich interessiert er sich nicht nur für Politik. Von seinem Vater habe er die Neigung zur Religion und eine Vorliebe fürs Lesen geerbt, berichtete er einmal. Während der Revolutionsführer selbst gerne Bücher schreibt, malt Seif Gaddafi lieber. Über sein Privatleben verrät er nur wenig, außer dass er wenig ausschließt. Als „Gerüchte“ bezeichnete er zwar Meldungen, er sei mit der israelischen Schauspielerin Orly Weinerman liiert. Undenkbar sei es für ihn aber nicht, mit einer Frau aus Israel zusammen zu sein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.08.2007, Nr. 32 / Seite 12
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 2 3