15.12.2003 · Saddam Hussein hat Gewalt gesät und ist durch Gewalt von seinem Thron gestoßen worden. Jetzt ist er bei Takrit gefangengenommen worden - nur Monate nachdem das Schicksal seine beiden Söhne Udai und Qusai ereilt hatte.
Von Wolfgang Günter LerchEr hat Gewalt gesät und ist durch Gewalt von seinem Thron gestoßen worden. Jetzt ist er bei Takrit gefangengenommen worden - nur Monate nachdem das Schicksal seine beiden Söhne Udai und Qusai ereilt hatte. Saddam Hussein, der - zunächst durchaus mit dem Segen des Westens, dann als dessen grimmer Feind - seine nahöstliche Region in Kriege gestürzt hat, ist selbst durch Krieg gestürzt worden, denn der Jubel im Irak, der in weiten Kreisen jetzt nach Empfang der jüngsten Nachrichten ausbrach, wäre nicht möglich, wenn die Bevölkerung das Regime und seine Rache noch fürchtete. Die Amerikaner aber haben nicht nur wahr gemacht, was sie anstrebten und versprachen: den Irak von seinem Tyrannen zu befreien, sie haben die gesamte Ordnung irreversibel umgestoßen. Was nun, nachdem der Tyrann endgültig aus dem Verkehr gezogen ist, kommen wird, muß sich zeigen.
Saddam Hussein al Takriti, Jahrgang 1937, hat seit 1979 alleine über den Irak, das alte Kulturland Mesopotamien, geherrscht. Seither war sein Name fast synonym gewesen für das System der irakischen Baath-Partei, die 1968 endgültig die Macht ergriffen und bis zu diesem Krieg nicht mehr aus den Händen gegeben hatte. Schon in seiner Jugend wurde der spätere Autokrat zum glühenden Nationalisten erzogen. Das geschah, als er, der Halbwaise, unter die Fittiche seines Onkels Chairallah Tulfah kam. Vor allem die politisch-revolutionären Vorstellungen der in den vierziger Jahren in Damaskus gegründeten Baath-Partei hatten es ihm angetan. Sie wollte alle Araber vom Atlantik bis zum Golf, die "arabische Nation" unter ihrem ideologischen Banner vereinigen, zunächst jedoch die Fremdherrschaft und ihren Einfluß abschütteln. Das war im Irak eine britische. Auch die Dynastie der Haschemiten, die seit 1932 über das Zweistromland herrschte, war den Nationalisten viel zu britisch. 1958 wurde sie von Abdal Karim Kassem gestürzt, der freilich viele Nationalisten schon bald zu enttäuschen schien.
Flucht nach Ägypten
Saddam Hussein schoß auf ihn, wurde verletzt und mußte über Syrien nach Ägypten fliehen. Dort studierte er offiziell Jura, war aber meistens im politisch-verschwörerischen Milieu der Exil-Iraker tätig. Die waren damals fast alle Anhänger der Baath-Partei oder irgendeiner anderen verwandten Ideologie. Saddam Hussein, ein damals eleganter, großer und schlanker junger Mann, nutzte den Sturz und Tod General Kassems 1963 sofort zur Rückkehr. Doch die zur Macht gelangte Baath-Partei wurde wieder vertrieben. Erst nach dem Interregnum der beiden Brüder Aref gelang ihr der Coup.
Obschon General Hassan al Bakr als Oberhaupt und Galionsfigur des neuen Regimes firmierte, lag die wirkliche Macht schon bald in den Händen Saddam Husseins und seines Clans, zu dem al Bakr allerdings ebenfalls gehörte. Bakr machte den Popanz, während Saddam Hussein die "Drecksarbeit" ausführte. Die Baath-Herrschaft war von der ersten Stunde an von periodischen Wellen der "Säuberungen" gekennzeichnet, bei denen auch einstige Sympathisanten und Kampfgefährten keineswegs vor der Exekution sicher waren. Der Staatschef legte auch schon einmal selbst dabei Hand an.
„Republik der Angst“
Die Baath-Partei modernisierte das Land zunächst unter Saddam, entwickelte sich freilich auch mehr und mehr zu jener "Republik der Angst", als die sie von Kanan Makkija (Pseudonym für lange Jahre: Samir al Khalil) gekennzeichnet worden ist. Kurden und Schiiten vor allem lehnten sich auf, stießen jedoch auf den Unterdrückungsapparat Saddam Husseins, der ebenso mitleidlos zuschlug wie die insgesamt sieben Geheimdienste. Auch der Personenkult, in ganz Arabien verbreitet, nahm im Irak Saddam Husseins geradezu gespenstische Formen an, die auch durch die Hinneigung des Systems zur Sowjetunion verstärkt wurden, ähnlich wie bei dem Baath-Rivalen in Syrien. Wie viele Menschen unter Saddam Hussein durch Kriege und innerstaatliche Unterdrückung ihr Leben verloren, werden Historiker künftig zusammenrechnen, doch geht die Zahl wohl, rechnet man die Kriege mit, in die Millionen.
Durch den Krieg gegen Iran, den Saddam Hussein im September 1980 nicht ohne westliche Sympathien und auch Zuspruch anfing, der acht Jahre dauerte und auf irakischer Seite 150 000, auf iranischer gar eine Million Menschenleben gekostet haben soll, dann durch den Überfall auf Kuweit am 2. August 1990 und die daraus folgende Niederlage in der "Mutter aller Schlachten" im Januar und Februar 1991 hat Saddam Hussein seine Herrschaft ruiniert. Er hat sich nicht allein die meisten arabischen Nachbarn endgültig zu Feinden gemacht, sondern besonders die Vereinigten Staaten von Amerika, die den weltlich eingestellten Herrscher am Tigris einstmals sogar als Gegengewicht gegen die iranischen Mullahs durchaus geschätzt hatten.
Die Amerikaner ließen ihm 1991 seinen Thron, um, wie es damals manchen schien, Schlimmeres zu verhüten: Chaos in Bagdad und die Machtergreifung durch iranisch inspirierte radikale Schiiten. Sogar die saudischen Todfeinde des irakischen Staatschefs hatten dafür geworben, im Irak kein Machtvakuum entstehen zu lassen. Lieber mit einem geschwächten Saddam Hussein als ohne ihn, hieß die Devise. General Schwarzkopf gebot auf Geheiß des Präsidenten George Bush seinen Truppen auf halbem Wege Halt. Die Vereinten Nationen versuchten seither, mit Hilfe von Resolutionen und Sanktionen den irakischen Diktator, der gegen Kurden und Perser Giftgas eingesetzt und damit etwa 30 000 Menschen getötet hatte, zu weiterer Abrüstung zu zwingen.
Doch 1998 trieben er und sein mafios verstricktes, durch Nepotismus und Verbrechen gefestigtes Regime die UN-Inspekteure endgültig aus dem Land. Wohl schon unmittelbar nach dem "11. September", mit dem er wohl nichts zu tun hatte, beschloß der neue Präsident, George W. Bush, nach der Niederringung der Taliban in Afghanistan auch das Regime Saddam Husseins zu stürzen. Ob Saddam Hussein, wie er vielleicht gehofft hatte, doch noch als Held (battal) in die arabische Geschichte eingehen wird, ist noch ungewiß, so ungewiß wie bei seinen Söhnen.