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Saddams Hinrichtung „Fußnote in der irakischen Geschichte“

29.12.2006 ·  Noch ist unklar, wann Saddam Hussein gehenkt wird. Doch im amerikanischen Fernsehen laufen schon Beiträge über Hinrichtungsmethoden. Der einstige Triumph über die Verhaftung des Diktators ist indes längst verflogen. Matthias Rüb berichtet aus Washington.

Von Matthias Rüb, Washington
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Amerikanische Fernsehsender frischen seit einigen Tagen die Kenntnisse ihrer Zuschauer darüber auf, was mit den Nerven- und Blutbahnen zum Kopf, mit der Sauerstoffversorgung des Hirns und mit den Pumpbewegungen des Herzens geschieht, wenn ein Mensch gehenkt wird. Medizinische und forensische Fachleute erklären, warum das seit vielen Jahrhunderten als Exekutionsmethode praktizierte Hängen eigentlich keine grausame Form der Hinrichtung sei (die Nervenstränge im Genick werden in der Regel sofort abgetrennt, so daß kein Schmerz empfunden wird); warum der Hirntod wegen Sauerstoffmangels im Kopf früher eintritt (etwa nach drei Minuten), während das Herz noch (bis zu zehn Minuten) weiterschlagen kann; warum die Köpfe der Verurteilten beim Hängen in der Regel mit einer Kapuze verborgen sind (das unwillkürliche Grimassieren der Gesichtszüge soll nicht gezeigt werden).

In den Vereinigten Staaten wird in den 37 Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe vollstreckt wird, in den meisten Fällen mit der zuletzt umstrittenen Giftinjektion exekutiert. Henker werden nur noch in den Bundesstaaten Delaware, New Hampshire und Washington zur freilich selten praktizierten alternativen Hinrichtungsmethode gebraucht.

Zweifel am Verfahren

Weil Amerikaner seit der Wiederzulassung der Todesstrafe durch das Oberste Gericht im Juli 1976 mit Hinrichtungen im eigenen Land vertraut sind - in diesem Jahr wurden bisher 53 Todesurteile vollstreckt, so wenige wie zuletzt 1996 - und weil laut Umfragen nach wie vor etwa zwei Drittel der Amerikaner für die Todesstrafe sind, haben die Verkündung des Todesurteils gegen Saddam Hussein und die Berichte über dessen bevorstehenden Tod am Galgen in den Vereinigten Staaten keine nennenswerte öffentliche Debatte verursacht.

Video: Steht Saddams Hinrichtung kurz bevor?

Die linksliberale Tageszeitung „Washington Post“ bedauert in einem Kommentar vom Freitag zwar den unsauberen Prozeß gegen den ehemaligen Diktator. Doch auch ein rechtsstaatlich einwandfreies Verfahren hätte zu keinem anderen Urteil gegen einen Mann führen können, der so viel Blut an den Händen habe wie kein anderer unter den Lebenden - von Kim Jong Il vielleicht abgesehen, schreibt das Blatt. Die ebenfalls linksliberale „New York Times“ sieht die bevorstehende Hinrichtung Saddams als bloße Fußnote einer tragischen Entwicklung im Irak.

„Innerirakische Angelegenheit“

Die Proteste von Menschenrechtsorganisationen gegen das Verfahren und das Urteil gegen Saddam haben in der amerikanischen Öffentlichkeit kaum ein Echo gefunden. Auch der Aufruf der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Louise Arbour, das Urteil gegen Saddam wegen dringlich zu klärender Zweifel am Prozeßverlauf nicht übereilt zu vollstrecken, traf in Washington und anderswo in Amerika nicht auf Widerhall.

