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Sachbuch oder Roman? Kameradin M. und ihre Truppe

24.02.2011 ·  Eine einstige Soldatin der Bundeswehr narrt mit Märchen vom Krieg auf dem Balkan die Öffentlichkeit. Die Journalisten machen es ihr leicht. Viel zu leicht.

Von Michael Martens
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In ihrem exzellenten Buch über die Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert beschäftigt sich die Südosteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic auch mit den Legenden, die den blutigen Zerfall Jugoslawiens begleiteten. Unter anderem erwähnt sie die seinerzeit in Serbien verbreitete Meldung, muslimische Extremisten hätten serbische Kinder den Löwen im Zoo von Sarajevo zum Fraß vorgeworfen. "Auch deutsche Politiker sind der einen oder anderen erfundenen Meldung aufgesessen, wie der, dass serbische Ärzte bosnischen Frauen Hundeföten einsetzten. Nicht nur Feindbilder, sondern auch mancher mediale Voyeurismus wurde dadurch bedient", schreibt Marie-Janine Calic.

Die Hundeföten-Episode, die ein CDU-Abgeordneter Anfang der neunziger Jahre mit dem an sich honorigen Anliegen verbreitete, die Regierung Kohl zum Eingreifen in Bosnien zu bewegen, ist längst vergessen und war bald überholt vom realen Grauen, das sich in Srebrenica oder den bosnischen Orten an der Drina ereignete. Dennoch blieb "der Balkan" nicht allein Produzent tatsächlicher Grausamkeiten, sondern auch eine florierende Mythenfabrik. Die in den Vereinigten Staaten lehrende Historikerin Maria Todorowa hat diesem Phänomen unter dem Titel "Die Erfindung des Balkans" ein ganzes Buch gewidmet. Verkürzt lautet ihre These, dass der Westen sich seit Jahrhunderten "seinen Balkan" zurechtgelegt hat - eine düstere Karl-May-Landschaft, in der es grausam und verschlagen zugeht, wo Krummdolch oder Revolver locker sitzen.

Im Heyne Verlag ist ein Buch erschienen, das Todorowas These auf Punkt und Komma bestätigt. Geschrieben hat es die einstige Bundeswehrsoldatin Daniela Matijevic, die 1999 für einige Monate auf dem Balkan eingesetzt war. Unter dem Titel "Mit der Hölle hätte ich leben können" beschreibt sie, was ihr im Kosovo widerfuhr - angeblich. Tatsächlich haben Recherchen dieser und einer kosovarischen Zeitung ergeben, dass einige der horrenden Geschichten erfunden, andere höchst unglaubwürdig sind, so etwa die Schilderung deutscher Soldaten, die aus Hunger das Fleisch eines Hundes aßen, oder die Behauptung, Militärpolizisten der Bundeswehr hätten tatenlos der Ermordung eines Kindes zugesehen (siehe auch: Legendenbildung: Der grausige Krieg der Daniela M.)

In Interviews schmückte die Autorin ihre Erlebnisse aus: "Ich habe gesehen, wie Menschen ein dreijähriges Kind regelrecht auseinanderrissen. Alle anderen sahen seelenruhig zu, wie der kleine Junge verblutete." In ihrem Buch liest sich das wie eine Mischung aus schlechten Hollywood-Dialogen und Landserheftkitsch.

Daniela Matijevic beschreibt in einer Szene, wie sie mit ihren Kameraden nach einem vermissten englischen Soldaten gesucht habe, "dessen letzter Aufenthalt das Krankenhaus in Prishtina war". Die Suche gipfelt in unfreiwilliger Komik: "Den britischen Kameraden entdeckten wir im Keller, versteckt unter einem Berg Krankenhausmüll. Er war tot. Er möge in Frieden ruhen." Eine schriftliche Bitte, Zeugen für ihre meist ohne Angabe von Ort, Zeit und Namen verfassten Schilderungen zu nennen, ließ die Autorin unbeantwortet. Die EU-Mission Eulex sowie die UN-Mission Unmik im Kosovo, in deren Archiven sich zumindest Hinweise auf die beschriebenen Verbrechen finden müssten, beschieden Anfragen ebenso negativ wie das Hauptquartier der internationalen Kosovo-Truppen: Man habe die zugänglichen Unterlagen geprüft, ohne einen Hinweis auf die in dem Heyne-Buch geschilderten Verbrechen finden zu können.

Als "Legendensammlung" bezeichnet der Veteran Frank Meier, der seinen echten Namen aufgrund seiner damaligen Zugehörigkeit zu einer Spezialeinheit nicht genannt sehen will, das Buch seiner ehemaligen Kameradin. Meier war 1999 als Fallschirmjäger und Angehöriger eines Aufklärungszugs im Kosovo. Er hat eine interessante Erklärung dafür, wie Matijevics Buch zustande gekommen sein könnte: Der einzelne Soldat bekommt keinen Überblick über das Geschehen. Von der Führung werden nur Informationen an die Teileinheitsführer herausgegeben, die für die Erfüllung des Auftrags notwendig sind. Das führt dazu, dass sich die Soldaten rege über Erkenntnisse austauschen, wenn sie Kameraden treffen, die in einem anderen Bezirk tätig sind. Dadurch entstehen Geschichten, die zwar unter allen Soldaten kursieren, deren Wahrheitsgehalt und Ursprung sich jedoch nicht nachvollziehen lassen. Ähnlich wie bei Jägern oder Anglern kommt es bei dieser stillen Post manchmal zu groben Übertreibungen oder Märchen. "Ich nehme an, dass Frau Matijevic den Fehler gemacht hat, ihr Buch mit diesem vermeintlichen Wissen zu füllen und das obendrein als selbst Erlebtes darzustellen. Dass sie Probleme hat, den Nachweis zu führen, wäre dann kein Wunder."

