03.03.2008 · Dmitrij Medwedjew zeigt sich nach seiner Wahl in Jeans und Lederjacke. Die Botschaft scheint klar: Russlands neuer Präsident ist „einer zum Anfassen“. Doch vorläufig kann Medwedjew fast nur über seine Beziehung zu Putin definiert werden.
Von Michael Ludwig, MoskauAm Sonntagabend stapften zwei Männer durch den Moskauer Schneeregen vom Wasiljewskij Spusk über den Roten Platz vor dem Kreml. Der scheidende Präsident Putin und der neue Präsident Russlands, Dmitrij Medwedjew, schritten zu einem Konzert der Popgruppe „Ljube“ an der Kremlmauer, wo einige zehntausend junger Leute die beiden Männer feiern wollten. Für die Zuschauer im Fernsehen war ihr Weg zur Tribüne musikalisch untermalt mit einem Lied von „Ljube“, in dem zur Verteidigung der Heimat aufgerufen wird.
Medwedjew, der als Chef der Präsidialverwaltung Putins, als stellvertretender Ministerpräsident oder als Vorsitzender des Aufsichtsrates von Gasprom stets in feinstes Tuch gekleidet war, kam in Lederjacke und Jeans. „Einer zum Anfassen“, war die Botschaft. Am Abend zuvor waren viele der jungen Leuten mit einer ganzen Armee von Autobussen nach Moskau gebracht worden. „Vorwärts Russland!“ hieß die Parole, es wurde „Hurra!“ gebrüllt.
Putin: Noch zu jung für die Rente
Vor wenigen Wochen noch waren diese jungen Leute mit der Parole „Für Putin“ mobilisiert worden. Das ist kein Widerspruch, denn Putin und Medwedjew wollen ein Tandem zum Regieren bilden. Zwar glauben manche Russen, dass wer einmal im Kreml sitze, sich bald von den politischen Sponsoren emanzipiere – das habe Putin seinerzeit bewiesen. Aber vorläufig gilt die Parole, dass beide nur gemeinsam das Beste für Russland bewirken wollen, der 42 Jahre alte Sankt Petersburger Medwedjew und der 55 Jahre alte Sankt Petersburger Putin, der noch zu jung für die Rente ist. Die Mehrheit der Russen glaubt laut einer Umfrage, dass Medwedjew unter dem Einfluss Putins bleibt.
Vorläufig kann Medwedjew als Politiker fast nur über Putin beziehungsweise über seine Beziehung zu Putin definiert werden. Denn der Jurist Medwedjew stand seit den gemeinsamen Zeiten in der Petersburger Stadtverwaltung immer im Schatten Putins. Zuerst als Fachmann im städtischen Komitee für Auslandsbeziehungen, das Putin leitete. Medwedjew arbeitete dort fünf Jahre lang bis 1996. Nebenbei machte Medwedjew einen Job an der Uni, dann versuchte er sich auch als Unternehmer bei Ilim Pulp Enterprise und Finzell – Engagements, über die er gerne schweigt.
Vorsichtig genug
Putin holte Medwedjew – wie viele andere Petersburger – nach Moskau, nachdem er 1999 Ministerpräsident geworden war. Während Putins Präsidentschaft wurden die Petersburger Seilschaften noch zahlreicher: Dazu gehörten liberale Wirtschaftspolitiker und Juristen wie Medwedjew, aber auch Geheimdienstler folgten Putin von der Newa an die Moskwa. Medwedjew konzipierte als Jurist die Entmachtung des Föderationsrates, des russischen Oberhauses, um die Machtvertikale des Präsidenten zu stärken. Das ist ein Punkt, an den man sich halten kann.
Als erster stellvertretender Ministerpräsident koordinierte Medwedjew nach 2005 die vier „Nationalen Projekte“. Mit ihnen sollte dem Wohnungsbau, dem ländlichen Raum, dem Gesundheitswesen und dem Bildungswesen geholfen werden. Medwedjew wurde zum Strahlemann, der durch das Land reiste und Milliarden verteilte. Die Kritik an den Projekten blieb auf Oppositionskreise beschränkt, und die sind in Russland nicht meinungsmächtig. Medwedjews Umfragewerte stiegen. Gleichzeitig wurde lanciert, dass Medwedjew ein potentieller Nachfolger Putins sei; er hüllte sich in Schweigen, dementierte aber auch nicht. Ganz wenige Wünsche für Interviews wurden damals erfüllt, und den Bittstellern wurde auferlegt, politische Fragen zu vermeiden. Medwedjew war vorsichtig genug, nicht zu früh vorzupreschen. Es gab ja noch den Konkurrenten Sergej Iwanow, der nicht zu unterschätzen war.
Nur eine nationalistische Internetseite schoss quer
Der Öffentlichkeit wurde Medwedjew als Nachfolger Putins erst nach dem Sieg der Kremlpartei „Einiges Russland“ im Dezember vorgestellt. Putin pries seinen Adlatus, wo immer er konnte, und ließ keinen Zweifel an seinem tiefen Vertrauen zu ihm. Das war das entscheidende Pfund, mit dem Medwedjew wuchern konnte und sollte – und das dürfte auch die Wahl entschieden haben. Medwedjew selbst machte keinen Wahlkampf.
Er reiste weiter in Regierungsfunktion und als Manager der „Nationalen Projekte“, dozierte auf Zusammenkünften der Wirtschaft über Recht und Freiheit. Zum Teil geschah das mit den gleichen Worten, die auch Putin einst gewählt hatte. Die staatlich kontrollierten Medien spielten das im Kreml erdachte Spiel mit. Die „Iswestija“, die von einer kritischen Zeitung zum Staatsblatt mutiert ist, seit sie von der Medienholding von Gasprom übernommen wurde, trug mit langen Hofberichterstattung zur Popularität bei.
Ein Graphologe meldete sich in den Medien zu Wort, der nachwies, dass Medwedjews Handschrift in Laufe der Jahre immer kerniger geworden sei. Nur eine nationalistische Internetseite schoss quer und versuchte nachzuweisen, dass Medwedjew jüdische Vorfahren habe, um ihn damit in Misskredit zu bringen, fand aber keinen Widerhall.
Kein einziger „Imagemaker“
Vor der Wahl gab der siegesgewisse Medwedjew dann in einer Zeitschrift Auskunft über sein Privatleben und seine Jugend: Er zeichnete ein Bild vom bescheidenen Elternhaus in einer Sankt Petersburger Plattenbausiedlung und vom strebsamen Jungen, der sich weder die begehrten Jeans und noch die ersehnten Platten, beispielsweise „The Wall“ von Pink Floyd, leisten konnte, vom Jurastudium. Medwedjew berichtete, dass er sich erst als junger Mann habe taufen lassen und damit ein neues Leben begonnen habe. Als Vater eines Sohnes sei er dagegen gewesen, dass seine Frau nach der Geburt des Kindes einem Beruf nachging, und habe sich durchgesetzt.
Auch dem Zeitschriftenpublikum sagte Medwedjew, wie wichtig die Beachtung des Rechts sei. Selbst wenn manche sich gefragt haben werden, wieso er es dann in den vergangenen Jahren in der engeren Führung des Staates ausgehalten habe, hat eine Mehrheit den Mann gewählt, der von sich behauptet, nicht ein einziger „Imagemaker“ arbeite für ihn. Sie verlangt offenbar nicht einmal, dass er aus dem Schatten heraustritt, in dem er steht.
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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