Das Weiße Haus und auch Außenministerin Condoleezza Rice haben den Prozeß gegen Saddam und dessen Ausgang als innerirakische Angelegenheit bezeichnet und die Hinrichtung als gerechte Strafe für den Diktator beschrieben. Außenministerin Rice wies gar europäische Verbündete zurecht, diese sollten sich mit ihrer harschen Kritik an dem Prozeß zurückhalten und die Souveränität des neuen Iraks auch in dessen Rechtsprechung anerkennen.

Verflogener Triumph

Schon bald nach der Festnahme Saddams am 13. Dezember 2003 verflogen aber die Hoffnungen, die Gefangennahme und das Verfahren gegen den gestürzten Diktator könnten dem sunnitischen Aufstand Moral und Kraft nehmen und die Befriedung des Landes beschleunigen. Gut drei Jahre später kann es als Konsens in der amerikanischen Regierung und Öffentlichkeit gelten, daß die Festnahme, das Verfahren und die Hinrichtung Saddams die Gewalt im Irak weder nennenswert befeuert noch auch eingedämmt haben.

„Meine Damen und Herren, wir haben ihn“, hatte der damalige Zivilverwalter Paul Bremer in Bagdad verkündet. Doch der Triumph, daß „der Tyrann ein Gefangener ist“, verflog rasch, und heute suchen Präsident George W. Bush und seine maßgeblichen sicherheitspolitischen Berater nach einem Ausweg aus der festgefahrenen, sich womöglich stetig verschlechternden Situation.

Der letzte Schritt vor der Hinrichtung

Seit ihrer Festnahme wurden Saddam und weitere Führungsfiguren des ehemaligen Regimes der Baath-Partei in einem amerikanischen Militärgefängnis am Bagdader Flughafen festgehalten. Von dort wurde Saddam unter strenger Bewachung zu den Verhandlungen vor dem irakischen Sondergericht in die abgeschirmte „Green Zone“ gebracht.

Das Sondertribunal für die Verbrechen des alten Regimes in Bagdad hatte Saddam, seinen Halbbruder Barsan al Takriti und den früheren Richter Awad al Bandar am 5. November wegen der Ermordung von 148 angeblichen Verschwörern in der schiitischen Kleinstadt Dudschail im Jahre 1982 zum Tode durch den Strang verurteilt. Am vergangenen Dienstag bestätigte ein Berufungsgericht das Todesurteil, das nun nach geltendem Recht binnen 30 Tagen zu vollstrecken ist.

Die Übergabe von amerikanischem in irakischen Gewahrsam sollte der letzte Schritt vor der Hinrichtung Saddams und anderer in dem Völkermordprozeß Verurteilter sein. Noch ist unklar, ob Saddam und die beiden anderen Verurteilten schon an die Iraker zur Vollstreckung des Urteils übergeben wurden.

„Kein Fernsehen, keine Presse“

Der Nationale Sicherheitsberater der irakischen Regierung, Mowaffak al Rubaie, sagte am Freitag in Bagdad, über die Exekution werde die Öffentlichkeit erst unterrichtet, wenn sie vollzogen worden sei. „Kein Fernsehen. Keine Presse. Nichts“, antwortete al Rubaie auf die Frage, wer die Hinrichtung verfolgen werde. Die Exekution werde jedoch mittels Videoaufnahmen dokumentiert, die Aufnahmen würden aber nicht ausgestrahlt.

Anders als im Fall des in diesem Jahr im Gefängnis von Scheveningen verstorbenen serbischen Diktators Slobodan Milosevic, der sich nach amerikanischem Wunsch vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien der UN (ICTY) im holländischen Den Haag zu verantworten hatte, befürwortete Washington von Beginn an einen irakischen Sonderprozeß gegen Saddam. Die Verfahren vor dem ICTY gelten zwar als rechtsstaatlich tadellos, ziehen sich aber oft quälend in die Länge. Der Prozeß gegen Milosevic als den politisch Hauptverantwortlichen für Völkermord in Kroatien, Bosnien-Hercegovina und im Kosovo hätte noch viele Jahre gedauert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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