All das wäre noch kein Grund, sich mit dem Buch zu beschäftigen. Erschreckend ist aber, was deutsche Journalisten daraus machen. Obwohl das Werk vor sachlichen Fehlern und unglaubwürdigen Details strotzt, bestreitet die Autorin eine Tournee durch Talkshows, zieht von Zeitungsinterview zu Zeitungsinterview und wird als Opfer einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) porträtiert. "Berliner Morgenpost": "Was sie mit 24 Jahren als Soldatin im Feldlager Prizren erlebt hat, will hier niemand hören und niemand verstehen." Deutschlandradio: "Tote Kinder, Massengräber, verrohte Kameraden ... Sie haben Schlimmeres als die Hölle erlebt." "Hamburger Abendblatt": "Vielleicht ist ihr Buch deshalb so berührend, weil sie eine Frau ist und aus ihrer weiblichen Perspektive der Krieg noch brutaler erscheint." Scheint sich niemand an den abstrusen Geschichten zu stören? Auch öffentlich-rechtliche Sender behandeln das Thema mit stupender Oberflächlichkeit.

Zum Beispiel "Bärbel Schäfer live", eine Radiosendung des Hessischen Rundfunks: Bärbel Schäfer moderierte diverse Krawallshows für RTL, bevor sie öffentlich-rechtlich wurde und unter anderen Daniela Matijevic in ihre Sendung rief. Was dabei herauskam, war keine Sternstunde des Journalismus. In der Anmoderation geht es durcheinander, weil Bosnien und das Kosovo verwechselt werden. Dafür werden die Hörer durch Bärbel Schäfers Gesprächseinstieg entschädigt: "Sie waren vor elf Jahren mit der Bundeswehr als Sanitäterin im Auslandseinsatz, ganz genau im Kosovo. Krieg hat nicht nur schöne Seiten, das ist, glaub' ich, den meisten klar. Über die schrecklichen Erlebnisse werden wir sicherlich im Laufe des Gesprächs auch noch sprechen. Aber hat Krieg auch positive Erlebnisse, die Sie vielleicht mit nach Hause gebracht haben?"

Was für ein Einstieg. Wer sich unsicher war, ob Krieg nicht auch schöne Seiten habe, wird nun definitiv wissen - hat er nicht! Denn im Kosovo, weiß Bärbel Schäfer, erlebte Daniela Matijevic "knallharte Realität, mit unglaublich vielen Toten, unglaublich vielen Wunden und Verletzten". Ihr Gast bestätigt das. Zunächst habe sie keine Ahnung gehabt, "wie Krieg funktioniert", doch nach zwei Wochen habe sie es begriffen. Unter anderem wusste sie, "dass du, wenn du auf Toilette gehst, beschossen wirst".

Daniela Matijevic zeichnet ein Bild des Grauens: "Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir im Kosovo ankommen und knietief in Leichen stehen. Wir haben nicht damit gerechnet, dass du mit einer Bevölkerung konfrontiert wirst, die überhaupt nicht will, dass man ihnen hilft." Ein Journalist, der sich vorbereitet, hätte spätestens jetzt einhaken müssen, denn der Einmarsch der westlichen Truppen ins Kosovo im Juni 1999 ging vollkommen friedlich vor sich. Wer das vergessen hat oder nie wusste, hätte es leicht recherchieren und herausfinden können, dass kein Bundeswehrsoldat im Kosovo je bei einem Gefecht ums Leben kam. Bei Bärbel Schäfer darf Daniela Matijevic alles Mögliche behaupten, ohne dass sie kritische Nachfragen fürchten muss.

Aber wie steht es mit dem Verlag, der solche Münchhauseniaden als "Sachbuch" veröffentlicht? Klaus Fricke, Leiter des Ressorts Sachbuch bei Heyne, spricht davon, bei der "Entscheidung" für ein Sachbuch sei es darum gegangen, die Lage von PTBS-Opfern "emotional nachvollziehbar zu machen". Verfolgt Heyne nicht den Anspruch, dass der Wahrheitsgehalt von Sachbüchern nach bestem Wissen und Gewissen geprüft wird? Fricke: "Selbstverständlich prüfen wir Bücher, die im Sachbuchprogramm des Heyne Verlags erscheinen, auf Richtigkeit." Hat sich also niemand im Verlag gefragt, ob das alles stimmt, was die Autorin behauptet? Fricke: "Ein Thema bei den Gesprächen mit Frau Matijevic im Vorfeld war auch die Belegbarkeit ihrer Darstellung." Laut Fricke geht alles seriös zu: "Wenn wir den Eindruck gewinnen, ein Buch sei unseriös, verzichten wir darauf." Da drängt sich eine Zusatzfrage auf: Wie unseriös muss ein Buch sein, damit der Heyne Verlag es nicht für vertretbar hält?

Man könnte meinen, dass fast alles geht, wenn Afrika, Afghanistan oder der Balkan Schauplätze eines "Sachbuchs" sind. Wer über Frankreich oder Spanien ähnliche Dinge verbreiten wollte wie Daniela Matijevic über den Balkan, käme damit nicht in Talkshows und Zeitungsspalten. Über andere Weltgegenden aber darf Schmarrn verbreitet werden. Wer sind wir denn, dass wir uns erzählen ließen, wie es zugeht auf dem Balkan? Schließlich haben wir ihn erfunden.

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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