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Russland Wo der Leibhaftige in Frauengestalt auftritt

 ·  Eine Punkband erregt in der orthodoxen Kirche in Russland und bei den politisch Mächtigen Anstoß. Ein Protest gegen Putin wird zum Kampf zwischen Moral und Unmoral stilisiert.

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© dapd Eine Demonstrantin mit dem Plakat „Freiheit“ und einem Bild von Natalya Tolokonnikova, die als Mitglied von Pussy-Riot in Untersuchungshaft sitzt

In der südrussischen Stadt Krasnodar gab es am Samstag für Demonstranten Graupen mit Zwiebeln aus einer Feldküche. Sogar der stellvertretende Gouverneur der gleichnamigen Provinz war gekommen, um tausenden Landsleuten den Rücken zu stärken. Die sehen Russlands geistig-moralische Grundlagen durch gefährliche Punk-Frauen von der Band „Pussy-Riot“ bedroht. Deshalb waren sie den Demonstrationsaufrufen der Kuban-Kosaken, einer russischen orthodoxen Union und einiger anderer Organisationen gefolgt.

Der Feind, drei junge Frauen, saß derweil weit weg in einem Moskauer Untersuchungsgefängnis, wo er noch bis gegen Ende April, wenn ein Prozess beginnen soll, eingesperrt bleibt. Würden die Frauen, von denen zwei kleine Kinder haben, schuldig gesprochen, drohen ihnen Freiheitsstrafen von bis zu sieben Jahren. Von den Ermittlern werden sie verdächtigt, am 21. Februar, zwei Wochen vor der Präsidentenwahl, die Hauptkirche der russischen orthodoxen Kirche, die Moskauer Christi Erlöserkathedrale, mit einer „gotteslästerlichen“ Performance heimgesucht zu haben, die auch eine politische Dimension besaß.

Sie sangen Maria an, Putin zu vertreiben

Die Einsitzenden sollen demnach zu der Gruppe von Punk-Frauen gehört haben, die - wie bei „Pussy Riot“-Auftritten üblich - in farbige, bis übers Kinn gezogene Wollmützen mit Sehschlitzen für die Augen und Öffnungen für den Mund, in grelle Kleidchen und knallig bunte Strumpfhosen gewandet, die Heilige Gottesmutter Maria in einem getanzten, zum Teil aber auch im Stil der orthodoxen Liturgie gesungenen „Punk-Gebet“, anriefen, Putin zu vertreiben. Den öffentlichen Schulterschluss des Patriarchen Kirill mit Putin im Blick, griffen die vermummten Punkerinnen auch das Kirchenoberhaupt an, weil Kirill es zulasse, dass die Kirche für den Wahlkampf instrumentalisiert werde.

Kirchenbesucher waren geschockt, als die Punk-Frauen vor dem Ikononostas und der Zarenpforte, die Patriarch Kirill nur an sehr hohen kirchlichen Feiertagen durchschreitet, loslegten. Das Spektakel dauerte kaum eine halbe Minute, dann waren die Punkerinnen von Kirchendienern vertrieben worden. Noch am gleichen Tag wurde jedoch ein Videoclip von dem „Punkgebet“ ins Internet gestellt. Erst dann schlugen die Wellen der Empörung hoch. In der Tat sahen orthodoxe Gläubige ihre religiösen Gefühle durch den Auftritt von „Pussy Riot“ verletzt. Aber es gab auch viele, die die Protestwelle für ihre politischen Ziele nutzen wollten. Dazu gehören auch hochgestellte Persönlichkeiten. Drei Mitglieder von „Pussy Riot“ wurden später verhaftet, andere verstecken sich vor der Polizei, aber sicherlich auch vor jenen, die womöglich bereit wären, die Aufrufe zur Lynchjustiz an den „Gotteslästerinnen“ zu befolgen.

Ob Krasnodar aber als Ort für den organisierten Massenprotest gegen anstößige Protestkunst und die darin lauernde Gefahren einer „Zersetzung“ des moralischen Wertesystems Russlands gut gewählt war, kann man bezweifeln. Denn ausgerechnet im Krasnodarer Land hatte unter den Augen des vom Kreml eingesetzten Gouverneurs, der Polizei, der Kosaken oder anderer moralisch unanfechtbarer Verbände im Städtchen Kuschtschjowka jahrelang eine Bande ihr Unwesen getrieben, der erst das Handwerk gelegt wurde, als sie schon mehrere Morde begangen hatte.

