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Vergifteter russischer Spion : Könnte Moskau hinter dem Angriff stecken?

Der frühere russische Agent Sergej Skripal am 27. Februar in einem Geschäft in Salisbury, aufgenommen von einer Überwachungskamera Bild: AP

Nach dem Angriff mit Nervengift auf den früheren russischen Agenten Sergej Skripal in London ist der Verdacht schnell auf Russland gefallen. Welches Interesse hätte Moskau daran, einen Anschlag in Großbritannien zu verüben?

          Dmitrij Peskow war nicht verwundert, dass der Verdacht sofort auf Russland fiel: „Das hat nicht lange auf sich warten lassen“, sagte Wladimir Putins Sprecher am Dienstag in der ersten offiziellen russischen Reaktion auf die Vergiftung des ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal und seiner Tochter in Großbritannien. Natürlich wies Peskow den Verdacht zurück und bot den Briten russische Hilfe bei den Ermittlungen an: „Moskau ist immer offen für Zusammenarbeit“, sagte er. „Noch hat sich niemand mit einer solchen Bitte an uns gewandt.“ Das wird auch kaum passieren – schließlich vermuten nicht nur die britischen Medien, sondern auch Außenminister Boris Johnson die Hintermänner der Tat in Russland.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Der Verdacht ist in der Tat naheliegend, dass russische Geheimdienste einen Überläufer aus den eigenen Reihen bestraft haben. Es wäre schließlich nicht das erste Mal: Im November 2006 wurde in London Alexander Litwinenko, ein ehemaliger Agent des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, mit dem radioaktiven Stoff Polonium vergiftet. Litwinenko wurde schlecht, nachdem er in einem Londoner Hotel mit zwei Russen Tee getrunken hatte – und die von ihnen hinterlassenen Polonium-Spuren ließen sich durch halb Europa verfolgen. In einem im Januar 2016 veröffentlichten Bericht zur Ermordung Litwinenkos kam der britische Richter Robert Owen unter anderem auf der Grundlage von Erkenntnissen des Auslandsgeheimdienstes MI 6 zu dem Schluss, dass es sich dabei um eine vermutlich vom damaligen FSB-Chef Nikolaj Patruschew und Präsident Wladimir Putin angeordnete Operation gehandelt habe.

          „Verräter enden immer schlecht“, sagte Putin im Sommer 2010, als er in Moskau zehn aus den Vereinigten Staaten heimgekehrte russische Agenten empfing, die gegen vier in Russland wegen Spionage für die Vereinigten Staaten und Großbritannien verurteilte Russen ausgetauscht worden waren. Einige Wochen später wurde Putin noch deutlicher: Er bezeichnete die „Verräter“ öffentlich als „Vieh“ und „Schweine“, die „von selbst verfaulen werden“. Einer der vier Russen, die damals im Austausch für die in Amerika festgenommenen Spione freikamen, war der nun vergiftete Sergej Skripal. Der einstige Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU war 2006 wegen Spionage für Großbritannien zu 13 Jahren Haft verurteilt worden.

          An dem Anschlag auf Skripal und seine Tochter macht allerdings ein Umstand stutzig, auf den sowohl der britische Sicherheitsfachmann Mark Galeotti als auch Andrej Lugowoj, der russische Hauptverdächtige im Mordfall Litwinenko, hingewiesen haben: Zwischen Geheimdiensten habe bisher eine ungeschriebene Regel gegolten, nach der ertappte und aufgrund eines Deals zwischen den beteiligten Staaten freigelassene Spione in Ruhe gelassen werden. Lugowoj sieht darin einen Beleg dafür, dass Skripal nicht von den russischen Geheimdiensten vergiftet worden sei. Galeotti hingegen sieht in dem Angriff auf Skripal in einem Artikel für „The Telegraph“ einen weiteren Beleg dafür, dass Russland sich immer weniger an geschriebene und ungeschriebene Regeln gebunden sieht und immer aggressiver auftritt.

          Bleibt die Frage, was sich die russische Führung von dem Anschlag auf Skripal erhoffen könnte – zumal, wenn sich bestätigen sollte, dass mit dem mutmaßlich verwendeten Nervengift auch das herstellende Labor identifiziert werden kann. Damit wäre, wie im Fall Litwinenko, von den Tätern gewissermaßen eine Spur gelegt worden. Und falls es sich tatsächlich um eine Operation russischer Geheimdienste handelt, wäre das sicher nicht aus Versehen passiert. Geht es darum, anderen – potentiellen – Überläufern zu zeigen, dass sie und ihre Familien nie und nirgendwo in Sicherheit leben können? Soll zugleich auch den westlichen Regierungen demonstriert werden, wozu man in der Lage und bereit ist – und wie wenig sie dagegen tun können?

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