http://www.faz.net/-gpf-8v3hb

Unbekannte Todesursache : Russlands UN-Botschafter Tschurkin gestorben

Witali Tschurkin im März 2016 im UN-Sicherheitsrat Bild: dpa

Seit 2006 vertrat Witalij Tschurkin Russland am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York. Sein Job wurde vor allem in den vergangenen Jahren interessant. Nun ist er überaschend gestorben.

          In New York ist am Montag überraschend Witalij Tschurkin gestorben, Russlands ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen - wie das Außenministerium in Moskau mitteilte, starb er an seinem Arbeitsplatz. Gründe teilte das Ministerium nicht mit. An diesem Dienstag wäre Tschurkin 65 Jahre alt geworden. Die Sprecherin des Außenministeriums bezeichnete den Verstorbenen als „großartigen Diplomaten“, Michail Gorbatschow, der erste und letzte Präsident der Sowjetunion, sagte, er habe Tschurkin als „ziemlich nüchternen Menschen, großen Diplomaten, Politiker und echten Russen“ gekannt.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Mehr als zehn Jahre vertrat Tschurkin Russland in New York. Der Posten des ständigen Vertreters bei den Vereinten Nationen, den Außenminister Sergej Lawrow von 1994 bis 2004 bekleidete, gilt als zweitwichtigster in der Diplomatie des Landes: Die von der Sowjetunion ererbte Vetomacht im Sicherheitsrat soll zusammen mit dem Atomwaffenarsenal Russlands Weltmachtstatus garantieren. Man nutzte sie lange recht sparsam. Das änderte sich mit dem Konflikt in Syrien.

          Zugunsten des Damaszener Verbündeten hob Tschurkin bei der Frage nach Gegenstimmen immer wieder die Hand. Zum einem Veto gegen die französische Forderung nach einem Ende der Luftangriffe auf Aleppo im Oktober 2016 sagte Tschurkin, das wahre Motiv des Entwurfs sei es, das Veto Russlands zu provozieren. Auch wies er die „pathetische“ Aufforderung seines britischen Kollegen zurück, die Bombardierung sofort einzustellen: „Hört auf, euch in die Angelegenheiten souveräner Staaten einzumischen, beendet diese kolonialen Gewohnheiten, lasst die Welt in Ruhe.“ Zu dem Veto gegen die Einrichtung eines Tribunals zum Abschuss von Flug MH17 im Juli 2014 über der Ostukraine mit 298 Toten sagte Tschurkin, es gehe nicht darum, Schuldige zu finden, sondern welche zu bestimmen.

          Vor dem Wechsel nach New York war der 1952 in Moskau geborene Karrierediplomat unter anderem Botschafter in Kanada und Belgien, von 1992 bis 1994 war er Moskaus Jugoslawien-Beauftragter. Er hatte reiche Erfahrung darin, Russlands Darstellung der Welt in Worte zu kleiden, die im Westen gemeinhin als zynisch galten - wie etwa Tschurkins Äußerung im Dezember, wiederum zu Aleppo: Kinder würden mit Staub bedeckt, um sie als Opfer von Bombenangriffen auszugeben. Doch in einem Interview mit der Zeitung „Kommersant“ im Frühjahr 2016 widersprach Tschurkin dem Einwand, es scheine, dass „uns niemand mehr glaubt“. Er denke, dass Leute im Westen sehr wohl Russland glaubten, sagte der UN-Botschafter. Es sei wie bei einem „modernen Fußballspiel - hart, athletisch, selten schön“.

          New York : Russischer UN-Botschafter Tschurkin überraschend gestorben

          Ende Oktober, nach einem mutmaßlich russischen Luftangriff auf eine Schule in der syrischen Provinz Idlib, bei dem mindestens 22 Kinder und sechs Lehrer getötet worden, teilte Tschurkin mit, es wäre nun das Einfachste zu sagen, „das waren wir nicht“. Doch er als „verantwortungsvoller Mensch“ müsse abwarten, was das Verteidigungsministerium sage. „Das ist schrecklich, schrecklich, ich hoffe, das waren nicht wir“, so der UN-Botschafter damals. Kurz darauf übernahm es in Moskau das Außenministerium, die Teilnahme Russlands und Syriens an dem Angriff als „Schwindel“ zurückzuweisen, wie in solchen Fällen üblich. Tschurkin hinterlässt Frau, Sohn und Tochter.

          Quelle: dpa

          Weitere Themen

          Das Parlament übertrumpft May Video-Seite öffnen

          Brexit-Veto : Das Parlament übertrumpft May

          Die britischen Abgeordneten werden beim endgültigen Austritt aus der Europäischen Union das letzte Wort haben. Dafür stimmten im Parlament am Mittwoch nicht nur die Mitglieder der Opposition.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Unionsfraktionsvorsitzender Volker Kauder und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Bundestag

          Regierungsbildung : Keine Zeit für Experimente

          Führende Unionspolitiker sind für die Fortsetzung der großen Koalition. Sie hoffen auf eine verlässliche Basis mit stabiler Mehrheit im Parlament. Ein Streitpunkt bleibt die von der SPD geforderte Bürgerversicherung .

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.