Bei den Ermittlungen kam heraus, dass die Verbrecher von Polizisten und Staatsanwälten immer wieder gedeckt worden waren. Den Gouverneur des Gebiets hat der scheidende Präsident Medwedjew, der dem verbreiteten Rechtsnihilismus im Land verbal den Kampf angesagt hatte, dennoch kürzlich im Amt bestätigt. Noch schnell Anhänger des herrschenden Machtkartells um Putin in Gouverneursämter zu bringen, bevor die Gouverneure auf Druck der Opposition bald wieder vom Volk gewählt werden, nennen Kritiker Vorsichtsmaßnahmen „derer da oben“, um Demokratie und Föderalismus in Russland nur ja nicht „ausarten“ zu lassen.

In Moskau versuchten gleichzeitig mit der Krasnodarer Protestkundgebung am Samstag einige Dutzend Unterstützer der einsitzenden Frauen in einem gemieteten Autobus den Gartenring zu befahren, dabei bisweilen anzuhalten, um Passanten über konfliktträchtige moderne Kunst aufzuklären, die auch Provokationen im Arsenal hat, und für die Freilassung der Frauen aus der Untersuchungshaft zu werben. Die Polizei sorgte dafür, dass das nicht gelang. Aussichten auf breite Unterstützung hätte es aber ohnehin nicht gegeben. Denn die Stimmung ist aufgeheizt.

Der provozierende Name bleibt vielen verborgen

Es kam bereits zu Schlägereien, bei denen Jungrussen aus der nationalistischen Ecke gegen „Verderber und Zersetzer“, die nach ihrer Weltsicht unter westlichem Einfluss stehen, auch gegen Frauen vorgingen, weil diese für die Freilassung der Punkerinnen eintraten. Würden orthodoxe russische Patrioten auf den Gedanken verfallen, die bisher nur in Hauptstadtmedien benutzte russische Entsprechung von „Pussy Riot“ (Piskin bunt) in ihre Polemiken einfließen lassen, ließe sich die Empörung über die Punk-Frauen vielleicht sogar noch steigern. Nicht nur dass sie für Aufruhr (Riot) sehen - das Wort Pussy ist eine wenig feine Bezeichnung für das weibliche Geschlechtsorgan.

Bislang blieb der bewusst provozierende Charakter des Bandnamens in der Provinz noch vielen verborgen. Würden sie aufgeklärt, käme vielleicht noch die zusätzliche Dimension von Geschlechterkampf ins Spiel, wo es um Gotteslästerung und politische Hardcore-Satire geht.

Patriarch Kirill hatte sich erst Tage nach dem Vorfall in der Christi Erlöserkathedrale zu Wort gemeldet, sah später - kurz vor der Entscheidung über die Verlängerung der Untersuchungshaft der drei Frauen - dann den Teufel am Werk. Der habe sich der Punkerinnen bedient, deren Tat eine Verhöhnung des Heiligsten gewesen sei. Wenn orthodoxe Gläubige - auch das war vorgekommen - diese Lästerung zu verharmlosen suchten, verdienten sie nicht, Christen genannt zu werden. Luzifer habe sich ins Fäustchen gelacht, beklagte Kirill, weil es ihm gelungen sei, ausgerechnet während des großen Fastens vor Ostern soviel Kummer und Unruhe zu stiften.

Dafür hatten auch Kirills Gegner gesorgt, die den Patriarchen im Internet wegen einer Luxuswohnung in Kremlnähe, die womöglich von einer Konkubine bewohnt sei, oder wegen des Besitzes einer sündhaft teuren Uhr angriffen. Der Patriarch sah sich gezwungen, die Vorwürfe öffentlich zu bestreiten. Aber auch andere „wahre Christen“ blieben nicht untätig. Erzpriester Wsjewolod Tschaplin, im Patriarchat für die Kontakte mit der Gesellschaft zuständig, meinte, der Videostreifen über den Punkerinnen-Auftritt erfülle den Tatbestand des Extremismus. In der Umgebung des Präsidenten nutzte man die Gunst der Stunde, um Journalisten, die in der Kathedrale gewesen waren oder über die Vorfälle um „Pussy Riot“ geschrieben hatten, zu verurteilen und gleich dem gesamten Berufsstand, der ohnehin schon mit Zensur zu kämpfen hat, einen „neuen Moralkodex“ anzudrohen.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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